Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 44 DIE^ELT 1171 Jedenfalls paßt der Brand den Herren Patrioten sehr gut in den Kram. Die Dumaabgeordneten von der Rechten haben nun Gelegenheit, ihr sauberes Spiel unter guten Auspizien weiter zu treiben. Gegenwärtig fordern sie energisch, daß in der Reichsduma gleich nach Eröffnung der neuen Session die seinerzeit eingereichte Interpellation bezüglich des Kiewer „Ritualmordes" auf die Tagesordnung gesetzt wird. Einrerfindungsreicher Gouverneur Bekanntlich hat es heutzutage ein strebsamer russischer „Tschinownik" sehr leicht, Karriere zu machen: Er braucht sich nur auf dem Gebiete der „Niederwerfung der Meuterer", oder, was hier als Synonym gilt, der Unterdrückung der Juden hervorzutun. Nicht jedem ist es aber gegeben, sich schöpferisch zu betätigen, neue Mittel und Wege zur Bekämpfung der Revolutionshydra zu erfinden. Zu diesen wenigen Glücklichen gehört nun der Gouverneur von Moskau, Herr Djunkows k y. Eine weitherzige Auslegung des Gesetzes, die allerdings mehr schöpferische Phantasie als juristische Präzision verrät, gewährte dem findigen Herrn die Möglichkeit, dem agressiven „Tschinownik"-Antisemitismus ein neues sehr ergiebiges Gebiet zu erschließen. Bekanntlich kennt das russische Gesetz gewisse Kategorien von Juden, die das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons genießen. Ein Unterschied zwischen Stadt und flachem Lande, wie er kraft der berüchtigten Ignatiewschen Regeln für die nicht privilegierten Kategorien besteht, ist dabei nicht vorgesehen. Dazu kommt, daß selbst die provisorischen Regeln Ignatiews nur von dem Verbot einer Niederlassung, nicht aber von dem eines vorübergehenden Aufenthaltes sprechen. Nichtsdestoweniger hat der Herr Gouverneur die ihm unterstehenden Behörden des Gouvernements instruiert, strengstens darüber zu wachen, daß die jüdischen Kaufleute erster und zweiter Gilde, die außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen dürfen, nicht auf das flache Land kommen. Voraussichtlich wird die Verfügung des Moskauer Gouverneurs Schule machen. Bei der gegenwärtigen innerpolitischen Situation wird wohl kaum ein Gouverneur im Innern Rußlands an Diensteifer hinter seinem Moskauer Kollegen zurückbleiben wollen. Tolmatschow an der Arbeit Die Odessaer Epopöe der allgemeinen Revision der jüdischen Namen entfaltet sich immer großartiger. Nachdem Herr Tolmatschow den Advokatenstand unter die Lupe genommen hatte, um schließlich 40 jüdischen Rechtsanwälten und Advokaturgehilfen „wegen Aneignung fremder Namen" den Prozeß zu machen, wandte er seine Aufmerksamkeit den anderen Klassen der jüdischen Bevölkerung zu. Und so wurde denn die Polizei -beauftragt, genaue Auskünfte über Vor-, Vaters- und Familiennamen, wie auch über die Nationalität sämtlicher Immobilienbesitzer und Inhaber von Handelsfirmen zu sammeln. Desgleichen wurde der Börsen vorstand aufgefordert, eine genaue Namensliste sämtlicher in der Getreidebranche tätigen Kaufleute einzureichen. Das Handwerkeramt erhielt die gleiche Verordnung betreffs der Inhaber von Werkstätten, während die Aerztekammer die Daten für den Aerztestand besorgen soll. Man sieht, es handelt sich um eine großzügige Aktion, die bei den bevorstehenden Duma wählen gute Dienste leisten soll. . . . Wie bereits berichtet, werden nämlich die beanstandeten Namen einfach aus den Wählerlisten gestrichen. Man wird es nun begreifen, weshalb die von Tolmatschow eingereichte Demission nicht angenommen worden ist. — Ausweisungen Wie aus Jekaterinodar berichtet wird, finden im kubanischen Gebiet massenhafte Judenausweisungen statt. Die seinerzeit vom Jekaterinoslawer Gouverneur über die jüdische Bevölkerung des Fabrikortes J u s o w k a verfügte Ausweisung geht nun ihrer Vollstreckung entgegen. Sämtliche Personen, die sich nach dem 3. Mai 1882 in Jusovvka niedergelassen haben, werden ausgewiesen. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Betroffenen sich in geradezu trostloser Lage befinden, da man ihnen nicht die erforderliche Frist gewährt hat, um ihre Geschäfte zu liquidieren. Unter den Ausgewiesenen gibt es viele, die mehr als 25 Jahre am Platze wohnten. Einzelne haben aus Verzweiflung ihre Rettung im Schöße der „Religion der Liebe" gesucht. Im Geiste der Zeit Die findige „Semschtschinau hat ein sehr geistreiches Mittel ersonnen, wie der unverwüstlichen revolutionären Bewegung der Garaus gemacht werden könnte. Das Patriotenblatt macht allen Ernstes den Vorschlag, die Juden sollten mit Gut und Blut für jeden hingemordeten Beamten haftbar gemacht werden. Nach jedem verübten terroristischen Akt soll eine bestimmte Anzahl intelligenter Juden kurzerhand hingerichtet werden. Ein Pogromheld als Staatsbeamter Wie aus Tscheliabinsk berichtet wird, wurde dort der berüchtigte N o w i k o w , der seinerzeit wegen Veranstaltung eines Pogroms verurteilt worden war, als Staatsbeamter angestellt. Vortrag Dr. Zollschans Am Montag, den 30. Oktober, fand im Oberlichtsaal der Philharmonie in Berlin der erste der angekündigten Vorträge Dr. Zollschans statt. Ein vielhundertköpfiges Publikum folgte den Ausführungen des Redners, der die ,,Rassengiiederun|g der Menschheit" erläuterte und im Sinne seines bekannten Buches sich gegen die Arier- und Germanentheorien wandte. Der nächste Vortrag, der am Montag, den 6. November, abends SJi> Uhr, wiederum im Oberlichtsaal der Philharmonie stattfindet, wird den „Versuch einer objektiven Feststellung des Rassenwertes der Juden" behandeln. Dieser Vortrag, der mehr populären Charakter haben wird, als die streng wissenschaftlichen Ausführungen des ersten, ist für uns von ganz besonderem Interesse. Wir behalten uns vor, auf beide Vorträge im Zusammenhang zurückzukommen. Das Zollschansche Buch. Um das außerordentlich bedeutsame Buch Zollschans „Das Rassenproblem" in Parteikreisen zu verbreiten, hat ein Gesinnungsgenosse in munifizierter Weise einen größeren Retrag ausgeworfen, um für Parteigenossen die Anschaffung des Werkes zum Preise von Mk. 4,50 (Kr. 5,40) broschiert, statt Kr. 7,20, und Mk. 5,50 (Kr. 6,60) gebunden exkl. Porto zu ermöglichen. Zu beziehen durch W. Teitelbaum, Wien IX., Türkenstr. 9. Verband der deutschen Juden Die am 5. November d. J. im Neuen Kgl. Operntlieater in Berlin stattfindende Hauptversammlung beginnt nicht um 10, sondern um 111/2 Uhr. Hygiene der Juden Die ,,Historische Abteilung" der Internationalen Hygiene- Ausstellung Dresden 1911 gibt auf zahlreiche Anfragen bekannt, daß das in ihrem Verlag erscheinende, von Dr. Max Grunw a 1 d - Wien herausgegebene Buch „H y g i e n e der Juden"' bis zum 1. November d. J. zum Subskriptionspreise von Mk. 12.— durch sie, von da an für Mk. 15.— durch den Ruchhandel bzw. direkt vom Verlag zu beziehen ist. A. J. K. O. " 'r^p^-Tr*?! Aus dem der Generalversammlung am 20. Oktober 1911 vorgelegten ausführlichen Bericht der Leitimg geht hervor, daß die Aiko außer in den verschiedenen größeren deutschen Gemeinden versucht hat, in London, Petersburg und Kiew festen Fuß zu fassen. Im Jahre 1911 wurde von ihr die Orient Colonising Company Ltd. gegründet. Sie hat verschiedene palästinensische Ansiedlungsprojekte in Zusammenarbeit mit der sogen. Bialystoker Gruppe und teilweise unter Beihilfe der Organe der Ika und der P. L. D. C. behandelt. Ein Kassenbericht war dem gedruckten Bericht nicht beigegeben. In der Generalversammlung wurde mitgeteilt, daß 1910 die Einnahmen rund M. 18 00Ö, die Ausgaben rund M. 14 000 betragen hätten. Die Orient Colonising Company habe ein eingezahltes Kapital von M 5000, wovon Herr Dr. Ginsberg die Hälfte gezeichnet hat, außerdem verfügt der Kolonisationsfonds der Ä. I. K. O. noch über M. 22 000. In der Debatte erklärten die Mitglieder des Kolonisationsausschusses, Herr Prof. Warburg und Herr Dr. Hey-