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Die Welt · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1192 DIE] Ländern, insbesondere in Aegypten, welche den Vertrieb des Weines fast unmöglich machten, abgefunden und dadurch den Absatz des Weines ganz bedeutend erweitert. So z. B. konnte »man früher in dem reichen und nahegelegenen Aegypten nur minimale Quantitäten von Wein verkaufen, dagegen kommt dieses Land jetzt als Hauptkonsument für den Palästinawein in Betracht. Von den auf das Syndikat übertragenen Forderungen sind bis jetzt etwa über 400 000 Frcs. einkassiert worden, und dieser Betrag wurde soeben dem Baron durch die Deputation der Kolonien zurückerstattet. Bei dieser Gelegenheit haben die Vertreter des Syndikats mit der Zentral-Administration in Paris die früheren Rechnungen einer genauen Prüfung unterzogen und die Basis für die zukünftige Rückzahlung festgelegt. Wir beglückwünschen die Kolonien aufs herzlichste zu dieser ersten Zahlung. Alle Freunde der palästinensischen Kolonisation werden es mit außerordentlicher Freude begrüßen, daß der Baron Rothschild nun auch greifbare Erfolge seiner Taten zu sehen beginnt. Zweifellos ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, in dem der Baron sich überzeugen kann, daß sein großzügiges Werk gesund, kräftig und zukunftsreich ist. Die Hauptsorge der judäisclien Kolonien, die Weinkrisis, ist nun vorüber. Jetzt weiß man, daß der palästinensische Wein auf sicheren Absatz rechnen kann, und daß von keiner Ueberproduktion zu sprechen ist. Die große Nachfrage nach palästinensischem Wein in Frankreich im vorigen Jahr war nicht allein eine Folge der Mißernte in Frankreich. Man hofft vielmehr, daß auch in Zukunft, wenn das Gesetz gegen die Weinpantscher in Frankreich genau beachtet werden wird, der palästinensische Wein, der sich auf dem Weltmärkte immer besseren Ruf verschafft, die französische Konkurrenz nicht zu fürchten haben wird. Ja, man ist in Palästina allgemein der Ueberzeugung, daß man in der Vernichtung der Rebenpflanzungen viel zu weit gegangen ist. Die Fachstudien, welche das Weinbauern-Syndikat in Rischon veranlaßte, haben ergeben, daß Palästina als weinproduzierendes Land die besten Bedingungen hat. Man kann durchaus hoffen, daß die Weinproduktion in Zukunft zunehmen und die Anlage neuer Rebenplantagen ermöglichen wird. Die zweitwichtigste Kultur in Judäa, der Orangenbaum, hat ebenfalls in den letzten drei Jahren andauernd höchst befriedigende Resultate ergeben. Nicht minder versprechen die zum Teile noch jungen Oliven- und Mandelpflanzungen unserer Kolonien recht gute Resultate. Man kann im allgemeinen sagen, daß die Lage der Kolonien, die ihr Entstehen DE LT No. 45 und ihre Erhaltung in erster Linie der Großherzigkeit des Barons Rothschild zu verdanken haben, eine gesunde und gesicherte ist. Eines allerdings fehlt ihnen: Boden für die Weiterentwicklung und die Ansiedlung ihrer Kinder. Es ist ja eine bekannte, außerordentlich beklagenswerte Erscheinung, daß die Söhne der Kolonisten das Land verlassen, und statt das Werk ihrer Väter fortzusetzen und eine auf der Scholle schon aufgewachsene gesunde Bauerngeneration zu bilden, sich in der Fremde großstädtischen Berufen zuwenden. Dies würde aber nicht geschehen, wenn die Söhne Boden bekämen, um sich auf demselben anzusiedeln. Der beste Beweis dafür ist doch die Kolonie Ekron (nach der Mutter des Barons Maskeret-Bathia genannt), in der bis jetzt nicht ein Fall vorgekommen ist, daß ein Kolonistensohn die Kolonien verlassen hat, nur weil die Administration jedem jungen Manne, wenn er sich verheiratet, die Möglichkeit gibt, ein eigenes Anwesen zu begründen. Mit den galiläischen Ackerbau-Kolonien, die in seinem Auftrage durch die lea gegründet wurden, kann Baron Rothschild noch zufriedener sein. Freilich sind auch hier Schwierigkeiten zu überwinden gewesen, die noch nicht ganz beseitigt sind. Das Koionistenmaterial mußte gesiebt werden, das Kolonisationssystem wird andauernd von der Verwaltung revidier! und immer mehr den natürlichen Verhältnissen angepaßt. Die Kolonien müssen ausgestaltet werden und an Stelle des reinen Körnerbaues muß eine gemischte Wirtschaft mit verschiedenen Kulturen treten. Diese Umwandlung wird ja auch zweifellos über kurz oder lang eintreten. In erster Reihe müssen die Kolonistenfrauen hierfür ausgebildet werden. Aber im großen und ganzen ist die Kolonisation als eine gesunde zu bezeichnen. Das außerordentlich schwierige Problem der Ueberführung der jüdischen Städter zur Landwirtschaft ist hier in Palästina zweifellos geglückt. Das jüdische Gemeinwesen, wie es sich in den jüdischen Kolonien repräsentiert, ist ein verjüngtes, moralisch höher stehendes, gesundes und zukunftsfrohes. Jetzt beginnt die Saat, die von Baron Rothschild und den vielen anderen Palästinafreunden und Palästinakämpfern gesät wurde, ihre schönen Früchte zu tragen. Wir wünschen es dem Baron Rothschild, welcher mit solcher Unerschrockenheit und verehrenswerten Ausdauer keine Opfer gescheut und viele Enttäuschungen überwunden hat, daß er bald in vollem Umfange die schönen Ergebnisse seiner Taten genießen und sehen kann, daß er mit seiner Arbeit den Grund für die Regenerierung unseres Volkes gelegt hat. J o ch a n a n (Jaffa). Der Alliancetag Die deutsche Konferenzgerneinschaft der Alliance Israelite Universelle veranstaltete am 6. November in Berlin eine allgemeine Versammlung der Mitglieder der Alliance (Alliancetag). Die Versammlung fand im Anschluß an die Tagung des Verbandes Deutscher Juden im Saale der Gesellschaft der Freunde statt. Sie beschäftigte sich mit der Stellung der deutschen Mitgliedschaft zur Zentralleitung der Alliance. lieber 400 Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands hatten sich zum Alliancetag eingefunden. Der Pariser Zentralleitung wurde in der Versammlung vorgeworfen, grobe Ungehörigkeiten bei der letzten Ersatzwahl zum Zentralkomitee vorgenommen zu haben. Besonders scharf aber wurde der am 18. Oktober d. J. gefaßte Beschluß des Zentralkomitees kritisiert, an Stelle der bisherigen allgemeinen Wahl der K o rn i t e e m i t g 1 i e d e r durch die Gesamtheit der Angehörigen der Alliance die Kooptation zu setzen. Im Namen des deutschen Komitees referierte Geheimrat Landau über die erwähnten Vorgänge. U. a. führte er aus: Bei der letzten Wahl zum Zentralkomitee scheinen weit mehr Stimmen abgegeben zu sein, als überhaupt Mitglieder vorhanden waren. Da nur etwa 60 f»-b der Mitglieder vom Wahlrecht Gebrauch gemacht haben können, scheine die Alliance 56 000 Mitglieder zu zählen. Voriges Jahr seien nur 25 000—30 000 vorhanden gewesen. Der überwiegende Einfluß Salornon R e i - n a c h s im Zentralkomitee errege auch bei sehr linksstehenden Juden Bedenken. Für die Einführung der Kooptation sind völlig nichtige Gründe angeführt worden, u. a. daß die Römer schon die Kooptation gekannt haben. (Große Heiterkeit.) Außerdem ist von dem Pariser Zentralkomitee zugunsten der Selbstergänzung angeführt worden, daß sich im Falle eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland keine allgemeine Wahl zum Komitee vornehmen lasse! Von seiten der Majorität des Komitees ist die deutsche Mitgliedschaft des Nationalismus beschuldigt worden. Der Vorwurf sei völlig unzutreffend. In allen das Judentum betreffenden Fragen lasse sich die deutsche Mitgliedschaft lediglich von den Interessen des Gesamtjudentums leiten. Die Diskussion gestaltete sich sehr lebhaft. Rabbiner Dr. Frank -Köln warnte vor allzu scharfem Vorgehen gegen die französischen Juden (!). Direktor A d 1 e r -Frankfurt a. M., oft durch Lärm unterbrochen, äußerte sich in demselben Sinne. Redner erklärte aber schließlich, daß er trotz mancher Bedenken doch der vom deutschen Vorstand vorgeschlagenen Resolution zustimme. Diplomingenieur Adler -Berlin tritt zwar auch für Annahme der Resolution ein, nimmt aber unter stürmischen Protestrufen des größten Teils der Versammlung die französischen Mitglieder des Zentralkomitees gegen „übertriebene" Vorwürfe in Schutz. Es sei ein Unrecht gewesen, deutsche Schulen in Marokko zu verlangen. Dr. Adolf Friedeman n-Berlin wendet sich gegen die beiden Vorredner in längeren, oft durch stürmischen Beifall unterbrochenen Ausführungen. Er weist nach, daß die D. C. G. alles Erdenkliche getan habe, um den Frieden zu wahren, daß aber gegenüber der namenlosen Rücksichtslosigkeit der Pariser jedes Entgegenkommen vergeblich sei. Die Alliance werde von einer kleinen Clique geleitet, die absichtlich jeden brüskiere, der eine Kontrolle wünsche. Die Schulen seien französische Erziehungsinstitute und die Lehrer bis zur Willenlosigkeit abhängig. Das religiöse Empfinden von Eltern und Kindern werde durch das Reinachsche System verletzt, Unfrieden in die Familien getragen, Redner belegt diese Behauptungen unter großer Erregung der Zuhörer mit zahlreichen Beispielen. Die

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