Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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No. 44 DIES§£ELT 1173 Henri Bergson — ein Jude Aus Anlaß einer Vortragsreihe, die der bekannte franzosische Philosoph Henry Bergson gegenwärtig in London hält, war in der englischen Tagespresse behauptet worden, Bergson sei irischer Abkunft. „Daily News" veröffentlichte nun dieser Tage eine Zuschrift von einem Verwandten Bergsons aus Liverpool, der feststellt, daß der ausgezeichnete Denker kein „Irishman", sondern Jude ist. :<T^== 'L^L SPRECHSAAL ==^? o Herr Aaronsohn in Haifa bittet uns mitzuteilen, daß die von Herrn Prof. Warburg auf dem Kongreß gemachte Mitteilung, der Preis der Oelbäume betrage bis zur Fruchttragung 7,50 Mk., nicht von ihm stamme. Er wolle die Richtigkeit dieser Zahl nicht anzweifeln, lege aber Wert auf die Feststellung, daß sie nicht von ihm herrühre. Bücherbesprechungen Palästina, Monatsschrift für die Erschließung Palästinas. Sondernummer zum X. Zionistenkongreß. Nr. 7—9, 1911. Von der in Wien erscheinenden Monatsschrift „Palästina" ist das Heft 7—9 als Sondernummer zum Kongreß erschienen. Es verdient wegen einiger wertvoller Beiträge eine besondere Besprechung. Adolf Böhm sieht den Hauptwert des Kongresses in der Entfachung des nationalen Enthusiasmus, der für das Gelingen unserer Arbeiten, besonders jener noch unerprobten, neuen Formen der Kolonisation, die unerläßliche Vorbedingung sei. Des weiteren behandelt Böhm die Streitfrage, ob der Nationalfonds berufen sei, sich an einer künftigen Agrarbank zu beteiligen. Er bejaht diese Frage und sucht die von seiten der jüdischen Arbeiterschaft gegen eine solche Beteiligung geltend gemachten Bedenken zu zerstreuen. Ein zweiter Kongreßartikel — von Hugo Schachtel — schildert an ler Hand historischer Daten den Entwicklungsgang der zionistisch orientierten praktischen Gegenwartsarbeit in Palästina von den ersten Anregungen dieser Entwicklungstendenz bis zur Durchsetzung ihrer Anerkennung durch den Kongreß. In kurzen, klaren Worten bespricht Prof. Warburg die außerordentlich wichtige Frage, welche Aufgaben sich der Nationalfonds für die nächste Zukunft zu stellen habe, nachdem jetzt die Gelegenheiten zur Nutzbarmachung seiner Kapitalien in der Form, wie es bisher geschehen (wenn man von der Kreditgewährimg an Häuserbaugesellschaften absieht), nahezu erschöpft seien. Warburg rät dringend von weiteren Terrainkäufen ab, da sich der Boden mangels vermögender Pächter nicht ausnutzen lasse. Um aber unvermögende Pächter ansiedeln zu können, und um gleichzeitig die gesamte Bauernkolonisation Palästinas zu fördern, hält es Warburg für die dringendste Aufgabe des Nationalfonds, zunächst einmal den kleinen privatwirtschaftlichen Bauernbetrieb in Palästina rentabler zu gestalten. Er legt die Mängel dar, an denen dieser Betrieb heute krankt, und zeigt die Mittel und Wege zu ihrer Behebung auf (Verbreitung rationellerer landwirtschaftlicher Methoden, Verbilligung der Lebenshaltung durch Einführung von Gemüsebau, Geflügelzucht und Milchwirtschaft, Verbillig-ung des Nutzviehes durch rationelle Futterwirtschaft, Heranziehung jemenitischer Arbeiter, Bau von Arbeiterhäusern usw.). Die Entschiedenheit, mit der hier der Ankauf jeglichen Terrains, für das keine augenblickliche Verwendung vorhanden, prinzipiell abgelehnt wird, dürfte kaum allgemeine Zustimmung finden. Wenngleich Erhaltung und Bewachung solch unbenutzten Terrains relativ hohe Spesen verursacht, so wird doch eine günstige Chance in einem speziellen Falle oder selbst auch nur die Berücksichtigung der fortschreitenden Preissteigerung eine Prüfung von Fall zu Fall notwendig machen — sofern sich nicht Private zum Ankauf bereit finden oder die P. L. D. C. für das Terrain bessere Verwendung hat. Warburgs Ausführungen über die anderweitige Betätigung des N.-F. scheinen uns aber im höchsten Maße beherzigenswert. Von psychologischem Interesse ist der Gegensatz in der Art, wie Warburg und wie B. Goldberg ein ähnliches Thema behandeln. Hier der nüchterne Kolonialpolitiker, dort der impulsiv fühlende, ungestüm drängende Volksmann, der über nüchterne Erwägungen hinwegschreitend vor allem die Stimmung der Masse berücksichtigt. Es dürfte einen Mittelweg geben. Ri u p p i n s Aufsatz über die landwirtschaftliche Kolonisation unter den Juden ist der 2. Auflage seines Buches „Die Juden der Gegenwart" entnommen und ist ein kleines Meisterstück der Darstellungskunst. Ohne im einzelnen wesentlich Neues zu bieten, faßt die Darstellung die in Betracht kommenden Gesichtspunkte so prägnant zusammen und gruppiert sie so geschickt, daß aus altbekannten Tatsachen neue Einsichten ersprießen. Wo ist je der Wesensunterschied zwischen philanthropischer und nationaler Kolonisation kürzer und klarer gekennzeichnet worden? Bergmann behandelt die Araberfrage, die infolge der Zunahme der arabischen Bevölkerung durch Geburtenüberschuß und durch die steigende Einwanderung judenfeindlicher christlicher Araber aus dem Libanon immer dringender werde. Er empfiehlt, abgesehen von einer Beschleunigung der jüdischen Bevölkerungszunahme durch industrielle und kommerzielle Kolonisation, eine größere Rücksichtnahme bei Landkäufen auf die ehemaligen Besitzer des Bodens, besonders soweit es sich um die von wucherischen Effendis expropriierten Fellachen handelt. Doch sei mir der Hinweis auf den Widerspruch gestattet zwischen diesen Ausführungen und dem S. 218 wiedergegebenen Abwehrartikel des Jeune Türe, in dem rühmend hervorgehoben wird, daß 84 Prozent des von Juden kultivierten Terrains nicht von Fellachen, sondern von Großgrundbesitzern gekauft ist! Müllers Ausführungen über das Kulturproblem dürften eine heilsame Lektüre für unsere Zauberkünstler sein, die uns partout eine jüdische Kultur nach feststehendem Rezept fabrizieren wollen. Auf weiteren ca. 20 Seiten werden kürzere Auszüge aus allgemein interessierenden Berichten über palästinische Angelegenheiten gegeben. Die Lektüre des Heftes wird für jeden Leser von Nutzen sein und manchen anregen, die gut geleitete Monatsschrift regelmäßig zu lesen. Sdl. Die Juden und die moderne Rassentheorie. Von Dr. Max Besser. 2. Aufl. (Jüd. Verlag G. m. b. H. 1911). Werner Sombart hat jüngst in seinem Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben" ausgeführt, daß wir in Ruppins „Die Juden der Gegenwart", die erst vor einigen Wochen der Jüdische Verlag zum zweiten Mal hat in die Welt hinausgehen lassen, auf wenigen Seiten auch eine musterhafte populäre Darstellung des Rassenproblems besitzen, so meisterhaft, daß er — und das will bei Sombart etwas heißen — nichts Besseres an ihre Stelle zu setzen vermöchte und sie deshalb mit den Worten Ruppins wiedergibt. Wenn das klassische Werk Ruppins, dem auch Sombart die höchste Anerkennung zollt, und dessen Verfasser er als den besten Kenner der jüdischen Probleme bezeichnet, wie es auch sein sollte, in der Hand jedes bewußten Juden wäre, so wäre die vorliegende Broschüre überflüssig. Aliein dem ist leider noch nicht so, und so müssen wir uns freuen, daß uns Besser eine so klar gegliederte, abgerundete und leicht verständliche Darstellung des Rassenproblems in seiner Beziehung auf und seiner Bedeutung für die Juden geschenkt hat. Klar und scharf treten die Leitsätze heraus: 1. Es gibt eine jüdische Eigenart, mag man sie — das ist nur ein Streit um Worte — „Rasse" nennen oder nicht. 2. Diese Eigenart macht die Juden nicht zu inferioreren Menschen als z. B. die Germanen (kontra Germanen-Theorie). 3. Von dieser Eigenart kann erwartet werden, daß sie, wenn die eisernen Fesseln der Bedrückung von ihr genommen sein werden, in freier Entfaltung der Menschheit neue Ewigkeitswerte schenken wird. In hoc signo vinces! München. Dr. Rudolf Wassermann. Büchereinlauf Verband der Deutschen Juden, Sechster Geschäftsbericht für die Zeit vom 1. Oktober 1909 bis 31. März 1911, erstattet vom Generalsekretär. Berlin 1911. D. Feilchenfeld, Berlin SW., Beuthstr. 19. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, begründet von Z. Frankel. Herausgegeben von Dr. M. Brann. Juli-August 1911. Breslau, Koebnersche Verlagsbuchhandlung. (Barasch und Riesenfeld.) Der Untergang der Deutschen Juden, von Dr. Felix A. T h c i 1 h a b e r. München 1911, Ernst Reinhardt Verlag. Der tote Wille. .Drei Einakter von Friedrich Porges. Friedenau-Berlin, Verlag des Bureau Karl Fischer. Auf großer Fahrt. Das Reisebuch eines Schiffsoffiziers. Von Albert Levy. Mit 53 Abbildungen. Berlin, Ernst Siegfried Mittler und Sohn.