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Die Welt · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1194 DIESgKELT No. 45 rechts auf: zu voller Einmütigkeit und Disziplin in den Abwehrbestrebungen, zu energischer Betätigung im politischen Kampf für die Gleichberechtigung." Der Verlauf der Versammlung bot ein erfreuliches Zeugnis für den unverkennbaren geistigen Aufschwung, für das Erstarken des Selbstbewußtseins in der deutschen Judenheit. Am vorhergehenden Sonnabend fand in der Synagoge Oranienburger Straße ein Festgottesdienst zu Ehren der Teilnehmer am Judentag statt, wobei Rabbiner Dr. Warschauer die Festpredigt hielt und Ziel und Bedeutung des „Verbandes der Deutschen Juden" würdigte. Sonnabend abend wurden die Delegierten im Repräsentantensaal der Jüdischen Gemeinde vom Gemeindevorstand begrüßt. Seinen Abschluß fand der Judentag in einem von der Jüdischen Gemeinde am Sonntag abend veranstalteten Festmahl, zu dem etwa 500 Personen erschienen waren. Notizbuch Z u in R o o s e v e 11 - A r t i k e 1. Handelsverträge zwi- : chen souveränen Staaten sind zugleich Freundschaftsverträge, j lach diplomatischem Gebrauch wird in diese eine Wendung aufgenommen, welche die gegenseitigen freundschaftlichen Gesinnungen, die zurzeit bestehen und in aller Zukunft bestehen sollen, festgestellt. Einen sehr großen Wert haben solche Ivcdewendungen nicht; ein Handelsvertrag wird niemals ein Schutzmittel dagegen sein, daß zwischen den beiden vertragr.chließenden Staaten ein Krieg ausbricht, und unter allen Sätzen der schwankenden Völkerrechtswissenschaft steht keiner fester als der, daß ein Krieg alle Verträge zerreißt. Trotzdem darf man mit Recht behaupten, daß der Abschluß von Handelsverträgen ein Werk ist, das den Interessen des Friedens dient. Bei dem gegenwärtigen Kulturzustande können die Staaten solche Verträge, die den wirtschaftlichen Verkehr zwischen 'ihnen erleichtern, nicht entbehren. Der Weltpostvertrag, der Eisenbahnvertrag, der Schutz des geistigen Eigentums, der Patente, Muster und Marken durch Verträge, gewisse die Schiffahrt und den Verkehr betreffende Bestimmungen sind Grundlagen eines Rechtszustandes geworden, den man in zivilisierten Staaten für unentbehrlich anzusehen begonnen hat. Was die russische Regierung bewogen hat, seinerzeit einen Handelsvertrag mit der nordamerikanischen Republik abzuschließen, ist gewiß nicht freihändlerische Neigung gewesen. Diejenige Presse, die in Rußland vom „Sojus Russkawo Karoda*' (Verband des russischen Volkes) aus ihre Gedanken erhält, sucht die Sache so darzustellen, als sei der Graf Witte (der den Handelsvertrag redigiert hat) ein Mann, der von jeher judenfreundliche Ansichten gehegt und seine amtliche Stellung dazu benutzt habe, seinen Ansichten praktische Geltung zu verschaffen. Die Vertreter der jüdischen Hochfinanz hätten ihm dabei als böse Engel zur Seite gestanden. Wenn die Sache sich so verhielte, würde es dem Grafen Witte nicht zum Vorwurf gereichen, denn es ist kein Vorwurf, sondern ein Lob, juden-, d. h. menschenfreundlich zu sein und Finanziers für die Lösung finanzieller Fragen >:u Rate zu ziehen. Aber der Augenschein spricht dagegen, c;>ß es sich so verhält. Witte ließ sich ebensowenig von . tlischcn wie von freihändlerischen Beweggründen leiten. Nein,? Sache verhält sich umgekehrt: nicht freihändlerische, sonin schutzzöllnerische Tendenz hatte den Abschluß des " ' mdelsvertrages mit Amerika veranlaßt, die wichtigsten wdrtlaftlichen Interessen erheischen die Erhaltung dieses Verlages. Es ist Taschenspielerei, die Frage in dieser Weise au! ein anderes Gebiet hinüberzuleiten. Es ist auch falsch, daß die Annäherung an die Vereinigten Staaten seitens Rußlands eine liberale Idee von heute auf morgen sei. Dieses Bestreben datiert seit Jahrzehnten. Schon im Jahre 1S(J3 wurde die Dauerhaftigkeit der Sympatien zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten in allen Tonarien gepriesen. Ein russischer Publizist schrieb damals: „Bei der heutigen internationalen Entwicklung der Völkerbeziehungen und bei dem Kolonialsystem habe sich die Regierung der Vereinigten Staaten in der Praxis davon überzeugen müssen, daß die völlige Isolierung sogar für eine Großmacht unmöglich ist, auch wenn sie in allen äußeren Beziehungen die größte Korrektheit betrachtet. Die Wahl der Vereinigten Staaten könne nur auf Rußland fallen, dessen Interessen mit denen der Union ganz übereinstimme n." Der Mann, der diese Worte geschrieben hat, war kein anderer als Katkow, der intimste Freund und Berater Alexanders III. Und das ist in der russischen Politik zum Dogma geworden. Durch die Annäherung an England ist dieses , Dogma etwas abgeschwächt worden, aber wer glaubt an eine dauernde Entente mit England? — — Sollte dies auch der Fall sein, so ist ja die russische Diplomatie seit jeher bemüht, zwei Eisen im Feuer zu haben, wie es die Beziehungen zu Frankreich und zu Deutschland zeigen. Es ist dies ein traditioneller Zug russischer Politik. Palmerston hatte ja diese Eigenschaft schon zu seiner Zeit festgestellt und in einer für Rußland nicht sehr schmeichelhaften Bezeichnung, die zu einem geflügelten Wort in der politischen Presse geworden war, treffend charakterisiert. Somit ist der Roosevelt-Artikel mehr als eine vorübergehende polemische Laune; er ist ein Ereignis, weil er einen Versuch darstellt, die russische Judenfrage, insbesondere die Frage der ausländischen Juden in Rußland dorthin zu verweisen, wo diese Frage hingehört: auf das Gebiet der internationalen Politik. Es ist dies im Grunde derselbe Gedanke, den unser Zionismus in einer viel tieferen und allgemeineren Form vertritt: daß die Judenfrage in ihren Krisen und Verwicklungen Gegenstand ernster, internationaler Sorgen und Schwierigkeiten einmal werden dürfte. Wir sind in unserer Praxis von diesem Gedanken abgekommen, d. h. wir ziehen aus ihm keine Konsequenzen für die Bestimmung der Form unserer Arbeit, aber daß dieser Gedanke in anderen Kreisen, wenn auch für kleinere Zwecke, angeregt wird — das ist ein Symptom, welches einem denkenden Politiker nicht entgehen darf. * * * Die „Okto briste n" und die unzufriedenen Juden Rußlands. Die „Zwei-Seelen-Politik" der Oktobristenpartei in ihrem Verhältnis zu den Juden in Rußland, die in einer früheren Notiz als Hypothese hingestellt worden war, hat in den letzten Kundgebungen dieser Partei eine leider zu deutliche Bestätigung gefunden. Die judenfeindliche Bewegung hat einen Keil in diese Partei getrieben und droht sie vollends auseinander zu spalten. Zwar haben die Vertreter des alten Programms, die von dem antisemitischen Sauerteige sich nicht durchdringen lassen wollen, auch noch ein Wort mitzusprechen, aber vorläufig ist der Antisemitismus obenauf. Und gerade in der Oktobristenpartei wenn irgendwo müssen die Stimmen gewogen und nicht gezählt werden. Wenn Männer wie Lerche und andere ihren Austritt aus der Partei erklärt haben, so bedeutet das nicht bloß zwei Stimmen weniger, sondern damit fällt zugleich der ganze Einfluß weg, den sie bisher für diese Partei in die Wagschale warfen. Und was bleibt schließlich übrig, wenn die Partei diese gewichtige Beihilfe einbüßt? Einen Resonanzboden in der „In-

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