Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 DIEügSELT 1221 Südens nicht gespendet hat, beteiligt sich, abgesehen von den bedauernswerten Rückständigkeiten seiner Gesetzgebung, aus zäher Kraft und lebendigem Stammesgefühl heraus mit Erfolg an der allgemeinen Kulturarbeit. Muß denn dieses eigenartige Nordland, vor dessen Küste die Schären ,in zahllosem Gewimmel gelagert sind, über dessen schneebedeckten Ebenen das Renntier mit dem Schlitten dahintrabt, während in seinen Städten Handel, Gewerbe, Wissenschaften und Künste blühen, muß denn, fragen wir, dieses Ländchen in die Form russischer Gouvernements eingezwängt werden? Das ist der „neue Kurs". Was er bei dem Vorherrschen dieser allgemeinen Ansichten uns zu bringen geeignet ist — kann man leicht voraussehen. Zweifellos wird man auch uns das Staatsinteresse entgegenhalten. Die Existenz des Ansiedlungsrayons — Wird man sagen — erfordert das Staatsinteresse. Unsere Anwälte sollen auch schon beschlossen haben, die Forderung der Aufhebung des Ansiedlungsrayons in der Kommission begraben zu lassen. Ist das wahr? Es fällt einem schwer, daran zu glauben. * Klerikale Tiraden. P. Mortara hat uns eine schlechte Note ins Zeugnis geschrieben: er könne den Juden nicht gestatten, Palästina zu kolonisieren, weil er um die heiligen Stätten besorgt ist. Der „Univers" hatte keine Bedenken, aber er hat schwere Bedenken. Die „Germania" berichtet darüber folgendes: „Die Bestrebungen der Zionisten, dem jüdischen Volke in Palästina eine durch das öffentliche Recht garantierte Heimat zu schaffen — so würde das Ziel dieser Bewegung auf dem letzten zionistischen Kongreß in Basel präzisiert —, ist nach Mortara ein leerer Traum. Denn wir Katholiken wissen, daß das niemals geschehen wird, niemals geschehen kann. Das wäre ein Dementi der alten Weissagungen und der eschatologischen Schilderungen unseres göttlichen Erlösers. Ebenso ist auch von dem kirchlichen Lehramt die Ansicht jener Katholiken zurückgewiesen worden, die in der Ansammlung der Juden in Palästina das Vorspiel zu ihrer schließlichen Bekehrung zum Christentum sehen wollen. Dagegen zeigt sich in der zionistischen Bewegung eine immer stärker anwachsende kolonisatorische Tendenz, die geeignet ist, einen großen Umfang anzunehmen. Es ist aber falsch, wenn die Katholiken in dieser gegenwärtigen jüdischen Bewegung nichts weiter als eine soziale und finanzielle Tatsache erblicken, die sie nicht berührt. Vielmehr ist in der Zusammenballung der Juden in Jerusalem mit dem Ziel einer wohlorganisierten und mächtigen Kolonisation weit ausgedehnter Gebiete eine sehr große Gefahr zu erblicken, deren mehr oder weniger entfernt liegende Folgen alle Katholiken angehen. Das jüdische Volk ist in seinem Wesen vor allem aufsaugend und wucherisch. Es ist tatsächlich das mächtigste, da es über Kapital und Banken herrscht. Man kann sich darum vorstellen, was es, sollte es einmal in Jerusalem eine kolonisatorische Macht werden, im Herzen von Palästina zu tun fähig wäre, in dem Lande, das es als ein von den „Gojim" usurpiertes und besetzt gehaltenes Gut betrachtet! Was würde dann geschehen rrtfit den katholischen Missionen, mit den religiösen Brüderschaften und Orden, mit so vielen karitativen Werken? Ihre innersten Lebensinteressen wären verletzt tund aufs Spiel gesetzt durch die metallische und unerbitt^ liehe Spekulation eines Volkes, das in der Tat kein anderes Ideal, keinen anderen König und keinen anderen Gott kennt, als das „goldene Kalb"! Ist nicht schon für die Katholiken in Jerusalem und Palästina die ottomanische Herrschaft, die abgesehen von kleinen Zusammenstößen den Christen nicht feindlich ist, eine schwere Last und ein g*roßes Hindernis? Soll in einer mehr oder weniger entfernten Zukunft eine mächtige und furchtbare israelitische Koalition und Konzentration die Lage der Katholiken noch verschlchterii und die Sicherheit und Zukunft unserer Missionen in Frage stellen? Die zionistische Bewegung berührt also die Katholiken sehr nahe, und Pater Mortara schlägt ihr gegenüber einen gesetzmäßigen und friedlichen Kreuzzug vor unter dem alten und glorreichen Banner Peters von Amiens mit der Inschrift :„Gott will es." Es sind dies Gedankenkarikaturen, strotzend vor Uebertreibung, schief und falsch als ganzes. Die Milch der frommen Denkungsart des „Univers" hat sich bei Mortara in das gährende Drachengift der Inquisition verwandelt. Dagegen läßt sich nur eins sagen: So spricht ein Renegat, der sich bei den neuen Glaubensgenossen Liebkind machen will. Ist ja Mortara das geraubte jüdische Kind, das bei den Jesuiten erzogen und zu einem Mitglied der Chorherren im Lateran herangezogen worden ist. Es bedarf nicht einmal einiger Kombinationsgabe, um zu begreifen, daß dieser Mensch solche Brandreden hält und in einer so verstiegenen und geschmacklosen Weise die Juden angreift, um sich reinzuwaschen. Er hatte schon früher versucht, gegen die Juden zu hetzen; die Hetze ist vergeblich gewesen. Man glaubt eben dem P. Mortara nicht. Sein Zorn wächst. Es ist der Zorn der Ratte, die das Schiff verlassen hat, und nun sieht, daß das Schiff gar nicht daran denkt, unterzugehen. Die Albernheiten, die P. Mortara über den Zionismus sagt, sind zu komisch, um ernst behandelt werden zu können; sie entbehren nur nicht einer gewissen Pikanterie mit Bezug auf das wundersame Produkt des Seelenfanges und Kindesraubes, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die ganze jüdische Welt in Aufregung versetzt hatte. Organisation der Emigration Von Davis Trietsch (Berlin). Die Notwendigkeit einer Organisation der jüdischen Auswanderung datiert nicht von heute und gestern. Schon seit dem Anfang der achtziger Jahre haben maßgebende Vertreter der Judenheit wiederholt sich mit der Frage beschäftigt, doch ist es bis heute zu einer umfassenden Diskussion des Themas noch nicht gekommen, sondern bei allen bisherigen Veranstaltungen hat es sich mehr oder weniger darum gehandelt, Einzelheiten zu bessern und Mißbräuche abzustellen. Auf diese Weise herrscht bis zum heutigen Tage noch nicht die mindeste Klarheit über die Grundfragen unseres Emigrations- und Kolonisationsproblems. — Die jüdische Auswanderung der letzten dreißig- Jahre hat in der Verteilung der Judenheit über die ganze Welt die größten Veränderungen gebracht. Mindestens ein volles Fünftel hat seine Wohnsitze gewechselt, und neben den Veränderungen in unserer nationalen Struktur, in unseren sprachlichen und wirtschaftlichen Zusammenhängen usw. spielen hier selbst reine Geldfragen von so kolossalem Umfange mit, daß diese Seite des Problems allein schon dazu zwingen sollte, sich aufs Ernsthafteste mit dem Gesamtkomplex der Fragen zu beschäftigen. Allein unsere überseeische Auswanderung betrug in vielen Jahren weit über hunderttausend und hat gelegentlich sogar die Zweihunderttausend überschritten.