Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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1202 DIEE^ELT No. 45 starken Anklang- und freudiges Entgegenkommen. Von allen Städten kommen täglich Berichte über abgehaltene hebräische Versammlungen, über neu entstehende hebräische Rede- und Lesezirkel, die Zahl der Anteiinehmer wächst von Tag zu Tag, so daß der Hebräertag trotz der kurzen Vorbereitungszeit eine imposante Manifestation des galizischen Hebräertums zu werden verspricht. Die Tagesordnung wurde folgendermaßen festgesetzt: 1. T ag (Sonntag, den 19. November, 11 Uhr vormittags): a) Begrüßung: Dr. Philipp Korngrün, b) Wahl des Bureaus, c) Vortrag des Gg. H. Dr. Osias Thon: „Die Entwicklung der hebräischen Kultur und der hebräischen Sprache in Galizien", d) Mitteilungen. Nachmittagssitzung um 4 Uhr: a) Die Organisation der Hebräer in Galizien und der Bukowina — Ref.: Dr. Israel Rath, b) Die hebräische Volkserziehung — Ref.: Dr. Chaim Tartak o w e r , c) Anträge. Abends: Freundschaftliche Zusammenkunft. 2. Tag (Montag, den 20. November, 10 Uhr vormittags): a) Die Lage der hebräischen Schulen in Galizien und der Bukowina — Ref.: Dr. David K 1 i n g h o f e r, b) Die Existenzsicherung der hebräischen Schulen — Ref.: Dr. Moses Feuermann, c) Die Kindergärten und das hebräische Lehrerseminar — Ref.: Gg. Raphael Softer mann, d) Anträge. Nachmittagssitzung 4 Uhr: Generalversammlung des hebräischen Schulvereins: a) Rechenschaftsbericht: Dr. Philipp Korngrün, b) Debatte, c) Wahl der Leitung. Abends: Großes Meeting. Als Referenten sind angemeldet die Gg. Dr. Schmarjahu L e w i n , Dr. Kurt Blunienfeld, Adolf Stand, Dr. Osias Thon. Der zweite Tag wird auch den Beratungen des Preßkomitees und des pädagogischen Ausschusses gewidmet sein. Der Hebräertag findet im Jad-Charuzim-Saale (Bernsteingasse) statt. Aus dieser Tagesordnung ist ersichtlich, daß der Hebräertag nicht nur eine erstklassige Demonstration der neuhebräischen Bewegung bedeutet, sondern daß er auch ernste, praktische, wichtige Arbeiten zu erledigen hat. Das wichtigste an der Sache ist die Begeisterung und das Vertrauen der Jugend, welches der hebräischen Richtung in Galizien eine schöne Zukunft sichert. PALASTINA o o o || Die Tätigkeit des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina (mit dem Sitz in Berlin) betrachtet es als seine Hauptaufgabe, Erwerbsmöglichkeiten für die weibliche jüdische Be- Bevölkerung in Palästina zu schaffen. Da man in Palästina eine arabische Spitze vorfand, die allgemein als sehr schön bezeichnet wurde, richtete der Verband in Jaffa ein Atelier für S p i t z e n k 1 ö p p e 1 e l ein, um später auch in den anderen Städten Palästinas durch Einführung der Heimarbeit für Spitzen das Kulturniveau der weiblichen Bevölkerung zu heben. Nach anfänglichen Mißerfolgen gelang es dem Verband, unterstützt von anderen Institutionen, das Atelier in Jaffa zu hoher Blüte zu bringen. Das Atelier wird von mehr als vierzig Mädchen, besucht die mit Lust und Liebe bei der Arbeit sind. Die Zöglinge erhalten hier auch Unterricht in der hebräischen Sprache, im Turnen und in der Naturkunde. Die Erfolge in der Spitzenklöppelei in Palästina können als sehr bedeutend bezeichnet werden, denn selbst hochstehende Persönlichkeiten, wie die Großherzogin von Baden, haben die dort angefertigten Spitzen für ihr Museum angekauft, und der Frauenklub in Berlin hat in einer jetzt von ihm veranstalteten Ausstellung von Frauenarbeiten in Palästina eine reichhaltige Kollektion der Spitzen weitesten Kreisen zugeführt. Ermutigt durch diese Erfolge hat der Verband noch weitere Ateliers in Jerusalem, Tiberias und der Kolonie Ekron errichtet. Das Atelier in Jerusalem, das unter Leitung einer geborenen Harn burgerin, Frau Meyer-Lübke, steht, ist von einer reicher aus Moskau stammenden Dame mit bedeutenden Mitteln ausgestattet worden. Auch dem Sanitätswesen hat der Verband seine Tätigkeit zugewandt. Mit Hilfe von in Europa ausgebildeten Krankenschwestern ist es ihm gelungen, in Jaffa das dort bestehende jüdische Hospital bedeutend zu verbessern. Auch in Haifa wurde ein neues Hospital gegründet. Weiter will der Verband der Waisenpflege in Palästina seine Aufmerksamkeit zuwenden. Der Verband plant ferner die Errichtung einer Haushaltungsschule, verbunden mit einer Landwirtschaftsschule. Eine Landwirtschaftsschule ist bereits am Tibenassee mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds ins Leben gerufen worden und wenn der Versuch gelingt, soll das jüdische Waisenhaus von Jerusalem nach R e choboth verlegt werden, wogegen die Haushaltungsschule für Jaffa geplant ist. Von der ungarischen Gesellschaftsreise Das Programm für die von kaufmännischen und industriellen Kreisen Budapests veranstaltete Gesellschaftsreise nach Palästina und Syrien ist bereits endgültig festgesetzt. Die Gesellschaft wird am 14. Januar 1912 von Budapest abreisen, am 17. Januar in A 1 e x a n d r i a, am 20. in Kairo, am 25. in P o r t - S a i d, am 26. in Jaffa, am 28. in Jerusalem eintreffen. Von Jerusalem geht die Reise am 3. Februar nach Haifa, am 4. Februar nach Beirut, von wo die Heimreise angetreten werden soll. Rußland Antisemitismus in der russischen Duma Nach viermonatlichen Ferien wurde am 28. Oktober die neu» Session der Reichsduma eröffnet. In die Ferienzeit fielen dk Kiewer Ereignisse. Man war daher in weiten Kreisen gespannt wie d:e gesetzgebende Körperschaft des Reiches auf diese Ereignisse reagieren würde. Dazu kam, daß die meisten größeren Dumaparteien Interpellationen über die Ermordung Stolypins und über die Tätigkeit der stark kompromittierten Kiewei „Ochrana"* (Lockspitzelorganisation der Geheimpolizei) ange kündigt hatten. Die jüdische Bevölkerung hatte Grund zu befürchten, dal^ die Mehrheitsparteien der Duma die Gelegenheit benutzen würden, um eine Pogromhetze von der Parlamentstribünt aus in Szene zu setzen. Man war sich von vornherein klar daß die Nationalisten-Fraktion es nicht unterlassen würde, die Ermordung des Ministerpräsidenten durch einen Anarchisten jüdischer Abkunft zum Anlaß zu nehmen, um das blutige Pogrom gespenst heraufzubeschwören. Daß aber auch die Oktobnsten gewissermaßen die „Nationalliberalen" Rußlands, den Ton dei Pogromagitation anschlagen würden, wollte niemand recht tu; möglich halten. Und doch kam es so. Die Interpellation de Oktobristenpartei begann mit den Worten: „Der Jud Mordko Bagrow . . Als der jüdische Abgeordnet Nisselo witsch seinem Erstaunen darüber Ausdruck gal, daß die führende Partei der Duma in ihrer Interpellation di jüdische Abstammung Bagrows in ganz unmotivierter Weis so scharf betonen zu sollen glaubte, erteilte ihm der Führer dt Oktobnsten, Alexander Gutschkow, eine Antwort, die a Deutlichkeit hinter der Sprache Markows nicht zurückblieb Gutschkow riet ihm nämlich zu, er möchte doch seine Stammes genossen lieber lehren, daß sie sich von der Revolution fern hielten. Nisselowitsch sah sich dadurch zu einer Replik ver anlaßt, in welcher er die geistige Verwandtschaft zwischer den Oktobnsten und der blutrünstigsten Reaktion kenn zeichnete. „Bis jetzt glaubte ich," erklärte Nisselowitsch, „daf nur die Angehörigender Rechten bestrebt sind, mit jüdischen Blute jene Grundsätze zu verwischen, die dem Manifeste von 17. Oktober historische Bedeutung verleihen, ich konnte abc nicht annehmen, daß auch die Oktobnsten einen jüdischey. Pogrom anstreben. Nun sehe ich, daß ich mich auch hierii getäuscht habe. Die Grenze zwischen den Oktobristen un^ der „Rechten" ist offenbar ganz geschwunden/'