Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316507--55257-3349078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mr. 46 DIE^LT Ii 1227 r die Entfernungen des Raums überwindet und die Mitteilung < on Gedanken ermöglicht, sind in beständiger VervoIIkommuing begriffen. Auf all diesen Gebieten des praktischen Levens ändert sich auch unser Volk, wie jedes andere. Auch die sittlichen Begriffe vertiefen sich und zu den alten Anschauungen kommen neue hinzu. Aber wenn irgendwo von einem eisernen Bestand moralischer Prinzipien die Rede sein kann, so ist dies hei unserem Volke der Fall. Die jüdische Kultur wird also :licht vergehen. Und nun die Frage wegen der genauen Gestali ■!er Zukunft. Wir wissen von der Zukunft auf Erden fast so venig, wie von der Zukunft in einer anderen Welt. Wir haben ■s notdürftig so weit gebracht, zu wissen, wie morgen das Wetter sein wird; aber schon auf den zweiten Tag reicht unser 'orherwissen nicht. Wir können allenfalls vorhersehen, daß wischen zwei Völkern ein Krieg ausbrechen wird, aber wie ücser zu Ende gehen wird, das wissen wir nicht. Möge nur iner der Siebenmal weisen uns jetzt beispielsweise vorhersagen, \ ie der jetzige Krieg zwischen Italien und der Türkei enden vird! Wir können vorhersehen, daß es mit dem Bestände ines Ministeriums zu Ende geht, aber wann dieses oder jenes /olk verschwinden wird, bleibt uns ganz verschlossen. Man ann wohl die Behauptung aufstellen, daß noch niemals eine Veissagung, die mehr als ein Gemeinplatz gewesen ist, in Erüllung gegangen ist. Seitdem der Tempel zerstört worden ist, sagen unsere \Hen, ist den Propheten die Gabe der Weissagung genommen orden. Andere, heißt es ferner, strecken ihre Hände nach dieser;abe aus. Ich möchte diese Anderen nicht so scharf bezeichnen, . ie es die Talmudisten tun. Der Wille zum Prophezeien darf icht getadelt werden. Es ist einmal Tatsache, daß die Menchen von jeher in sich den Drang gefühlt haben, ein Bild der 'ukuni't auszumalen. Man erzählt die Geschichte von Schlach- .eii, die in der Zukunft geschlagen werden sollen: man malt die Erfindungen aus, die in Zukunft die Menschen beglücken werdeu; man entwirft das Bild eines Staates, worin alles ganz indeis geordnet sein wird, als bei uns. Das sind vollkommen ::uißige und in den meisten Fällen recht geistlose Spiele der Phantasie. Der erste und größte unter allen, die das Bild der •'ukmiil entworfen haben, war Piaton. Ist aber auch nur ine seiner Prophezeiungen in Erfüllung gegangen? Keine dichterische Phantasie und keine tiefe Gelehrsamkeit ,iben es je vermocht, das Ende eines Volkes vorher zu bestimmen. Und doch ist es vom subjektiven Standpunkte aus interessant. Es war daher interessant zu wissen, was ein o m b a r t über die Zukunft der Juden denken möge. Ich iiiig erwartungsvoll zum Vortrag, der „Die Zukunft der Juden44 hetitelt war, und „so klug wie zuvor14 kam ich zurück. „Tont :srael4f war versammelt, es sah aus wie in einer Synagoge, l ausend bekannte Gesichter, lebhaftes Grüßen, Nicken, Gestikulieren, viel Temperament, das schöne Geschlecht stark vertreten —, ja, kein Wunder, wer ist nicht auf die Prophezeiung seiner Zukunft gespannt? Es ist nicht die müde, kühle Stimmung ler Literatenvereine; ich krame in meinen jugenderinnerungen, besinne mich auf die öffentlichen Vorträge eines Lazarus, eines;teinthal, die ich vor zwanzig Jahren in Berlin besucht hatte; es ist jetzt etwas ganz anderes: das Publikum will erregt, beunruhigt, verblüfft werden, man spürt von beiden Seiten den Puls starker Leidenschaften und persönlicher Gefühle heraus. Sowohl' vom Vortragenden, wie von den Hörern. Der Vortragende mag noch so wissenschaftlich sein wollen; es ist Aktualität, die er behandelt. mcr~ - Man muß immer darauf gefaßt sein, daß ein Titel nicht stimmt. Es war von einem Vortrag die Rede; wir werden deren zwei hören. Eigentlich wäre es verfrüht, jetzt schon einen Teil zu bewerten. Außerdem haben wir über die Zukunft sehr wenig gehört — „Entwicklungstendenzen", „Möglichkeiten", Wahrscheinlichkeiten", die ich gegenseitig aufheben. Die Juden werden in Rußland düi Gleichberechtigung erhalten, oder nein, sie werden die Gleichberechtigung nicht erhalten, es ist sogar das letztere wahrscheinlicher. Werden sie alle nach Amerika abwandern? Ja und nein, und vielleicht zu einem Teil ja, zum andern nein. Es ist wie ein Kaufhaus, in dem es alles gibt. Diese Vielheit der Antworten ist aber gar keine Ant vv ort. Weil eben Sombart ein sehr kluger Kopf ist und sich auf Prophezeiungen nicht einlassen will. In dieser Beziehung hat er vielen eine herbe Enttäuschung bereitet. Auch die „Entwicklungstendenzen" wurden nur leicht gestreift. Ein sehr interessantes Kapitel eine dieser Tendenzen ist der Uebergang der jüdischen Krämer und kleinen Handwerker in die Kadres des arbeitenden Proletariats, eine Erscheinung, die wir nicht nur in Amerika, sondern auch in den russischen Massenzentren beobachten. In diesem Prozeß ist der Untergang des jüdischen Kleinbürgertums schon latent, embryonisch vorhanden. Jedenfalls ist dies ein Gebiet, auf dem sich Sombart heimisch fühlen würde. Eine „Entwicklungstendenz" ist auch der ganze Komplex jüdisch-nationaler Bestrebungen, die auch viel ausführlicher besprochen werden müßten. Es war sehr wenig Zukunftsmusik und viel zu viel Gegenwart. Sombart hat kaum die Grenzen des Heute überschritten. Auch nach der Vergangenheit gerichtet ist sein Gesichtskreis sehr beschränkt. Der Vergleich zwischen der Lage der deutschen Juden vor hundert Jahren und jetzt ist das typische Beispiel einer willkürlich gewählten Analogie. Derselbe Vergleich mit der ersten Hälfte des Mittelalters würde anders ausfallen, in einem anderen Teile Europas wieder ganz anders. Am Ende beweisen diese Vergleiche überhaupt nichts. Spricht man über das jüdische Volk, so muß man dessen Mehrheit ins Auge fassen; die Lage der Mehrheit ist heute viel schlechter als je. Vielleicht daß die Juden ihr Leid tiefer empfinden, aber das bleibt sich gleich: der Grad des Leids ist eben dem Grad des Empfindens adäquat. Die Theorie, daß es den Juden in Deutschland so glänzend gehe, weil die Reibungsfläche für Konflikte viel kleiner ist als in Prankreich, wo die Juden als Offiziere und Beamte tätig sind, ist kaum stichhaltig. In Italien ist die Gleichberechtigung viel perfekter und die soziale Stellung der Juden viel höher als in Deutschland, trotzdem die genannte Reibungsfläche noch viel größer ist als in Prankreich. Man muß ein so glänzender Redner sein und mit einer den Hörer so absolut in Beschlag nehmenden sympathischen Vortragsweise unterhalten können, wie Sombart, um trotz einer so ungenügenden Vorbereitung über die Lage der osteuropäischen Juden, wie sie der Vortragende oft verriet, doch so wirkungsvoll zu referieren. Hundert Dinge mochten jeden Kenner dieser Verhältnisse verstimmen, zum Widerspruch reizen oder unbefriedigt lassen: die historischen Einzelheiten bedürfen einer genauen Korrektur, -die statistischen Ziffern sind richtig, aber schemenhaft, das Bild der „orthodoxen", 95" o „jüdisch sprechender Juden" ohne jeden Versuch in das Wesen dieser eigenartigen Kultur einzudringen — unvollständig und oberflächlich, die Prognose im Zusammenhang mit den politischen Fragen unsicher und schwankend. Bei der Gruppierung der östlichen Juden sind die jüdischen Massen der Türkei und des Orients ganz herausgefallen; bei den amerikanischen — ist der soziale Antisemitismus zu sehr potenziert. Aber das ganze war doch packend und geistreich. Entschieden sympathisch war in diesem pittoresken Vortrag die Art, wie Sombart die jüdische nationale Frage streifte. Er zitierte ganze Seiten der Lichtheimschen Broschüre über den Zionismus. In dieser Hinsicht hat der Vortragende den Puls-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.