Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1168 jede Sammlung rekrutiert ja immer das Wesentlichste hier wie überall aus den Gaben der jüdischen Bank- und Geschäftshäuser — aber diese Leistungen werden in der Türkei wie anderwärts nur als bürgerliche, nicht als jüdische, anerkannt. Nur, was die Juden als Gesamtheit oder jüdische Organisationen unter ihrem nationalen Namen schaffen, wird der jüdischen Nation als Haben gutgeschrieben. In diesem Sinne hätte nun freilich tatsächlich mehr geschehen können; das bisherige war dem guten Willen der Juden nicht entsprechend. Der Großrabbiner hatte zur Zeit einen Appell lanciert, aber er war wie alle ohne Wiederhall verklungen. Nur wenige Vereine hatten durch Veranstaltungen einige Summen aufgebracht, am verhältnismäßig meisten noch der „antipatriotische Makkabi", dessen vorjähriges, von den Maßgebenden bekanntlich boykottiertes Flottenfest einen Reinertrag von über 1200 Mk. ergeben hatte. Die Zuschrift der Flottenkommission hat nun Rabbi Nahum veranlaßt, neue Schritte zur Heranziehung der Juden zu dem gemeinsamen vaterländischen Werke zu unternehmen. Er berief die Vertreter der bekanntesten hiesigen jüdischen Organisationen zu sich, um mit ihnen zu beraten und ihnen eine geeignete Propaganda anzuempfehlen. Bei dieser Gelegenheit ist nun ein Gedanke aufgetreten, der geeigneter erscheint als die bisher üblichen Verfahren, die Realisierung dieser patriotischen Wünsche der Juden zu erreichen, nämlich der, einen gesonderten jüdischen Zweig des allgemeinen türkischen Flottenvereines zu gründen. Das Projekt, das der Initiative des Präsidenten des „Makkabi", Abramowitz, entsprang, fand Beifall und man beschloß, es auszuführen, sobald die Flottenkommission ihre Einwilligung dazu erteilt hätte. Es wurde nun von dem Großrabbinate und den Organisationen, an deren Spitze der „Makkabi", die Loge „Bne Berith" und die „Amicale" stehen, eine Delegation, bestehend aus den Herren Abramowitz, Barzilai und Roth, alle drei Mitglieder des „Makkabi", zum Gouverneur von Pera, Muhieddin Bey, einem der Führer des Flottenkomitees, entsendet, um ihm den Beschluß zu übermitteln. Der Gouverneur drückte seine große Genugtuung über die Initiative der Juden aus und versprach, in der nächsten Sitzung des Flottenkomitees den Antrag vorzulegen, der zweifellos mit großem Danke angenommen w e rd e n wü rd e. Es wird nun in den nächsten Tagen die offizielle Genehmigung des Flottenkomitees erwartet, wonach unverzüglich an die Gründung der Organisation geschritten werden wird, an der unsere Gesinnungsgenossen sicherlich energischen Anteil nehmen werden. Drei Niederlagen der antisemitischen Presse in der Türkei Mit tiefer Trauer hatten wir bemerken müssen, daß das Gift des Antisemitismus nach und nach immer mehr in die Presse der Türkei, selbst in die muselmanische, Eingang gefunden hatte. Und nur mit großer Besorgnis konnte man an die Zukunft denken, wenn man die stetig steigende Dreistigkeit dieser Blätter beobachtete und die Resultate ihrer Verhetzung bei den durch keine Zivilisation gezähmten niederen Volksschichten berechnete. Für den Moment scheint aber dieser Art der öffentlichen Meinung doch noch kein Weizen zu blühen. Der in Damaskus erscheinende „Muktebis", der, wie erinnerlich, einen in Konstantinopel stattgehabten Vorfall dazu benutzt hatte, um eine Judenverfolgung anzuzetteln, und beinahe Erfolg mit seinem Treiben gehabt hätte, ist von seinen eigenen Lesern, seinen arabischen Landsleuten, aufs Schärfste desavouiert worden. Die Notabein, Ulemas (Geistlichen) und Scheichs des syrischen Wilajets haben sich nämlich mit einem Memorandum an das Großwesirat gewendet, in dem gegen die Haltung des Skandalblattes Verwahrung eingelegt und seinen Publikationen der Wert eines Ausdrucks der öffentlichen Meinung des Landes abgesprochen wird. Das zweite Malheur betrifft das armenische Blatt „Zaghik", dessen Herausgeber gezwungen ist, in den gelesensten Zeitungen der Hauptstadt anzuzeigen, daß sein Organ suspendiert und er selbst zu empfindlicher Geldstrafe verurteilt sei wegen unpassender Angriffe „auf die jüdische Nation und die hebräische Religion". Der Redakteur des türkischen Blattes „Hikmet" endlich, das in einem offenen Brief an den Sultan die Juden schwer beleidigt hatte, ist wegen aufhetzender Publikationen aus dem Gebiete von Konstantinopel verbannt worden. No. 44 g Entführungen und Uebertritte jüdischer^ Mädchen Die Entführungen und Zwangstaufen mehren sich in der Türkei in unheimlicher Weise. In Smyrna sind sechs jüdische Mädchen auf diese Weise verschwunden und dem Judentum verloren gegangen. Die moslemischen Behörden scheinen diese Vorgänge nur allzugern zu tolerieren, wenn nicht zu unterstützen. Gewöhnlich gelangt nach einiger Zeit Nachricht über die Verschwundenen an ihre Familien in der Weise, daß dem Rabbinate der Stadt davon Mitteilung gemacht wird, dieses oder jenes jüdische Mädchen habe die Absicht, sich zum Islam zu bekehren. Dem Rabbiner wird sodann dem Gesetze gemäß bewilligt, noch einmal persönlich das Mädchen um ihren Willen zu befragen. In welcher Weise diese Formalität behandelt wird, geht aus einem Falle hervor, der sich in Adrianopel abgespielt hat. Dort hat man nämlich am Tage des Uebertrittes den Rabbiner zwar zugelassen, aber die Unterredung durch die Anwesenheit von vier bewaffneten Polizisten paralysiert. Als endlich aut die entschiedenen Proteste des Rabbiners hin diese das Zimmer verließen, geschah es nur für einige Augenblicke, um sodann das Mädchen, das ganz außer Fassung schien, sofort herauszuführen. Der „Hakim" fragte hernach den Rabbiner, ob er dem Mädchen seine Ratschläge erteilt habe; aber trotz der ausdrücklichen Erklärung des Rabbiners, daß das unmöglich gemacht worden sei, wurde die Bekehrung sofort danach vollzogen. Die energischen Vorstellungen des Großrabbiners Bidgerano bei den zuständigen Behörden hatten nun zwar den Erfolg, daß die beteiligten Polizisten aus dem Stadtbezirke, in dem der Vorfall sich zugetragen hatte, in einen andern versetzt wurden. Das Mädchen aber ist und bleibt dem Judentum verloren. Das Kulturwerk der „Makkabisten" Es ist kein Zweifel, daß die Sünden mangelhafter Erziehung, insbesondere auch die sündhaft unjüdische Erziehung durch die Schulen der Alliance Israelite, die Untreue soviel junger Mädchen gegen ihren Glauben und die leichtsinnige Hinneigung zu dem ungekannten Fremden befördert haben und befördern. Diesem seelischen Manko gegenüber ist der moralische judaisierende Einfluß der makkabistischen Jugendorganisationen von geradezu unschätzbarem Werte. Er gibt Hunderten, ja bald Tausenden jugendlicher Seelen ein Ideal jüdischen Gepräges, das sie an die Gemeinschaft ihrer Väter unlösbar wieder fesselt, das ihnen das Gefühl der Anteilnahme an einer großen, schönen und kraftvollen Sache und muntere Betätigung ihrer Kräfte in fröhlicher brüderlicher Gemeinschaft liefert. So ist es denn ein wahres Glück, daß da, wo den mohamedanischen Entführungspraktiken und den Fangnetzen der Missionsinstitute keine ausreichenden jüdischen Bildungsanstalten gegenüberstehen, gerade in dieser schwierigen Uebergangszeit des orientalischen Judentums aus dem Ghetto des alten Regimes in die Emanzipation des Neuen, die Organisationen des „Makkabi" bestehen und trotz aller Schwierigkeiten, Anfeindungen und Schicksalsschläge wachsen und sich herrlich entwickeln. Es ist als ein reines Wunder zu betrachten, daß weder der Brand von Balat, noch die Choleraepidemie in Hasköj, noch der Ausbruch des Krieges, der Entfaltung der Sektionen des „Makkabi", selbst der beiden schwerstgeprüften Vororte, einen dauernden Schaden zu tun vermochten. Die Abteilungen arbeiten, festigen sich, vergrößern sich mehr und mehr. Es ist das einzige, was in den schweren Zeiten von allem, was die jüdische Jugend hier zu schaffen versuchte, Stand gehalten hat. So ist dieser Tage erst noch der farblos jüdische „Club de la Jeunesse", ehedem Zentrum der Gegnerschaft gegen den Makkabi in Balat, ganz still in die Turnersektion übergegangen, ihr u. a. seine Bibliothek als Erbschaft überlassend. Und nun ist gar die „Amicale", die mit Recht oder Unrecht als Erbfeindin betrachtete, an den „Makkabi" herangetreten, damit dieser durch die Hergabe eines Turnlehrers ihr dazu verhelfe, ihrem stagnierenden Dasein etwas Leben einzuhauchen. Erstaunlich ist es, die turnerischen und moralischen Fortschritte im Schöße aller Sektionen zu betrachten. Ueberall wachsen glänzende Turner, Organisatoren, Redner, Hebraisten aus dem Boden, die eine schöne leichtere Zukunft für das Ganze versprechen. Dieses nationale Kulturwerk ersten Ranges ist noch lange nicht genug gewürdigt worden und verdient tatkräftigste Unterstützung von außen. DlE^ELT