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Die Welt · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 45 DIE^ELT 1203 Das offene antisemitische Bekenntnis üutschkows hat in weiten Kreisen Verwunderung hervorgerufen. Jedenfalls liegt in dieser wetterwendischen Haltung der pseudo-konstitutionellen Partei ein hochbedeutsames Symptom für die in maßgehenden Kreisen herrschende Stimmung. Polizeiliche Bestialität Ein himmelschreiendes Verbrechen wurde dieser Tage in Kiew von zwei „Hütern der öffentlichen Ordnung" verübt. Der seit der Ermordung Stolypins in den offiziellen Kreisen der Stadt Kiew merklich gesteigerte „Patriotismus" hat vor allen Dingen in einem erhöhten Diensteifer der Polizei seinen markanten Ausdruck gefunden. Mehr denn je ist zurzeit die Fahndung auf wohnrechtslose Juden mit den beliebten nächtlichen Streifen als Begleiterscheinung in Flor. Indes begnügen sicli die Hüter der öffentlichen Ordnung nicht mehr damit, daßsie wohnrechtslose Juden und Jüdinnen festnehmen, einige Zeit in Haft halten, um sie dann nach dem Ansiedelungsrayoii abzuschieben. Die findigen Herren haben ein viel wirksameres Mittel entdeckt, wie man wohnrechtslosen Jüdinnen die Lust nehmen könnte, im heiligen Kiew Aufenthalt zu suchen. Kürzlich wurden zwei junge jüdische Mädchen, die sich nicht über ihr Aufenthaltsrecht in Kiew ausweisen konnten, von einem Geheimpolizisten in Haft genommen und nach der Recherchen- Abteilung gebracht. Hier wurden sie in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober ein Opfer der tierischen Lust der Bezirks, aufseh er. Das eine Mädchen wurde vergewaltigt, während das andere, das sich mit übermenschlicher Kraft zur Wehr setzte, schwer mißhandelt wurde. Der Vorfall hat bei der jüdischen Bevölkerung gewaltige Empörung und ungeheure Erbitterung hervorgerufen. Aufhebung des Ansiedlungsrayons Der bekannte Kadettenführer, Dumaabgeordneter R o d i t - schew, erklärte einem Mitarbeiter des ,,Hasman", daß das Verhalten der Duma zur Judenfrage nach der Ermordung Stolypins eine wesentliche Verschlimmerung erfajiren hat. Ein großer Bruchteil der Oktobristen-Fraktion bekenne sich jetzt offen zum Antisemitismus, während viele andere nur verkappte Antisemiten sind. Trotzdem ist Roditschew der Ansicht, daß man die Behandlung der Ansiedelungsvorlage noch in dieser Session anstreben müsse. In der zuständigen Kommission sei ihr die Majorität gesichert. In Anbetracht der bevorstehenden Dumawahlen würde sich das Zentrum, von dem die Entscheidung in dieser Frage abhängt, doch nicht entschließen können, gegen die Vorlage zu stimmen. „Jedenfalls," erklärte Herr Roditschew, „müßte man den Versuch machen. Die Kadetten haben daher beschlossen, auf der Beratung der Vorlage in der laufenden Session zu bestehen." In merkwürdigem Gegensatze zu diesen Aeußerungen Roditschews steht die Tatsache, da_ß die Vertreter der Kadetten im Seniorenkonvent vor einigen 1 agen, als die Tagesordnung für die neue Session beraten wurde, den Antrag der Arbeiterpartei auf Behandlung der Ansiedelungsvorlage in dieser Session nicht unterstützt haben, sodaß der Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. Die Lage der jüdischen Weber im Lodzer Industriebezirk Schwere Zeiten sind für die vielen tausende jüdischer Famillien im Lodzer Textilbezirk, die in der Weberei beschäftigt sind, gekommen. — Es ist überhaupt das Verhängnis der Juden in Polen, daß sie bei der fortschreitenden Entwickelung des ökonomischen Lebens in rückständigen Wirtschaftsformen stecken geblieben sind. Die jüdischen Händler und Handwerker^ die bei der feudalen Wirtschaftsordnung wichtige ökonomische Funktionen zu erfüllen hatten und für die beiden bedeutendsten Stände jener Zeüt — für den Adligen mit seiner souveränen Verachtung des Handels und für den halb leibeigenen, von jeder wirtschaftlichen Betätigung ferngehaltenen Bauer — gleich unentbehrlich waren, haben sich den neuen wirtschaftlichen Verhältnissen nicht anpassen können. Das neue Verkehrswesen, die Konzentration des Kapitals, der Großhandel und die Großindustrie, die sich das Polenvolk mit überraschender Energie und Schnelligkeit angeeignet hat, machen den jüdischen Vermittler und Handwerker in der Regel überflüssig. Der Anpassung an die neuen Wirtschaftsformen stehen aber große Hindernisse im Wege. Zunächst wird die „Proletarisierung" des jüdischen Handwerkers und Kleinhändlers — d. h. der Uebergang derselben zur Lohnarbeit in der Industrie — durch die Beobachtung der Sabbatruhe geradezu unmöglich gemacht. Dazu kommt eine bis zur rücksichtslosen Exklusivität gesteigerte nationale Eifersucht der polnischen Konkurrenz. Der Jude hat es auf wirtschaftlichem Gebiete nicht mit dem freien Kräftespiel des modernen ökonomischen Wettkamptes zu tun: er stößt vielmehr auf einen systematischen Boykott. Nicht nur der jüdische Kleinbürger, auch der Proletarier wird aus allen Arbeitszweigen verdrängt. Hier kommen neben den wirtschaftlichen auch allgemeine nationalkulturelle Motive, deren der ewige Judenhaß immer übergenug hat, zur Geltung. „Russifizierende Tendenzen", „jüdischer Nationalismus", „Separatismus", „Jargon", „Zionismus" — das sind in jüngster Zeit die Schlagworte, die als Argumente für den ökonomischen Boykott der Juden herhalten. Und es sind nicht zuletzt die „Brüder in Marx", die auf der Fernhaltung der jüdischen Konkurrenten bestehen. So oft von jüdischen Fabrikbesitzern der Versuch gemacht wird, jüdische Arbeiter anzustellen, leisten die polnischen Arbeiter den entschiedensten Widerstand, und gar häufig ist es schon in solchen Fällen zu Streiks gekommen, die mit dem völligen Siege der christlichen Arbeiter endeten. Am markantesten kommen diese Verhältnisse in der Textilindustrie zum Vorschein, die ihr Zentrum in Lodz hat. Die jüdischen Weber sind hier auf den kümmerlichen Handbetrieb angewiesen, der sich auf dem Aussterbeetat befindet. In Lodz selbst gibt es unter den vielen zehntausenden Webern, die in den Fabriken mit mechanischen Webstühlen beschäftigt sind, verschwindend geringe Anzahl von Juden. Aehnlich sind die Verhältnisse in der Umgebung von Lodz. In Sdunskaja- Wolia z. B. gibt es ca. 40 Fabriken mit 5000 mechanischen Webstühlen. 95<Vu dieser Fabriken befinden sich in jüdischem Besitz, jüdische Weber würde man aber in diesen Fabriken vergeblich suchen. — In Sgierze finden nicht weniger als 20 000 Personen an mechanischen Webstühlen Beschäftigung. Trotzdem nun diese Betriebe zu 90".. n Juden gehören, sind sie für jüdische Arbeiter so gut wie unzugänglich. Dieses merkwürdige Monopol rührt daher, daß die jüdischen Weber früher wegen der Sabbathruhe in die Fabrik nicht eintreten wollten, und so haben sich denn ihre christlichen Genossen allmählich daran gewöhnt, den mechanischen Betrieb als ihr Privileg anzusehen. Die von manchen jüdischen Fabrikanten gemachten Versuche, jüdische Arbeiter heranzuziehen, scheiterten immer an dem hartnäckigen Widerstand der christlichen Weber. Eine tatkräftige Zurückweisung der von dem Aeußersten nicht zurückschreckenden „Herren der Situation" war schon deshalb unmöglich, weil man ihnen eine genügende Anzahl für den mechanischen Betrieb geeigneter jüdischer Weber nicht entgegenstellen konnte. Der Fabrikant war somit auf seine christlichen Arbeiter a n g e w i e s e n und mußte sich ihren Wünschen fügen. Bis vor einigen Jahren konnten sich die jüdischen Weber noch immerhin recht und schlecht helfen. Mit knapper Not konnte man noch auch im manuellen Betrieb sein Brot finden. In letzter Zeit haben sich aber die Verhältnisse gründlich geändert. Die fortschreitende Entwicklung der Textilindustrie bedingt mit eherner Notwendigkeit den völligen Untergang des Handbetriebes. Die jüdischen Weber befinden sich daher in einer äußerst kritischen Lage. Die Auswanderung nach England und Amerika nimmt enorme Dimensionen an. Viele suchen sich dadurch zu helfen, daß sie sich neuen Berufen zuwenden. Und so werden denn überflüssige Kramläden massenhaft eröffnet, oder ähnliche zweckdienliche „Berufe" ergriffen. — In allerletzter Zeit macht sich nun sowohl in Fabrikantenkreisen als auch in den Kreisen der jüdischen Arbeitermassen das lebhafte Bestreben geltend, dem Uebel abzuhelfen. In P a b j a n i t z i bildete sich vor kurzem eine Gruppe von 20 jüdischen Webern, die je einen Beitrag von hundert Rubel leisteten und mit Hilfe eines dortigen Fabrikbesitzers 20 mechanische Webstühle erwarben. Auf diese Weise entstand eine „jüdische Fabrik", die sich anscheinend in erfreulicher Entwicklung befindet. Der investierte Betrag wird allmählich amortisiert, worauf die Webstühle in den Besitz der Arbeiter übergehen. Aehnliche Bestrebungen machen sich in Sgierz und in Sdunskaja-Wolia bemerkbar. Außerdem haben es jetzt die Sgierzer Fabrikanten nach langem, hartnäckigem Kampfe durchgesetzt, daß sie nunmehr in ihren Betrieben auch jüdische Arbeiter, nach der festen Norm von 20 Prozent, anstellen dürfen. Man sieht also, daßi organisierte Selbsthilfe auch auf diesem Gebiete etwas auszurichten vermöchte.

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