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Die Welt · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Ein Abschied Ein ganz beträchtlicher Teil des Geleisteten ist dem soeben aus seinem Posten scheidenden Turnlehrer Herrn Hirsch zuzuschreiben. Nächst dem höchst leistungsfähigen und unermüdlichen Zentralvorstand gebührt ihm die warme Anerkennung aller Nationalempfindenden. Er hat eine Aufopferung ohnegleichen in seinem ungemein schwierigen Dienst bewiesen und damit ein erzieherisches Beispiel für die hiesige jüdische Jugend aufgestellt, das seinesgleichen nicht findet. Die dankbare Liebe, die ihm dafür zuteil wurde, ist die natürliche Folge davon. Der Abschied dieses Mannes von unserer Stadt war gewissermaßen ein Ereignis. Es haben tausende junger Menschen daran teilgenommen und unauslöschliche Eindrücke sind davon zurückgeblieben. Die Trennung war schwer und — lang, denn sie ging eigentlich in drei Etappen vor sich. Erst veranstalteten sämtliche Sektionen der Hauptstadt zu Ehren des Scheidenden ein gemeinsames Turnfest, sodann gab ihm der engere Kreis der Peroten einen Abschiedsabend, und endlich begleiteten ihn hunderte der jungen Leute auf den Bahnhof. Wiener Britf (Von unserem Berichterstatter) Mosslnsohn in* Wien Das jüdische Leben Wiens — nicht nur die zionistische Partei — hat durch unseren geschätzten Gast, Prof. Ben-Zion Mossinsohn vom hebräischen Gymnasium in Jaffa, neue Impulse erhalten. Das will viel sagen. Aber die ganz ungewöhnliche Wirkung seiner Person und seiner Vorträge muß so gewertet werden. Das ist mehr als „Agitation". Das ist Befruchtung der Herzein. In einer Massenversammlung des zionistischen Zentralvereines ließ Mossinsohn das zionistische Werk in Palästina vom ersten Spatenstich erstehen, widerlegte mit einfachen, unumstößlichen Daten die beliebten Einwürfe, der zionistischen Arbeit stände der Wille der Türkei, die Araberfrage, sowie der Umstand entgegen, daß das Land nur einem kleinen Bruchteile des Volkes Heimat werden könne, sprach wunderschön über die Gesundung der jüdischen Psyche unter der Sonne Palästinas, um dann von ganz neuen Gesichtspunkten die Rückwirkung des Palästinawerkes auf die Regeneration der Golusjuden darzulegen. Ueberaus fesselnd behandelte er das Problem der Kindererziehung und des Schulwesens in Erez Israel. Ohne Schönfärberei legte er die mannigfachen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten dar, die schon^ überwunden sind und noch zu überwinden sein werden. Wahre Begeisterung erweckte die wohlklingende hebräische Rede, mit welcher er Herrn Prof. Dr. Kaminka antwortete, der als Nichtzionist namens aller Freunde der hebräischen Sprache den wackeren Pionieren in Palästina dankte. Auch der gediegene Vortrag in der Universität, den der akademische Verein „Theodor H e r z 1" veranstaltete, war über Erwartung eindrucksvoll und reich an Anregungen. Mossinsohn sprach ferner hebräisch im akademischen Vereine „Hatchijah" und im Sitzungssaale des israelitischen Kultusvorstandes über das hebräische Gymnasium. Eine brennende Frage Der Universitätsvortrag Dr. Mossinsohns, an dem~mehr als 500 jüdische Studenten teilnahmen — die große Galerie junger Juden, die alle unser sind, war ein herzerfrischender Anblick — mahnte uns unwillkürlich an das brennende Studentenproblem. Als unsere zionistischen Akademiker im Vorjahre die 3000 jüdischen Schänker empfingen und mit herrlicher Energie die Riesenarbeit der Unterbringung und Organisierung vollbrachten, die ihnen die zionistische Leitung anvertraut hatte, war man allenthalben des Lobes voll. Und doch ist den meisten an dem unvergeßlichen Straßenbild von der Ringstraße ein merkwürdiger Zug entgangen: Ein erschreckender Prozentsatz dieser selbstlosen jungen Studenten, die dem Demonstrationsmarsch der brotlosen Schänker das Rückgrat gaben und ihn säumten, sind selbst — um es nur herauszusagen verzweifelte, hilflose, arg bedrängte Hungerleider. Fast sechzig von hundert jüdischen Studenten haben jenen lieblichen Entwicklungsgang hinter sich, der mit den „Kostitagen" und ihrer Voraussetzung, dem „Musterknabentum", beginnt. In den schulfreien Stunden Lektionen bei Gutgenährten, in den Ferien Einpaukereien, damit man dem darbenden Vater nicht zur Last fällt. Blutarm, rundrückig, kurzsichtig kommen sie dann zur „goldenen alma mater". Das sind noch herbere Zeiten. Auf der Aula der alkoholisierte, judenfresserische Studentenmob, in der Stadt das gemütliche, antisemitische Wienertum, eine elende, ungeheizte Bude mit dem Fenster auf den dunkeln Gang, die Mensa versperrt, beim christlich-sozialen Krämer kein Kredit, die Straßen von Glanz und Wohlleben erfüllt, der Magen leer, der Rock fadenscheinig —- aber im Herzen das leuchtende, zionistische Ideal. . . . Sie lesen und lernen, halten unter sich Seminarien ab, und wenn man ihre Arbeitskraft braucht, brechen sie die Diskussion über die jüngsten Streitfragen innerhalb der Bewegung ab und legen freudig Hand ans Werk — trotz ihres miserablen Pferdewürsteldaseins! Die Studenten sind unser bestes Kleinod. Sie haben als die Ersten den verkrusteten Heimatboden umgepflügt; hier lebt vor allem die reine, voraussetzungslose Liebe, die noch nicht kalkuliert, hier bricht der kostbare Quell neuer jüdischer Kräfte durch. Wäre es nicht unverantwortlich, wenn wir diesen Jungbrunnen sorglich zu fassen versäumten? Könnten wir es vor der Geschichte rechtfertigen, wenn wir den hingebungsvollen Idealismus dieser Jugend unterliegen ließen im Kampfe mit der — Unterernährung? In Wien besteht seit Jahr und Tag ein Verein „Jüdisches Studentenhei m". Der Bauplatz in der Seegasse ist längst gekauft und ein ausgezeichneter zionistischer Architekt hat die Pläne zu dem imposanten Bau längst entworfen. Mögen die noch erforderlichen, nicht allzu großen Summen einlaufen, damit in der Stadt Theodor Herzls der Grundstein des Heimes für „seine Studenten" gelegt werden kann. Es hat sich in diesen Tagen auf Anregung des „Jüdischen Nationalvereines" ein Verband der absolvierten zionistischen Akademiker Wiens konstituiert, der gewiß die Angelegenheit des Studentenheimes und der neugegründeten „mensa academica judaica" aufs nachdrücklichste betreiben wird. ^Ein Volksheimpn'der Leopoldstadt Jedenfalls wird die Freunde des „Studentenheimes" eine andere Neugründung des Wiener bewußten Judentums anspornen, die so recht zeigt, wras Schaffensfreude und Tatkraft in kurzem bezwingen kann. In wenigen Wochen wird die Leopoldstadt ein „jüdisches Volks he im" besitzen. Zu dieser Errungenschaft darf man den „Jüdischen Nationalverein'4 und die eifrige zionistische Distriktsgruppe herzlich beglückwünschen. Sie krönt eine ungemein emsige, gewissenhafte Kleinarbeit. Tagtäglich sind unsere besten Männer Referenten in kleinen Versammlungen und sorgen dafür, daß die durch zionistische Agitation während der jüngsten Wahlbewegung geweckten Kräfte wachsen und sich selbständig betätigen. Das Volksheim, das mit einem Lesesaal, einer Versammlungshalle, einem Rechtsschutzbureau und einem Kreditinstitute in Verbindung stehen wird, soll ein Wahrzeichen jüdischer Regeneration und Selbsthilfe und ein Brennpunkt des jüdischen öffentlichen Lebens werden. r Deutsch-jüdische Perversitäten 1 Zu der eifrigen Tätigkeit, über die wir berichten durften, werden die bewußten Juden nicht nur durch die Entwicklung, sondern ^.uch durch das Verantwortlichkeitsgefühl gedrängt. Die Politik des Assimilantentums beginnt wieder sehr gefährlich zu werden und man muß ihr doppelt entgegenwirken, soll das Volk nicht Schaden nehmen. Oesterreich braucht bekanntlich den nationalen Frieden nicht minder als das argentinische Fleisch, und die Gewissenhafteren aus den gegnerischen Lagern beginnen einander die Hände entgegenzustrecken. Wer fährt aber dazwischen und will's nicht dulden? Die jüdischen Exaltados! Während der nationalen Ausgleichsverhandlungen in .Prag war der Sprecher der Deutschen, der verstorbene bekannte Parlamentarier Dr. Eppinger, dem Prager deutschen Kasinojudentum zu entgegenkommend. Flugs hielt es eine Trutzversammlung ab und demonstrierte gegen die Lauheit der deutsch-völkischen Vertreter. Im Reichsrat tritt der Ministerpräsident mit den Tschechen in Verhandlungen. Wer sucht die entgegenkommende Stimmung zu beeinflussen? Wer regaliert in widerlichen Leitartikeln die Oeffentlichkeit mit der Lüge, daß das bloße Ansinnen der Regierung, Tschechen zu Ministern zu machen, „dem

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