Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1226 DIEXaSELT Nr. 46 \>m' llf ,r; '{■Mnur von hier unterstützt wurden. Im Jahre 407 wurden nämlich die Juden Jebs das Opfer eines Pogroms. Die Priester des ägvptischen Gottes Chnub zerstörten unter dem Schutze des ägyptischen Militärs, das von einheimischen Obersten geführt wurde, den jüdischen Teuipel von Gn?nd aus, verbrannten ihn und raubten alle wertvollen Gegenstände, die darin waren. Drei Jahre lang lag der Tempel in Trümmern, und die Juden trugen 7'rauerkleider, fasteten und beteten, tranken keinen Wein und salbten sich nicht. Oer Brief, den sie an Bagohi, den Statthalter von judäa. Jnchanan den Hohenpriester und seine Genossen die Priester iu Jerusalem und die Teilen der Juden schickten, blieb unbeantwortet, und erst als sie sich zum zweiten Male an Bagohi und zugleich an die Söhne des Sanballat, des Statthalters von Saniarien wandten, erhielten sie auf Verwendung der letz leren die Erlaubnis, den Altar wieder aufzubauen und darauf Speiseopfer und Weihrauchopfer darzubringen. Vielleicht, daß ihnen mit Rücksicht auf die Aegyptcr die Tieropfer immer noch verboten blieben. Dieser Sanballal nun, dessen Söhne hier erwähnt sind, ist der berühmte Feind des Nehemia, der sich zuerst am Teinpelbau beteiligen wollte, weil sein Volk denselben Gott wie die Juden anbetete und auch zum Teil von den Resten der zehn Stämme Israels abstammte. Erst nachdem er von den Juden abgewiesen war, versuchte er den Teinpelbau zu hindern, errichtete dann ein eigenes Heiligtum auf dem Garisim und wurde damit der Gründer der samaritanisclu.il Gemeinde, deren kümmerliche Reste noch heute in Palästina existieren. Diese älteste sicher beglaubigte antisemitische Bewegung, von der wir hier etwas -erfahren haben, entsprang nicht religiösen Motiven. I )ie Juden Jebs waren anscheinend deshalb den Aegvptern ein Dorn im Auge, weil sie treu zu den Persern hielten, in deren Diensten sie als Söldner standen. Juden als Söldner! -- das ist wiederum ein überraschendes Ergebnis dieser aramäischen l!rkn nden. Jeder Jude gehört zu einer Kompagnie, die von einem Perser oder Babvlonier befehligt wird. Die Juden besitzen Häuser und beider, aber sie sind an ihre E; '■ebimden und beziehen von der Regierimg ihren Sold, sie neuneu sieh seihst das jüdische Heer, sind also von den übrigen Truppenkörpern völlig geschieden. In der Zeit, aus denen die Dokumente stammen, bereitete sich nun aber der Abfall Aegyptens wm Persien vor, und natürlich ging es zuerst gegen die Juden, gegen die mau hetzen und wühlen konnte, bis man sich dann kräftig genug fühlte, offen gegen die Perser vorzugehen und das Joch der Fremden abzuschütteln. Die Priester des Gottes Chnub haben Schule gemacht. Noch heute verfährt man genau so wie vor 2300 Jahren. Man muß staunen über die ewige Gleichheit des menschlichen Charakters, wie sie sich hier zu erkennen gibt. Am meisten Sympathie für diesen nach Oberägypten versprengten Teil Israels werden die jüdischen Frauen haben. In Jeb war die Frauenemanzipation schon recht weit gediehen, ttnd der Umstand, daß ungefähr ein Drittel der erhaltenen Rechtsurkunden von Frauen handelt, ist allein schon beachtenswert. Die Frauen sind rechtlich den Männern gleichgestellt. Sie .haben ihren eigenen Besitz, sie tauschen ihre Aecker gegeneinander aus, sie führen Prozesse und schwören, sie machen Schulden; wenn sie heiraten, schließen sie mit ihrem Manne einen bis ins einzelne gehenden Ehevertrag, sie empfangen von ihm Brautgeschenke und revanchieren sich, sie erben das Vermögen ihres Mannes, selbst wenn sie mit demselben keine Kinder haben und anderweitige Verwandte vorhanden sind, und sie können sich, wenn sie ihren Mann hassen, von ihm scheiden, indem sie vor der Gemeinde erklären, daß sie ihn nicht mehr mögen. Natürlich müssen sie ihm in diesem Falle eine gewisse Summe zahlen, ebenso wie der Mann, wenn er sich scheiden will, den Kaufpreis, den er dem Vater der Braut gegeben hat, verliert. Im übrigen behalten sie ihr ganzes eingebrachtes Gut. Die Frauen beteiligen sich ferner am Leben der Gemeinde, sie zahlen, wie wir schon erwähnten, die religiösen Steuern, sie tragen nach der Zerstörung des Tempe's Trauerkleider und sie sollen an den Gebeten teilnehmen,, die man für den Statthalter verrichten will, wenn er die Wiederherstellung des Heiligtumes erlaubt. Das wir von einer Polygamie keine Spur finden, ist bei einem solchen Stande der Dinge weiter nicht zu verwundern. Der Tempel des Jaho in Jeb ging zugrunde, und nicht einmal seine Trümmer sind aufgefunden worden, aber die jüdische Diaspora in Aegypten, von der wir hier das älteste Zeugnis haben, blieb, und eine große Anzahl anderer Papyri, die uns der schützende Sand Aegyptens aus der Zeit der Ptolemäer und Römer erhalten hat, erzählen uns von dem Kulturleben der späteren Juden manche interessante Einzelheit, die kein Geschichtsschreiber des Altertums in seinen Werken verzeichnet hat. Davon soll ein anderes Mal die Rede sein. Notizbuch D i e Z u k u n f t d e r J u d e n Sind wir ein ewiges Volk? Werden wir bleiben, so wie wir sind' Als ich die Ankündigung des S o m b a r t selten Vortrags las, stellte ich mir diese F"ragen und suchte mir selbst diese Fragen zu beantworten: Wir werden nicht genau so bleiben, wie wir jetzt sind Nichts ist dauernder als der Wechsel. Das Menschengeschlecht ist in beständiger Entwicklung begriffen. Wir Kennen die Naturgeselüchte der Biene, wenn wir auch nur einen einzigen Bienenschwarm aufmerksam studiert haben; wir kennen die Naturgeschichte jeder Pflanze, wenn wir auch nur ein Exemplar der Gattung von seiner Entstellung bis zu seiueni Absterben genau beobachtet haben; die Wissenschaft des Menschen würde nur derjenige beherrschen, der die Entwickhing des Menscliengeschlechts von seinem ersten Auftreten bis zu seinem einstigen Untergang vollständig übersähe. *So ist es auch mit Bezug auf die einzelnen Nationen. Kann Jemand voraussehen, 'wie lange eine gegebene Nation bestehen wird? Nur .mutmaßlich kann man höchstens aus der Dauerhaftigkeit und Unverwüstlichkeit einer Nation in der Vergangenheit auf deren sichere oder unsichere Zukunft schließen. In diesem Lichte erscheint die Zukunft der jüdischen Nation sicherer als irgend einer anderen in der Welt. Und der Stamm dieser Nation wird aufs neue in der alten Heimat wachsen. Die Sprache des Menschen ist in beständiger Entwickelung begriffen. Rücher, die vor hundert Jahren in deutscher Sprache geschrieben sind, muten uns fremdartig an; Rücher, die vor fünfhundert Jahren geschrieben sind, verstehen wir schwer und Bücher, die vor tausend Jahren geschrieben sind, sind nur den Hochgelehrten zugängig. Aber wir Juden bilden in dieser Beziehung eine Ausnahme. Auch unsere nationale Sprache entwickelt sich, aber ihr Geist lebt und auch ihre Grundformen sind dieselben, wie vor tausend, wie vor zwei- und dreitausend Jahren. Dies spricht für die Renaissance. Die Sitten der Menschen ändern sich; ihre sittlichen Anschauungen sind dem Wechsel unterworfen. Die Wissenschaft schreitet fort; die Kunst sucht sich stets andere Ideale. Das Recht ist in fortdauernder Entwicklung begriffen. Die Mittel, mit denen der Mensch dem Boden seine Früchte abgewinnt, mit denen er allerlei nützliche Dinge herstellt, mit denen