Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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telligenz" hat sie nicht, auf spontane Beihilfe der breiten Massen der Bevölkerung hat sie nie rechnen können, alles, was sie erreichte, hat sie einigen Großgrundbesitzern und Beamten zu verdanken. Verliert sie diese Unterstützung, so steht sie da, eine Partei ohne Einfluß und ohne Truppen. Sie versucht jetzt, diesen Mangel zu ersetzen, indem sie sich die Judenhetze dienstbar machen will. Aber man braucht kein Prophet zu sein, -um vorauszusehen, daß die Dinge umgekehrt verlaufen werden. Nicht die Oktobristen werden den Antisemitismus aufessen, sondern die Antisemiten werden die Oktobristen verschlingen. Der erste Schritt vom Wege wird immer weitere Schritte nötig machen, und so kann die Partei nur im antisemitischen Lager enden. Das Auftreten Gutschk o w s spricht deutlich genug. Es ist nicht verwunderlich, daß es selbst den gemäßigten oktobristischen Organen dabei schwül1 wird und daß sie sich bereits die „judenfeindlichen Anwandlungen" verbitten. Sicherlich ohne Erfolg. Um ein biblisches Wort auf diese Parteiverhältnisse anzuwenden: Der stärkere nimmt dem starken Gewappneten seinen Harnisch und teilt den Raub aus. Die Judenhetze ist augenblicklich obenauf. Ob sie bei den kommenden Wahlen wirklich so gut abschneiden wird, wie offiziöse Blätter ihr verheißen, mag abgewartet werden. Aber im Verhältnis zu den Oktobristen ist sie augenblicklich die Stärkere, und sie wird rücksichtslos alle Folgerungen ziehen, die ihr die Frage zu ziehen erlaubt. Es ist leichter, die Geister zu rufen, als sie loszuwerden, w enn sie ihr unheilvolles Werk begonnen haben. Die Oktobristen können es uns nicht verzeihen, daß wir „unzufrieden sind". Ja, das ist eine schwere Anklage. Die Unzufriedenheit ist freilich leitenden Staatsmännern immer unbequem, und sie zu beseitigen oder zu mildern, ist ihre unabweisliche Aufgabe. Aber dieses Ziel zu erreichen, wird Regierungen so wenig möglich sein, wie es dem einzelnen Menschen möglich ist, zur unbeschränkten Vollkommenheit durchzudringen und die unverhüllte Wahrheit zu ergründen. Die Unzufriedenheit, das ist der Drang zum Fortschritt, der Trieb zur vernünftigen Fortbildung, den die Natur in der Menschen Brust gepflanzt hat. Aus der Unzufriedenheit ist alles Große entstanden, was auf Erden besteht. Wäre man mit dem Besitz zufrieden gewesen, niemand wäre hinausgezogen, ferne Weltteile zu entdecken. Wäre man mit dem Wissensschatz zufrieden, kein Gelehrter grübelte bis tief in die Nacht über den Folianten, um sich über einen Zweifel klar zu werden. Die Unzufriedenheit ist das Prinzip der Bewegung, Stillstand aber bedeutet Rückschritt und Untergang. Ist es im öffentlichen Leben anders? Hat hier der Bürger nur selbstgefällig zu bewundern? Mit dem Gange der öffentlichen Dinge in Rußland zufrieden zu sein, haben die Juden nur zu wenig Grund gehabt. Sie seufzen unter dem härtesten Druck, der je in der Welt' existiert hat. Es ist ein Glück, daß sie nicht zufrieden sind: dies beweist, daß sie trotz der Knechtschaft innerlich frei geblieben sind. Nur so können sie weiter streben und ihre Stellung einigermaßen behaupten. Die Zufriedenheit würde für sie die Verzichtleistung auf die Freiheit und auf das Leben bedeuten; die Unzufriedenheit bedeutet das Streben nach Freiheit und Leben. N. S. §C □□□□□□ i2^= FEUILLETON z& r r Stätten der Not Von Dr. Israel Auerbach, Konstantinopel II. Kara-Agatsch. Eine leichte Brise von Nordwesten her färbt die tiefblauen Wasser des Goldenen Horns in Grün um. Sie verlieren zugleich ihre sonstige Weichheit und legen sich in tausend lange grauhaarige Wellen, die einander wie Katzen auf die Rücken springen, zuweilen sich allzu hoch aufstülpen, dann schräg- und scharfkantig werden und endlich umbrechen, in graue, plätschernde Spritzer zersplitternd. Die starren, schwarzen Zypressen vor dem stahlblauen Horizonte über den Totenhügeln von Ejub mit den zahllosen Marmorsteinen neigen die feinen, spitzen Köpfchen ostwärts. Das satte Grün der Hänge, die schneeige Weiße der Minarete und das vielfarbige Gewimmel der Häuschen von Defterdar und Halidschoglu glimmt unter dem kristallenen Hauch des Nordwestwinds in tieferen Tinten auf als immer. Es ist, als würde alles in dieser Luft geschliffen. Ein jeder Stein an den Felslehnen über den „Süßen Wassern" ist herausgehoben und zum Greifen sichtbar. Die Ziselierarbeit am Marmelstein der Mineratgeländer ist zu unterscheiden. Und klar und scharf wie die wunderbaren Konturen der Moscheenkuppeln und der Höhenrücken sind die Schreie der Sandaladschis, die zueinander hunderte Meter weit hinübergrüßen, und die traurigen Kadenzen des griechischen Fischerknaben, der weltverloren mit seinem Boote inmitten des Wassers schaukelt und sein ela, ela! der unsichtbaren Liebsten zusingt. Die Ufer laufen hinter Ejub so nahe zusammen, daß sie einen geschlossenen See zu grenzen scheinen. Spät erst sieht man, daß sie sich in den Süßen Wassern öffnen, die einen Arm nach Silivri und einen zweiten nach Kiathanee ausstrecken, den märchenhaften Blumenfluren, in die allfreitaglich die moslemischen Frauen ihre Frühlings- und Feiheitssehnsucht, ihr leissilbernes Geplauder und ihre tiefversteckten Koketterien hinaustragen. In diesen rechten Wasserarm lenkt unser Kalk ein, vorbei am Gepolter der tausend Hämmer, mit denen deutsche Arbeit am Goldenen Hörne die neue eiserne Brücke von Karaköj zusammenzimmert. Rechts werden die Ufer kahl und felsig. Und oben, ganz oben, hängen zwei kegelspitzige Soldatenzelte am Horizontrand und, wie schwarze, winzige Bleispielzeuge, sieht man zwei türkische Posten, Bajonett auf der geschulterten Flinte, gravitätisch auf- und niedergehen. Ein rauher Schrei erschreckt uns vom nahen Ufer unten, und ängstlich erwidernd folgt der Kalktschi dem Befehle der Posten, die unten die Uferränder bewachen, indem er in weitem Bogen linkswärts in die Wassermitte hinausstößt. Die Posten oben und unten, das sind die Wächter des Todes, und die Felsecke, die wir eben mühselig gegen die Wellen kämpfend angefahren, legt auf einmal die Zelte des Choleralagers von Kara-Agatsch vor unsere erschrockenen Blicke.