Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 DIE LT 1225 neue Sitten, neue Sekten, interessant gerade wegen ihrer Neuheit und doch inicht so interessant, als wenn einmal eine Person, die wir taus der Bibel kennen, eine Nachricht, die uns der Brief des Aristeas oder der jüdische Philosoph Philo bewahrt hat, durch diese alten inschriftlichen Funde belegt oder bestätigt wird. Man sieht nun einmal gern alte Bekannte wieder, zumal in fremder Umgebung, und die Schrift einer sadduzäischen Sekte, von der noch die Rede sein wird, ist vielleicht gerade deshalb so viel unheimlicher und rätselhafter als die Papyrusurkunden aus Elephantine, weil in ihnen kein bekannter Name und kein datierbares Ereignis erwähnt wird, cjie uns als Führer dienen könnten. So ungeheuer uns auch die Bereicherung unseres Wissens, die wir diesen Urkunden verdanken, erscheinen mag, so sehen wir doch' allenthalben, wie wenig wir doch eigentlich von der jüdischen Geschichte wissen. 1. Der Tempel des Gottes Jaho auf Elephantine. In Assuan, der südlichsten Stadt Aegyptens, die man heutzutage nach achtundzwanzigstündiger Fahrt im Expreßzug von Alexandrien aus erreicht, tauchten im Jahre 1904 einige aramäisch geschriebene Papyrusurkunden auf, die von Arabern gefunden und verkauft wurden. Es waren eine Anzahl Geschäftsurkunden einer jüdischen Familie aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, die bald das. Aufsehen aller theologisch interessierten Kreise erregten. In den darauf folgenden Jahren wurden dann im Auftrage der Berliner Papyruskommission auf der Assuan gegenüberliegenden Nilinsel Elephantine Grabungen vorgenomimen, und zufällig ein Stammesgenosse jener alten Juden, Prof. Otto Rubensohn, hatte das Glück, den neuen noch viel wichtigeren Schatz zu heben. Es ist eine merkwürdige Geschichte, die diese alten Dokumente erzählen. Zur Zeit, als den Juden die Rückkehr aus dem babylonischen Exil und der Aufbau des zweiten Tempels gestattet wurde, als Esira und Nehemia in Jerusalem das jüdische Gemeinwesen neu ordneten und das Gesetz Moses einführten, gab es noch einen zweiten jüdischen Tempel in Aegypten, in Jeb, wie der alte Name jener Insel Elephantine lautet, er hatte steinerne Säulen und Tore aus Quadersteinen, ein Dach aus Zedernbalken, silberne und goldene Geräte, er hatte seine eigenen Priester, die auf dem Altar Mehl, Weihrauch und Tiere als Opfer darbrachten. Rings um ihn wohnten die Juden, die den Gott des Himmels verehrten. Sie nannten denselben Jaho — nicht wie immer in der Bibel IHVH — und das nicht etwa aus Scheu, den richtigen Namen Gottes auszusprechen, denn von solchen Skrupeln waren die Juden Jebs frei. Ein Einfluß des mosaischen Gesetzes, wie er sich gerade damals in Palästina geltend machte, war hier nicht zu spüren. Schon, daß sie überhaupt einen Tempel außerhalb Jerusalems hatten, erinnert mehr an die Tage des alten Israel, in denen man auf allen Höhen opferte, als an eine Zeit, wo das Deuteronamium, das einen "solchen Kult strengstens verbietet, bereits Jahrhunderte lang in Geltung war. Freilich haben es die ägyptischen Juden auch später mit dem Gesetze nicht so genau genommen, und zur Zeit der Makkabäer entstand dort der Onias-Tempel von Heliopolis, der den Tempel zu Jerusalem noch um einige Jahre überdauerte, und es ist wenig wahrscheinlich, daß dies die beiden einzigen jüdischen Heiligtümer gewesen sein sollen, die im Laufe der Zeit in Aegypten entstanden sind. Auch im übrigen rebten die Juden Jebs mehr wie die Israeliten der Königszeit als wie die Juden zur Zeit des zweiten Tempels. Sie nahmen untereinander — nicht etwa nur von Fremden — Zinsen, und von einem Schuldenerlaß im siebenten Jahre ist natürlich keine Rede, im Gegenteil, wenn die Zinsen nicht richtig bezahlt wurden, so schlug man sie zum Kapital odeu dasselbe verdoppelte sich bei unpünktlicher Zahlung. Das Verbot, bei dem Namen eines fremden Gottes zu schwören, erkennt jedenfalls Mibtachja, eine oft genannte Frau aus dem Geschlechte des Vorstehers der Gemeinde, nicht an, und sie leistet den Eid bei der Göttin Sati, den ihr der ägyptische Prozeßgegner zuschiebt. Ebendiese Dame lebte auch eine Zeit lang in Mischehe. Nachdem ihr erster jüdischer Mann gestorben war, heiratete sie einen ägyptischen Baumeister namens Ashor, den sie aber im Laufe der Zeit zum Juden turne bekehrt zu haben -scheint, worauf er den Namen Nathan annahm. Während also ein Proselyt bei seinem Uebertritt einen jüdischen Namen erhält, nennen die Juden selbst ihre Kinder, wenn auch nur in Ausnahmefällen, mit heidnischen Namen, gewöhnlich sind die Namen mit Jaho zusammengesetzt, und es ist interessant, daß Mibtachja den Söhnen, die sie mit ihrem damals noch heidnischen Manne hatte, nach ihrem eigenen Großvater und Vater benennt — eine uralte Sitte, die noch heute bei den religiöslen Juden fortlebt. Man sieht also, daß Mibtachja keineswegs eine schlechte Jüdin gewesen ist. Auch die anderen Juden gebrauchen unbedenklich die Formel: „Mögen die Götter nach deinem Frieden fragen" und sind doch eifrige Jaho-Verehrer. Sie zahlen einmal eine Tempelsteuer, die sie gewiß nicht erst nach Jerusalem schickten, zwei Schekel pro Person, Männer und Frauen, und eine lange Steuerliste mit den Namen der Kontribuenten ist uns erhalten. Leider gibt uns der Schluß der Urkunde ein anscheinend unlösbares Rätsel auf. Nachdem die Summe der Eingänge für Jaho (318 Schekel) zusammengerechnet ist, heißt es weiter: darunter für Jaho 126 Schekel, für Aschambethel 70 Schekel, für Anathbethel 120 Schekel. Was bedeuten nun diese eigenartigen, Worte? Sind es Götter, die die Israeliten noch außer Jaho anbeteten, wie es der gekehrte Herausgeber der Papyri, EduardSachau, will? Waren also jene Juden Polytheisten? Für diese Annahme spricht allerdings die eigentümliche Tatsache, daß mehrere Eigennamen der Juden in Jeb mit Bethel zusammengesetzt sind: Bethelnathan (Bethel hat gegeben, der Sohn des „Jaho hat gegeben"), Bethelakab (Bethel hat betrogen, vergolten?), ja es soll sogar einen Gott mit dem merkwürdig fangen Namen Cherembethel gegeben haben, und ebenso wie die Anath-Bethel die Throngenossin des Gottes Bethel war, sollte es auch eine Anath-Jaho gegeben haben, die Throngenossin des Gottes Jaho. Es kann hier nicht darauf eingegangen werden, weshalb diese Deutung zwar möglich, aber unwahrscheinlich ist, und weshalb wir daran festzuhalten haben, daß die Juden Jebs Monotheisten waren. Aber die eigentümliche Betonung Bethels, das ja eine nordisraelitische Kultusstätte gewesen ist, ruft die Hypothese eines jüdischen Forschers ins Gedächtnis, der aus den meistens aus dem Nordreich stammenden Eigennamen beweisen wollte, daß wir es bei diesen Juden, die sich bald Juden, bald Aramäer nennen und die kein hebräisches Wort gebrauchen, mit einem Ueberbleibsel jener zehn Stämme Israels zu tun haben, Israeliten, die sich der Deportation nach Assyrien durch die Flucht ins Nilland entzogen und dort allmählich aramaisierten. Das wissen wir ja ganz gewiß, daß bereits zur Zeit der eingeborenen ägyptischen Könige, noch vor der Eroberung des Landes durch die Perser, diese Juden in Aegypten gelebt hatten, daß sie damals schon ihren Tempel besaßen, den der Perserkönig Kambyses verschonte, während er alle anderen Heiligtümer Aegyptens zerstörte. Auch die mangelnde Kenntnis des jüdischen Gesetzes ließe sich hierbei gut verstehen, ersehen wir doch aus einem Papyrusfragment mit ziemlicher Sicherheit, daß erst auf Antrieb der persischen Regierung das Pessachfest bei den Juden Jebs eingeführt wurde. Es ist bezeichnend, daß sich diese Juden bei einer Katastrophe, die sie betraf, nicht nur nach Jerusalem, sondern auch nach Samarien wandten und