Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1196 DIEJ^ELT No. 45 Keine Seele, der ihr Leben lieb ist, kann von Hasköj her über den Ok-Mei'dan den Cholerazelten nahen, und ein armer Teufel, der in verzweifelter Furcht den Kordon von innen heraus durchbrechen wollte, blieb mit einer Bleikugel im Rücken liegen. Die weißen Zelte auf dem flachen Platze unter den Abhängen des Berges teilen sich in zwei deutlich geschiedene Lager. Das rechte wimmelt von buntem Menschenleben, das linke liegt starr und verlassen da im Schweigen des Todes. Das eine beherbergt die Menge der zur Beobachtung in Quarantäne Gelegten, das andere die Unglücklichen, die der grausige Schrecken mit seinen Tatzen niedergeschlagen und die nun mit allen Fibern ihres Leibes gegen den Sensenmann sich wehren. Zwischen und vor den Zelten des Quarantänedorfes herrscht ein lebhaftes Treiben. Juden in langen Schlafröcken promenieren auf und nieder, die Hände fröstelnd in die weiten Aermel geschoben. Bübchen springen neugierig heraus, um unser Boot zu betrachten; durch ihre durchlöcherten Strümpfe schauen dünne, armselige Beinchen, und um Kopf, Ohren und Hals ist schützend ein warmes Wolltuch geschlungen. Die Kleider der Frauen wehen im starken Winde um sie wie flatternde Fahnen; sie halten in große Tücher wie Pakete eingewickelte Babys auf ihren Armen; lange, lose Zöpfe fliegen ihnen hinten im Nacken; Mädelchen mit blaugefrorenen Gesichtchen hängen ihnen fest an den Röcken. Durch die offenen Luken der Zelte werden Matratzen und Tücher auf dem Rasenboden sichtbar; hier und da säugt ein abgehärmtes Weib mit lose fliegenden Haaren ein bleiches Brustkind; dort liegen wie die Hunde hingestreckt ein Häuflein Kinder mit offenen Mündern im Schlafe, während eine starr hingehockte Großmutter ihre zittrigen Hände über einem Mangale anwärmt und unaufhörlich gleichförmig mit dem Kopfe wackelt. Aufgeregte Bewegung kommt in das frierende Völkchen arn Ufer, als wir an ihm vorbeiziehen. Hundert sehnsüchtige, frierende, flehende Augen sind auf uns gerichtet. Vielfältige, vom Winde in der Mitte abgerissene Rufe fliegen zu uns hinüber; der und jener aus den Eingeschlossenen erkennt uns und läuft ein Stück Weges in unserer Richtung mit uns längs des Ufers. Bald aber sieht er ein, daß kein Verkehr mit uns möglich ist, er wendet sich ängstlich um nach dem böse dreinschauenden Posten, dann geht er traurig zurück zu den Seinen. Wir rudern schweigend weiter, stumme Zeugen des Jammers an diesem Ufer der Verdammten, die plötzlich aus ihren Heimen und Familien gerissen und Wind und Wetter, Nachtfrost und Regenstürzen auf diesem einsamen Eilande ausgesetzt worden waren. Der Tag ist schon stark im Sinken, die September- Sonne glüht noch, aber sie wärmt bereits nicht mehr; grimmig stemmen die Wellen sich unserem Schiffchen entgegen, der Wind singt heiser melancholische Weisen. Wir passieren die Gefilde des Schweigens immer ängstlich im weiten Bogen, bis am jenseitigen Rande des Felsens auf unseren Anruf eine Wache den stationierenden Arzt hervorholt, der den Soldaten mit beruhigender Order fortschickt und uns mit einer Handbewegung zum Näherkommen und Landen einlädt. Unser Herz klopft ein wenig, als wir den Fuß ans Land setzen, auf dem Gevatter Tod sein Heim hat, als wir dem Arzt, einem spaniolischen Juden von jugendlichem Alter, unsere Hände reichen und auf Holzstühlen, kaum 10 m entfernt von einem der Leinwandzelte, uns niederlassen. Die Einladung, uns vor Sonne und Wind zu schützen und in das Zelt selber hineinzubegeben, lehnen wir, ebenso höflich wie schaudernd, ab und auch auf das Glas Tee, das uns in der Küche der Station von dem jüdischen Diener bereitet werden soll, verzichten wir mit unerschütterlicher Bestimmtheit. Auf dem Gesichte des Arztes steht ein feines Lächeln, und mit viel Geschick und Zuversicht gibt er uns beruhigende Worte. Es ist bereits nach dem Dienste; er hat schon die Kleider gewechselt und seine Desinfektion vollzogen; uns kann seine Gesellschaft nicht gefahrdrohender werden als daheim seinem Weib und Kindern; auch den Tee könne er uns mit ruhigem Gewissen anbieten, da das Wasser tüchtig gekocht sei; hätten wir aber irgend welche Bedenken, so möge er uns durchaus nicht drängen. — — Inzwischen ist der zweite Stationsarzt, ebenfalls ein Jude, aus der Baracke heraus auf uns zugetreten. Es ist ein graubärtiger Mann mit melancholischen Augen. Vor zwei Wochen ist sein eigener Sohn im Laufe von nur sechs Stunden von der Cholera hingestreckt und irgendwo eingescharrt worden; seitdem hat der Vater den Dienst im Lager von Kara-Agatsch übernommen... Er reicht uns nicht seine Hände; er hat noch seinen Gummikittel auf dem Leibe und darunter nichts als sein Hemd, Unterbeinkleider und Strümpfe. Er steckt noch in der Arbeit. Von Zeit zu Zeit gibt er Winke an die wartenden jüdischen und syrischen Krankenwärter und Diener. Katholische Schwestern in grauen, bauschigen Röcken, die weißen Kaputzen über den Köpfen, erscheinen in den Oeffnungen der Zelte, tragen Instrumente herein und heraus, bringen Decken und Medikamente. Sie und die beiden Aerzte setzen das Heidenkorps zusammen, das hier in der Einöde, ungesehen und ungekannt, ohne Ruhm und Lohn gegen den Jammer der Menschheit ankämpft und täglich, stündlich, den Tod berührend, betastend, Rettungstaten ausführt. Aus dem großen Buch der Statistik, das man vor uns aufschlägt, ersehen wir, welcher Segen diese Arbeit begleitet. Nur sechzehn Prozent der Erkrankten sind hier dem Tode verfallen, gegen vierzig bis fünfzig in anderen Teilen der Hauptstadt. Ists die reine Luft, die Sonnenstrahlung, die gute Organisation des Dienstes oder die Aufopferung der Schwestern, die dieses Resultat erzielen? Wohl alles miteinander. Auch denen drüben, die in Beobachtung liegen, geht es eigentlich vorzüglich; nur ein einziger von ihnen ist seit der Einschließung erkrankt und verschieden. Wenn die Nachtkälte nicht wäre, unter der die Unglücklichen an diesem feuchten Ufer leiden. . . Es fehlt unglücklicherweise durchaus an den notwendigen Decken. Man umhüllt sich, bewirft sich mit was immer nur denkbar, mit alten Kleidern, Tüchern und Fetzen; aber der unbarmherzige Wind rüttelt und durchbläst das Leinen; vom rasigen Fußboden her schlägt ein eisiger Zughauch, und der Nebel des Frühmorgens dringt durch Mark und Beine. Wie des Nachts die ^Äderchen wimmern! Wird nicht bald jemand hier helfen? — Hinter den Zelten hervor, dicht an der Felswand, klingen jetzt eilige Schritte. Zwei Mann tragen auf ihrer Schulter einen Ischwarzen Kasten. . . Eines der täglichen Opfer. . . Marika, ein junges, blühendes Kind von kaum sechzehn Jahren, die einzige Griechin im Lager von Kara-Agatsch, über das sonst nur die Juden von Hasköj ihr trauriges Monopol besitzen. . . .