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Die Welt · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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von nun ab zu führen haben wird. Wollen sich die Herren nach Aufhebung der allgemeinen Wahlberechtigungwirklich noch weiter „Alliance Israelite Universelle" nennen? Ja, das wäre dann di ereine Falschmeldung! Von den drei Worten, die den Titel bilden, bleibt ja bald nicht ein Hauch, nicht ein Schatten zurück. Es bleibt keine „Alliance", sondern ein Comite; es ist nicht „Israelite", denn irgend ein Sprößling irgend eines Comitemitgliedes, der sich taufen läßt, oder ein konfessionsloser Franzose — solche Sachen sollen in diesen Kreisen nicht so absonderlich selten vorkommen! — kann nach des Vaters Tode ganz gut mit der allgemeinen Erbschaft auch den Sitz im Alliance-Comite antreten; es ist auch nicht „Universelle", denn es liegt nicht eine Spur von „Universalität" darin, wenn neunzehn Pariser Herren sich zusammentun, um irgendwo in der Welt eine Schule zu gründen und eine andere aufzulösen, einen Lehrer ein- und einen anderen abzusetzen und dabei mehr oder minder gründlich — französisch unterrichten zu lassen. Wenn die Worte keinen realen, auch nicht einmal einen irgendwie möglichen illusorischen und eingebildeten Inhalt bergen, dann dürfen sie auf keinen Fall als Firma mehr gebraucht werden. Also: den Ehrenschild ab!! Andere werden ihn erheben und hochhalten. Die zionistische Organisation allein unter allen heutigen jüdischen Vereinigungen hat das Recht, sich eine „Universale jüdische Allianz" zu nennen. Sie „alliiert" tatsächlich, sie zieht zusammen und eint die großen Judenmassen, und diese Einigung und Einheit ist ihr Inhalt und letztes Ziel. Sie ist „jüdisch", jüdisch-schöpferisch, jüdisch-zukunftsfroh. Und „universal" ist sie bis in die Seele hinein, denn sie umspannt schon heute und wird es mit jedem Tage mehr tun, die Juden der ganzen „bewohnten Erde". Wo zehn Juden sind, dort gibt es schon einen Zionisten, einen wenigstens, der sich stolz und aufrecht zu uns und unserer Hoffnung bekennt. In diesem Sinne universal wollte die Alliance einst werden; ihre ersten Gründer haben den Anlauf dazu genommen. Aber sie ist es nie in dem Maße geworden, in dem wir es schon in der allerersten Zeit unseres Bestehens gewesen sind. Heute ist bei der einstigen Alliance schon keine Spur davon vorhanden, auch der Wille dazu ist geschwunden. Darum ist sie reif zu ihrer endgültigen Umwandlung von einer „A11 i a n c e I s r a e 1 i t e U n i v e r s e 11 e" in ein „Comite parisienfinancie 1". Das mag sie ruhig und ungestört bleiben. * * * Wir und sie! Sie werden Millionen Franken verwalten, wir werden Millionen Menschen führen. Sie werden hinschwinden, wir werden aufblühen. Sie sind ein Schatten aus der Vergangenheit, wir sind ein Strahl in die Zukunft. Es ist gut, daß es so gekommen ist. Es ist gut, daß der Unterschied schließlich so säuberlich klar, so leuchtend-deutlich wird. Politische Revue * Der „neue Kurs". Der neue russische Premierminister hat gesprochen. Der „neue Kurs" ist nun bekannt. Herr v. Kokowzew bezeichnete es als eine Aufgabe des Staats, gegenüber den streitenden Interessen das Gesamtinteresse und die ausgleichende Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen. Dieser Satz ist vollkommen unanfechtbar, ungefähr so unanfechtbar wie der, daß die Aufgabe des Menschen sei, Tugend zu üben. Aber dieser Satz versagt in dem Augenblicke, wo man den Versuch macht, praktische Folgerungen aus ihm zu ziehen. Im Altertum gab es Rhetorenschulen, in denen man die jungen Leute anhielt, über den Wert der Tugend Reden zu halten; aber man hat nie gehört, daß durch solche Uebungen die Tugend wirklich gefördert worden ist. Auch der Satz von dem Gesamtinteresse ist eine solche Wendung, die zu schön empfundenen Auseinandersetzungen Veranlassung geben kann, aus der indessen der praktische Staatsmann keinen Fingerzeig entnehmen kann für dasjenige, was er zu tun oder zu lassen hat. Das Gesamtintercsse soll vorangehen. Kein Mensch hat das jemals bezweifelt; der Staat wäre die überflüssigste Einrichtung von der Welt, ja, er wäre eine unmögliche Einrichtung, wenn man das Interesse einzelner Gruppen rücksichtslos wollte walten lassen. Aber das Gesamtinteresse, was ist es denn anderes, als die Summe der Bedürfnisse aller Gruppen? Um die Frage aber, worin in dem gegebenen einzelnen Fall das Interesse der' Gesamtheit besteht, wird an jedem Tage neu und mit neuen Gründen gestritten. Der Schleier der Maja, det nun einmal jedem sterblichen Menschen um das Haupt gewoben ist, verhindert ihn, mit Klarheit zu erkennen, in welchem Punkte sein besonderes Interesse mit dem Interesse der Gesamtheit in Widerspruch steht. — Fordert das Interesse der Gesamtheit, daß die Juden gequält und geknechtet werden? — Gerade der Starke wird es leicht haben, die Rechnung glaubhaft zu machen, daß sein eigenes Interesse sich mit dem Interesse der Gesamtheit völlig decke. Gerade dem Schwachen, der für seine Interessen am lebhaftesten kämpft, wird man leicht entgegenhalten können, daß seine Interessen nur Einzelinteressen seien, die im Namen der ausgleichenden Gerechtigkeit anderen Interessen weichen müssen. Der Staat soll den Kampf der streitenden Interessen schlichten, aber diejenigen, die irn Namen des Staates als Gesetzgeber und als Obrigkeiten das Wort führen, sind stets einzelne Menschen, die in diesen Kampf der Interessen selbst verflochten sind. Und wenn die Obrigkeit wirklich den redlichen Willen hat, völlige Unbefangenheit zu üben, so braucht sie nicht die Starken, sondern die Schwachen zu schützen. Das ist das Grundprinzip der Staatsgerechtigkeit. Der Staat nimmt sich des Unmündigen an, sorgt dafür, daß ihm sein Vermögen erhalten bleibt und verwaltet ward. Der Staat nimmt sich dessen an, der durch Alter, Krankheit oder sonstige Unglücksfälle gänzlich verarmt ist, und schützt ihn gegen die höchsten Grade des Elends. Der Staat gewährt dem Schwachen Unterricht und setzt ihn dadurch in den Stand, sich zu einer höheren Entwicklungsstufe aufzuschwingen. Der Staat schränkt die Kinderarbeit und die Frauenarbeit ein, weil Kinder und Frauen schwrach sind. Er schützt sie gegen den Eigennutz ihrer Eltern und Ehemänner und gegen ihren eigenen übertriebenen Drang, durch schwere Arbeit ihre Lage zu verbessern. So sollte auch der Staat die kleinen und schwachen Volksminderheiten schützen. Das mächtige Großrussentum bedarf keines besonderen Schutzes, nun geht es aber an den Leib Finnlands. Fürwahr, als Juden haben wir das Recht, dem Volke der Finnen für die hartnäckige Aufrechterhaltung der schimpflichen Beschränkungen zu grollen. Aber daß dieses Völkchen mit seinem bißchen nationalen Separatismus dem Gesamtreich einen Schaden zufügen könnte, ist eine Phrase. Diese kleine Nation, der die Natur die üppigen Gaben des

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