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Die Welt · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 45 DIE^ELT 1193 Wahlen seien durch unerhörte Korruption gefälscht worden. Mit Lug und Trug habe man von Paris aus gearbeitet. Es sei wünschenswert, daß die Alliance Israelite in Paris ihren Sitz hat, aber sie darf nicht zur Vertreterin französischer Interessen werden. Gewiß müsse alles geschehen, um den Frieden zu erhalten; es muß aber gesagt werden: Gehen die Pariser über eine gewisse Grenze hinaus, so ist die Solidarität zerstört, und die Pariser sind die Zerstörer. (Minutenlanger Beifall.) Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird gegen eine ansehnliche Minorität abgelehnt. Nachdem noch einige Diskussionsredner, meist Süddeutsche, meist im Sinne der unveränderten Annahme der Resolution gesprochen hatten, wird dieselbe mit allen gegen die eine Stimme des Rabbiners Frank angenommen. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: „Der am 6. November 1911 in Berlin versammelte Alliancetag erklärt hiermit seinen schärfsten Protest gegen den Versuch, das allgemeine Wahlrecht zu beseitigen und an seine Stelle die Kooptation zu setzen. Die deutschen Mitglieder der Alliance Israelite Universelle verlangen, behufs Sicherung eines wirksamen Einflusses auf die Leitung der Geschäfte, die Vornahme entsprechender Maßnahmen. Der Alliancetag erhebt warnend seine Stimme gegen das Vorgehen von Paris, das eine Vernichtung des Gedankens der Alliance Israelite Universelle bedeutet und eine Vernichtung der Alliance in Deutschland bedeuten kann." Verband der Deutschen Juden (Eigener Bericht.) Die vierte Haupfversärrimlürig des „Verbandes der Deutschen Juden", die am 5. November Irrt Theatersaal des Neuen Königlichen Operntheaters zu Berlin stattfand, nahm einen imposanten urid eindrucksvollen Verlauf.- Von den angemeldeten 499 Delegierten aii9 allen Teilen des Reiches waren 462 Teilnehmer erschienen — eine Zahl, die bei den früheren Hauptversammlungen des Verbandes nicht annähernd erreicht worden war« Unter den Anwesenden bemerkte man eine große Anzahl führender Persönlichkeiten der deutschen Judenheit und auch eine, Reihe bekannter Zionisten. Die Berliner städtischen Behörden waren durch dcri Bürgermeister Dr. R e i c k e , StadtverordneterivorSteher M i c h <H c t und Cassel, soiwie Stadtrat G e h r i c k e vertreten. Der Vorsitzende des „Verbandes der Deutschert Juden", justizrat Horwitz, begrüßte die Anwesenden im Namen des Verbandes, der berufen sei, eine Gesatntorganisation der deutschen Jüderiheit aller Richtungen und Parteien darzustellen und die Rechte der deutschen Juden mit vereinten Kräften zu wahren. Der Vorsitzende begrüßte sodann die Vertreter der städtischen Behörden und bemerkte hierbei* die Staatsbehörden h ä 11 e n der Einladung 2 ü f Tagung nicht Folge geleistet. Was die Versammlung aber in bezug auf die Schmierung der Rechte der Juden zu sagen habe, sei gerade für die Staatsbehörden bestimmt. Ueber das Verhalten der städtischen Körperschaften hätten die Juden nichts zu klagen. Darauf begrüßte Bürgermeister" Dr. R e i ck e den Verband namens des Magistrats Von Berlin und führte u. ä. aus: Seit Moses Mendelssohns Zeiten haberi wir immer wieder in Unseren jüdischen Freunden die feinsten Blüten gewinnender und vornehmer Menschlichkeit erblickt. Stets hat sich gegenseitige Annäherung und gegenseitiges Verständnis gezeigt. Aus solcher Gesinnung heraus wünsche ich dem Verband deutscher Juden ein Gelingen seiner Bestrebungen/' Darauf nahm Stadtverordnetenvorsteher Michel et das Wort. Er sagte u. iA unserer Kommune sind alle Staatsbürger gleichberechtigt. Als Beweis mag Ihnen die große Anzahl jüdischer Stadtverordneter dieneri, gewählt von der Berliner Bürgerschaft, und die jüdischen Magistratsmitglieder, gewählt von der Stadtverordnetenversammlung. Und so mancher jüdische Stadtrat gereicht der Stadt Berlin zur höchsten Ehre. Ich hoffe, daß Sie von Berlin manche freundliche Erinnerung mit nach Hause nehmen." Justizrat Horwitz erstattete hierauf den Geschäftsbericht. Er schilderte die Tätigkeit der Kommissionen im abgelaufenen Zeitraum und hob besonders die vorbereitende Arbeit hervor, die die Korrespondenzkornmission für Umfragen und statistische Arbeiten geleistet hat. Er wies auf die Tätigkeit der apologetischen Kommission hin, die ein umfassendes Werk vorbereitet hat, das der Aufklärung über das Wesen des Judentums dienen soll. Auch die Einrichtung eines apologetischen Archivs ist in Angriff genommen. Er erklärte, der Verband habe sich zum anerkannten Zentralorgan für die Vertretung der Interessen der jüdischen Staatsangehörigen in Deutschland entwickelt. Er ist auf den verschiedensten Gebieten für die Interessen der deutschen Juden tätig gewesen: In der Schächtfrage haben die Bemühungen des Verbandes zur Annahme des bekannten, vom Abgeordneten Gröber gestellten Antrags im Reichstag geführt; wegen der Zurücksetzung der Juden im Heeresdienst sind auf Betreiben des Verbandes die wiederholten Erörterungen im Reichstage erfolgt. Ueber diese Frage hat der Verband auch eine besondere Broschüre veröffentlicht. Des weiteren ist der Verband wegen der Einstellung jüdischer Rekruten an den hohen jüdischen Feiertagen, wegen des Ausgleichs zwischen Sabbatheiligung und Sonntagsruhe, wegen der verfassungsmäßigen Heranziehung von Juden zum Schöffen- und Geschworenendienst und noch in mancher anderen Angelegenheit allgemeinen jüdischen Interesses erfolgreich in Aktion getreten. Hierauf hielt Rabbiner Dr. B a e c k-Düsseldorf einen Vortrag über „Das Judentum unter den Religionenu. Er führte u. a. aus: Das Judentum kämpfe um das Recht, „seinen" Glauben haben zu dürfen und sei deshalb mit Notwendigkeit tolerant. Das Judentum sei auch insofern inkonfessionell, als es für die Frömmigkeit in allen Bekenntnissen Verständnis und Anerkennung habe; es stelle so alles, was die Menschen verbindet, über das Trennende, und dürfe deshalb jede Sache des menschlichen Fortschritts als seine eigene betrachten. Sodann sprach der Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau über das Thema: „Der Staat und die Juden." Er führte aus: Daß eine besondere „deutsche Judenpolitik" existiert, widerspricht eigentlich dem Geist der Gesetze; es gibt aber eine solche Judenpolitik. Dies zeigt sidi in der in Preußen erfolgenden Vorenthaltung staatlicher Zuschüsse, wie sie an christliche Religionsgemeinschaften gewährt werden, in der unfreundlichen Behandlung jüdischer Ausländer sowie in der Ablehnung und Zurücksetzung jüdischer Beamter. Die Regierung bekämpfe nicht die Rasse, sondern die Religion, weil dem getauften Juden alle Türen offen stehen. Der wahre Jude aber verachtet die Taufe, wenn sie aus äußeren Gründen und ohne innere Ueberzeugung erfolgt, als eine Lüge. Die Abwehr gegen die antisemitischen Strömungen liegt vor allem in der Aufklärungsarbeit, wie sie der Verband der Deutschen Juden zu seiner ersten Aufgabe gemacht hat. Danach sprach als dritter Redner Professor Dr. Golds t e i n-Darmstadt über „Das deutsche Geistesleben und die Juden". Der Vortragende würdigte den Anteil, den die Juden als praktische Arbeiter am Leben deutscher Wissenschaft auf allen nur möglichen Gebieten genommen haben. Er wies die antisemitische Legende, daß die Vermittlertätigkeit der Juden im deutschen Geistesleben eine antinationale Bedeutung habe, zurück und wies darauf hin, wie Schopenhauer und Hebbel, Otto Ludwig, Anzengruber und Wagner in sehr erheblichem Grade durch das Eintreten jüdischer Literaten zu Wirksamkeit und Ruhm gelangt sind, und wie am Ruhme des großen Goethe, von RahelVarnhagens Zeiten bis auf Bernays' Begründung der Goethegesellschaft Und Bielschowskys Goethebiographie Juden einen hervorragenden Anteil hätten. Die Juden hätten ihre Rolle irn deutschen Geistesleben gespielt nicht obwohl, sondern weil sie Juden waren. Zum Schluß der Versammlung wurde folgende Resolution angenommen: „Der Verband der Deutschen Juden wiederholt die Entschließungen seiner ersten und zweiten Hauptversammlung und erhebt erneut dagegen Einspruch, daß die den deutschen Juden verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung in wesentlichen Punkten durch die Verwaltung in ihr Gegenteil verkehrt wird So werden jüdische Beamte in den staatlichen Verwaltungen und an den Universitäten zurückgesetzt, werden Juden von der Stellung des Offiziers und Reserveoffiziers ausgeschlossen, erfolgt durch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels. . . Ausländische Juden werden nur weil sie Juden sind, bei Gewährung des Aufenthaltsrechts und der Naturalisation schlechteres andere Ausländer gestellt. - , t < Der Verband erwartet von allen rechtlich denkendem Mitbürgern Unterstützung im Kampfe um das Recht, der zugleich Kampf ist für das Gedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allem fordert der Verband diedeutsehen Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Beseitigung des Unw

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