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Die Welt · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Schon eine überseeische Auswanderung von hunderttausend Seelen erfordert aber allein an Reisekosten für Eisenbahn- und Schiffsbillets ca. zwanzig Millionen Mark, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß innerhalb so außerordentlich hoher Summen eine entsprechende Organisation eine Wirksamkeit entfallen könnte, die die gesamte Auswanderung auf eine gesündere Basis stellt! Außer dieser augenfälligsten Möglichkeit zur Betätigung einer speziellen Organisation kommen noch die großen Zweige der Informationserteilung im alten und im neuen Lande und der Schaffung eines Dienstes in Frage, der die Auswanderer auf ihrem Wege vor Ausbeutung und zufälligem Schaden nach Möglichkeit bewahren soll. Eine ganz groß geplante Organisation wird sich sogar an die Aufgabe heranwagen können, die Liquidation der Geschäfte der Auswandernden, wie geringfügig und elend diese auch sein mögen, durchzuführen und durch Schaffung von Kreditmöglichkeiten im neuen Lande den Uebersiedlern den Aufbau einer neuen Existenz zu erleichtern. Dies wären in großen Zügen die Aufgaben einer allgemeinen jüdischen Organisation zur Regelung der Auswanderungsverhältnisse. Vor allem aber müßte einmal eine gründliche Aussprache darüber stattfinden, welche Länder sich zur Aufnahme der jüdischen Emigration sowohl nach den Landes Verhältnissen wie nach den in Betracht kommenden jüdischen Gesichtspunkten am besten eignen. Hierüber herrscht bis heute noch die allergrößte Unklarheit und die Erfahrung der 'letzten Jahre hat gezeigt, wie leicht es ist, unter solchen Umständen die gewagtesten Projekte in die Oeffentlichkeit zu schleudern, und wie leicht es andererseits ist, wertvolle Anregungen zu diskreditieren. Hier kann nur eine ausgiebige öffentliche Diskussion Wandel schaffen, wie eine alljüdische Organisation - - sei es, daß sie ausschließlich mit Emigrationsfragen, sei es auch, daß sie sich mit dem (» e s a mtkomplex der jüdischen Fragen beschäftigen will sie herbeiführen kann. Bei einer solchen allgemeinen Diskussion werden zweifellos sehr viele Länder zur Debatte stehen, und ebenso zweifellos würde man sich dort nicht auf e i n Land oder einen Länderkreis einigen, sondern es würden mindestens mehrere Einwanderungsgebiete, die noch dazu in verschiedenen Erdteilen liegen, als engere Auswahl übrig bleiben. Da andererseits keine noch so gute Lösung der Frage die Reiserichtung aller Auswanderer beeinflussen wird, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Zerstreuung der Juden auch durch einen Emigrationskongreß nicht beseitigt werden wird, und aller Wahrscheinlichkeit nach würde man sie seitens einer von maßgeblichen Vertretern der heutigen jüdischen Organisationen, Gemeinden und Gruppen beschickten Veranstaltung sogar für einen durchaus wünschenswerten Zustand halten. Und doch ist die Frage, ob die gegenwärtige Zerstreuung der Juden durch die große Wanderungsbewegung noch weiter durchgeführt werden soll, oder ob diese Tendenz nunmehr einer Sammlung, einer neuen Konzentration, Platz zu machen habe, wohl die wichtigste des ganzen Problems. — Vom organisatorischen Standpunkt aus wäre zweifellos die Konzentration vorzuziehen, denn je weniger Länder es sind, in die der Emigrationsstroni sich ergießt, um so straffer kann die Organisation bleiben, und um so mehr kann sie leisten. Es ist auch ganz natürlich, daß die umfassende Kenntnis der Landesverhältnisse, die für eine erfolgreiche Durchführung der Neuansiedelung nötig ist, leichter in wenigen als in vielen Ländern erworben werden kann. Andererseits aber ist mit der Tatsache zu rechnen, daß in maßgebenden jüdischen Kreisen gerade der Zusammenhalt der Juden als die Hauptursache der sogenannten Judenfrage angesehen wird, als deren Lösung in eben jenen Kreisen die möglichst vollständige Zerstreuung angesehen wird. Man huldigt auch der Meinung, daß ein einzelner Jude oder ein paar Juden in jeder kleinen Stadt der ganzen Welt eine erträgliche Existenz finden könnte, ohne Gegnerschaften und Judenfragen hervorzurufen. Daß freilich diese Lösung, wenn sie durchführbar wäre, zu einer vollständigen Entjudungder solchermaßen Verstreuten führen müßte — diese Ueberlegung würde viele der maßgebendsten Juden unserer Zeit, die noch in den „liberalen" Anschauungen der vorletzten Generation aufgewachsen sind, in keiner Weise stören. Wer dagegen an die jüdischen Probleme herantritt — nicht als Liquidator einer überlebten Gemeinschaft, sondern mit dem Blick auf eine jüdische Zukunft gerichtet — für den wird es die allerwichtigste Frage sein, wie man die Auswanderung derart organisieren könne, um den Bestand der anzusiedelnden Gruppen als Juden zu gewährleisten. Die vollständige Zerstreuung (die Pulverisierung!) der jüdischen Wanderung wird dieser neuen Generation keinesfalls als Ideal erscheinen, sondern im Gegenteil als eine Tendenz, die aufs schärfste bekämpft werden muß. Trotzdem wird auch diese modernere Richtung wohl eine ganze Anzahl von Einwanderungsländern gelten lassen, indem sie eben der weitgehendsten Zerstreuung eine Anzahl von Konzentrationen entgegenstellen wird. So wertvoll aber schon die Verneinung der Zerstreuung ist, so kann es uns doch nicht genügen, eine Anzahl von Konzentrationen als prinzipielle Lösung der Frage gelten zu lassen. Wir müssen vielmehr bedacht sein, dem als falsch erkannten Prinzip der Zerstreuung die prinzipielle Konzentration auf ein Land oder wenigstens einen Länderkreis entgegenzustellen, und die Aufstellung dieses Prinzips, zu dem ein Teil der Mitglieder einer repräsentativen alljüdischen Versammlung schon heute gelangen dürfte, wäre bereits ein außerordentlicher Erfolg, der allein die zur Schaffung einer solchen Organisation aufgewendeten Mühen rechtfertigen würde. Eine große Schwierigkeit stellt sich hier schon von allem Anfang ein. Die Länder, die die größten Massen von Juden während der letzten dreißig Jahre aufgenommen haben, zeigen die deutlichste Neigung, eine weitere große Einwanderung nicht mehr unbehindert zuzulassen, und kein noch so repräsentativer jüdischer Kongreß könnte sich über diese Stimmungen, die besonders in den Vereinigten Staaten und in England vorherrschen, hinwegsetzen. Andererseits sind die mehr oder weniger neuen Länder, die zur Diskussion gestellt werden können, keineswegs so weit entwickelt, daß wir von irgend einem Tage an den Strom der Auswanderer in dieses neue Bett lenken könnten. Es kann sich also von vornherein nicht darum handeln, plötzliche Aenderungen schaffen zu wollen, sondern im besten Falle darum, eine Richtung festzustellen, die nach

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