Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 DIE3&ELT -1\7 1223 menschlicher4 Berechnung und Voraussicht die beste wäre, um im Laufe vieler Jahre und auf dem Wege von allerlei Vorarbeiten demjenigen Teil der jüdischen Auswanderung, der überhaupt beeinflußbar ist, eine neue Heimat zu bieten. Unter solchen Umständen würde eine ganze Reihe von Ländern wohl von vornherein auszuschließen sein, soweit es sich um die prinzipielle Lösung handelt, — nämlich diejenigen Länder, die sich bereits in unverkennbarer Weise der unbeschränkten jüdischen Einwanderung widersetzen und von denen bei guter Kenntnis der Dinge anzunehmen ist, daß diese Stimmungen nicht vorübergehender Natur sind. — Die prinzipielle Ausschaltung solcher Länder wird einen alljüdischen Emigrationskongreß nicht der Aufgabe überheben, auch dort helfend und ordnend einzugreifen, aber es ist ein Unterschied, ob man in einer prinzipiell bereits aufgegebenen Richtung noch Hunderttausenden, die als Nachzügler kommen werden, seine Dienste weiht, oder ob man eine neue, zukunftsreiche Richtung vorbereiten will, gleichviel, ob es sich in diesem Fall zunächst nur um wenige Hunderte oder Tausende handelt. Aber auch bei der Betrachtung neuer Richtungen wird man über viele momentane Schwierigkeiten hinwegsehen müssen, wenn vom jüdischen und von allgemeinen Gesichtspunkten aus eine gedeihliche Entwicklung in absehbarer Zukunft trotz aller gegenwärtigen Schwierigkeiten als möglich erscheint. Eine einheitlich-territoriale Lösung ist bisher nur von den Z i o n i s t e n (älterer und neuerer Schattierungen) proponiert worden. Es lag nahe, die Frage des „Wohin" mit dem „Woher" zu beantworten, und nicht bloß den noch in irgendwelcher Tradition aufgewachsenen Juden lag diese Antwort am nächsten, sondern auch die gedankenlosesten unter den Antisemiten fanden keine andere Antwort so bequem wie diese. Wurde schon einmal die Frage gestellt, welches eine Land für die jüdische Auswanderung in Betracht käme, so lag die palästinensische Lösung auch deshalb so außerordentlich nahe, weil es unmöglich sein mußte, sich auf ein anderes Land zu einigen! Wie günstig die Verhältnisse auch andererseits sein mochten, so mußten sich doch in der Gegenwart oder in der Zukunft noch amdere Gebiete finden, die ebenso günstige Bedingungen boten, und aus diesen wie aus vielen anderen Gründen mußte es unmöglich sein, nur auf Grund rein sachlicher und wirtschaftlicher Erwägungen ein einziges Land als die eine Lösung zu bezeichnen. Es können vielmehr nur ideelle Gesichtspunkte einem bestimmten Lande den Vorrang geben, und dies trifft für uns in Palästina zu, wie nirgends sonst. Erledigt ist die Frage damit allerdings noch lange nicht. Wenn Entfernungen, Landesnatur, Bevölkerungsverhältnisse oder Regierung der Sache entgegenstünden, so würde alle Einstimmigkeit eines Kongresses noch keine praktischen Resultate ergeben können. War aber in den genannten Hinsichten dieses Land auch nur nicht schlechter gestellt als andere, so war damit auch schon die Lösung gegeben. Trotzdem bleibt ein Vorbehalt. Die jüdische Auswanderungsfrage ist außerordentlich groß und wir können auch nicht für die sympathischste Lösung ein alljüdisches Interesse erwecken, wenn sie nicht von vornherein auch a 11 j ü d i s c h e Möglichkeiten enthält wozu in erster Linie eine solche Aufnahmefähigkeit des Gebietes gehört, die auf eine lange absehbare Zeit den Erfordernissen auch einer gesteigerten jüdischen Auswanderung genügen würde. Die ursprünglich primitive und enge Fassung der palästinensischen Lösung genügte hierfür nicht, und die'zahlreichen Störungen, denen das Ansiedelungswerk in Palästina innerhalb der ersten Generation ausgesetzt war, hätten sicherlich vermieden werden können, wenn von vornherein ein Nachbarländerkreis um Palästina in diese Lösung miteingeschlossen worden wäre, und wenn außerdem diese größere Lösung tatsächlich damals schon die entsprechende Anerkennung und Unterstützung in der jüdischen Welt hätte finden können. Man mag dieses letztere „Wenn" bezweifeln, aber zweifellos hat sich die neuere zionistische Auffassung über die Enge der früheren hinweggesetzt, und wenn wir heute von der palästinensischen Lösung sprechen, so ist es die, welche außer Palästina und seinen nächsten Nachbarländern in dem weiteren, für die gesamte osteuropäische Auswanderung in Betracht kommenden Sinne bereits auch andere türkische Gebiete in ihr Programm aufnimmt. Auch die Palästinenser im engsten Sinne, deren wir innerhalb und außerhalb der zionistischen Organisation (übrigens durchaus erfreulicherweise) noch zahlreiche haben, werden eine Konzentration der jüdischen Wanderung im türkischen Reiche — unter Hervorhebung Palästinas weitaus an erster Stelle — immerhin schon jeder anderweitigen Lösung in irgend einem Lande und noch viel zweifelloser jeder Zerstreuung bei weitem vorziehen. Das türkische Reich, von dem freilich nicht etwa alle Gebiete in irgendwie absehbarer Zeit für eine jüdische Einwanderung größeren Maßstabes in Betracht kommen können, ist aber auch in dieser Einschränkung noch weitaus groß genug, um — entsprechende Vorbereitungen vorausgesetzt — alle überhaupt beeinflußbare jüdische Auswanderuung in den nächsten Zeiten aufnehmen zu können. Wer aber dies im Gegensatz zu anderen Auswegen für die wünschenswerte prinzipielle und praktische Lösung des Auswanderungsproblems hält, wird sich nur insoweit anderen, allgemeineren Bestrebungen zur Regelung der Frage anschließen können, als er hoffen darf, diese in seiner Richtung zu beeinflussen, und keinesfalls darf er seine Ueberzeugung und seine Arbeitsmöglichkeiten der Gefahr aussetzen, durch Majorisierung in andere Bahnen geleitet zu werden. Aus allem bisherigen ergibt sich, daß die Zionisten als solche innerhalb einer allgemeineren Organisation riur ihre Ziele zu verfolgen haben. (Der Beihilfe bei irgendwelchen „humanitären" Aktionen, wie das all-, gemeine Auswanderelend sie gelegentlich notwendig macht, werden sie sich selbstverständlich als Menschen und Juden nicht entziehen können — aber alles Prinzipielle, das ihrer Lösung widerspricht, müßten sie durchaus ablehnen.) Sie würden versuchen müssen, die allgemeine Organisation ganz oder zu einem möglichst wesentlichen Teil in ihre eigene Bahn zu lenken, und wie sehr dies auch gelingen mag, müßten sie doch weiter bestrebt sein, auch die Durchführung so weit als möglich in eigenen Händen zu behalten. Nun ist es höchst zweifelhaft, ob eine alljüdische Organisation in allernächster Zeit zustande kommt, und auf alle Fälle hängt ihr Zustandekommen nicht von uns ab. Je mehr wir diese Organisation fordern, um so