Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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gedrängt habe. Aber weil in dieser Affäre eine Anzahl von Juden, getaufte und ungetaufte, beteiligt waren, sei es Pflicht der deutschen Juden, ungeachtet der üblen Gerüche, die dieser „Pandorabüchse" entströmen, den Dingen ins Auge zu sehen. Es sei selbstverständlich nicht wahr, daß derartige Dinge, wie das Milieu des Hauses Wertheim, irgendwie typisch für die Juden wären. Diese antisemitische Erfindung müsse zurückgewiesen werden. Es bestände aber in gewissen Kreisen des Großstadtjudentums die Gefahr, daß solche Dinge typisch werden könnten. Es sei dies der Fall in jenen Schichten, für die das wirtschaftliche Ringen aufgehört habe, irgendeine Rolle zu spielen, und denen infolge des Fehlens jedes Zusammenhanges mit der Vergangenheit jene innere Wurzellosigkeit anhafte, die allein den Nährboden für derartige Würdelosigkeiten, wie sie der Prozeß aufgedeckt habe, bilde; die jeden Respekt und jedes Gefühl für Distanz verloren hätten. Es sei nur eine lächerliche, aber so ungemein bezeichnende und beschämende Lappalie — jener Berliner Journalist, der 'eben seine Aussage beschworen hatte „bei Gott dem Allmächtigen4' und drei Sätze später unter diesem Eide erklärte: „Aber das Essen war schlecht/4 Noch seien solche Vorkommnisse Ausnahmen, aber sie predigen ernste Einkehr. Einkehr vor allem bei den jüdischen Eltern, der heranwachsenden Generation den Respekt vor der Tradition mit auf den Lebensweg zu geben und ihnen wieder Ideale, jüdische Ideale, ins Herz zu' pflanzen. Scharf abzulehnen sei die Erziehungsmethode jüdischer Eltern, die darauf hinauslaufe, jede Betonung der Religions- und Stammesgemeinschaft im Empfindungsleben der Kinder zu unterlassen, ja sogar sie vielfach zur Gleichgültigkeit diesen Dingen gegenüber systematisch zu erziehen. Dies mache die Jugend dann zum Spielball wechselnder Einflüsse und öffne jedem Zufall den Weg zum Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung. Hiergegen gebe es nur ein Schutzmittel, — den Zionismus. Gerade darum aber sei der Zionismus nicht nur die für die östliche Judenheit in Betracht kommende Kolonisationsbewegung, sondern als jüdische Renaissancebewegung sei er gerade für die Juden der westlichen Länder einfach unentbehrlich für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Die Idee Achad Haams, ein jüdisches geistiges Zentrum in Palästina zu schaffen, könne — so sympathisch sie auch sei wegen ihrer Einseitigkeit das Problem nicht lösen. Dies könne nur durch die Synthese der Theorie Achad Haams mit dem politischen Zionismus geschehen und im Herzischen Zionismus liege eo ipso auch die Verwirklichung dessen, was Achad Haam wolle. Der Zionismus wolle wieder positive jüdische Werte schaffen; er könne, da das religiöse Band heut nicht mehr für alle ausreiche, allein alle Juden wieder mit der Vergangenheit und mit den großen Kulturwerten, die das jüdische Volk der Menschheit geschenkt habe, verbinden und ein Geschlecht schaffen, das, fest im Eigenen wurzelnd, nicht angekränkelt sei von jener Wurzellosigkeit, die in das Milieu des Hauses Wertheim führe und" zum Ausbeutungsobjekt von Schmarotzern mache, die in ihrem eigenen Kreise deklassiert seien. Das Judentum stehe vor einer ernsten Entscheidung; es kann nur den Weg gehen, den der Zionismus empfiehlt, oder den Weg, den Frau Wertheim gegangen ist. Die Versammlung stand sichtlich unter dem Eindruck der meisterhaft vorgetragenen Darlegungen und dankte durch stürmischen Beifall. Eine Diskussion wurde nicht gewünscht. Die Wirkung des Vortrages war diesmal bei der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit eine außerordentliche und fand ihren Ausdruck in ausführlichen Berichten der Posener Presse. Berlin. Die Jüdisch -nation. F r a u e n v e r e i n i - g u n g hat ihre Wintertätigkeit mit einer Mittwoch, den IS. \\ M., stattgefundenen Mitgliederversammlung begonnen, in welcher das Arbeitsprogramm für den Winter besprochen wurde. Die Leitung der verschiedenen Kommissionen haben folgende Damen übernommen: für Propaganda: Frl Mallv Rosenblüth, für Kunst, Literatur und Geselligkeit: Frau Erna* Fürst und Frau Becki Engel, für Jugenderziehung: Frl. Sara Kassriel. Zur Leitung der Krankenfürsorge hat sich Frau Rabbiner Dr Arthur Levy bereit erklärt. Die hebräischen Kurse finden auch in diesem Jahre unter Leitung der Organisation für hebräische Sprache und Kultur statt. Des ferneren beabsichtigt die Frauenvereinigung, einen Kursus für Geschichte des Zionismus und Palästinakunde zu gründen. Eine lebhafte Diskussion brachte neue Anregungen auf den verschiedensten Gebieten zionistischer Tätigkeit und mit Freude muß konstatiert werden, daß bei den Mitgliedern große Arbeitsfreudigkeit herrschte — die beste Gewähr für einen Erfolg. Breslau. Am 1. Oktober sprach in einer hiesigen Schekelzahlerversammlung Herr Dr. Mossinsohn aus Jaffa über „Jüdisches Leben in Palästina". Der Vortrag fand bei dem zahl reich erschienenen Publikum sehr lebhaften Beifall. Für da> hebräische Gymnasium in Jaffa wurden 2160 Mk. einmalig. Beiträge und 130 Mk. Jahresbeitrag gezeichnet. — Am 18. Okt fand die diesjährige Generalversammlung der Breslauer Zionisti sehen Vereinigung statt. Herr Zahnarzt Schachtel, der dk Vereinigung fast seit ihrer Begründung 12 Jahre lang ah Vorsitzender geleitet hatte und eine Wiederwahl ablehnte, wurdi in Anerkennung seiner Tätigkeit zum Ehrenmitglied ernannt; e wurde auch beschlossen, ihn ins Goldene Buch einzutragen. Di; Vorstandswahlen hatten folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzende Herr Dr. A. Sandler, 2. Vorsitzender und 1. Schriftführe Herr Rechtsanwalt Dr. Weiß, 2. Schriftführer Herr Dr. Badt Kassierer Herr Max Kober, Beisitzer Herr Dr. W. Steinitz um Fritz Glaser, Nationalfondskommissarin Frl. Lotte Kober. Fü den Winter ist eine rege Tätigkeit geplant. Halberstadt. Der Bericht über die Tätigkeit der Zionisti sehen Vereinigung Tikwath Zion in Halberstadt, der in de Generalversammlung des Vereins am 23. Oktober erstatte wurde, gibt ein anschauliches Bild von den Erfolgen, die dk Halberstädter Ortsgruppe im letzten Jahre erzielen konnte Die Zahl der Schekelzahler stieg auf 83, die der Ortsgruppen Mitglieder auf 45 — bei einer jüdischen Bevölkerung vor ca. 750 Seelen. Für den Nationalfonds wurden 708 Mk., füi die Oelbaumspende 510 Mk. aufgebracht. Der Zionistischer Vereinigung für Deutschland wurden an Landes- und Organi sations-Beiträgen 193 Mk. überwiesen, 5 Anteile der P. L. D. C konnten abgesetzt und insgesamt 2259,77 Mk. für zionistische Zwecke eingenommen werden. Im Laufe des Jahres trat dei Verein mit einem Vortrage des Herrn Kurt Blumenfeld übei ,,Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert" in die größere Oeffentlichkeit. Die Versammlung wrar glänzend besucht und brachte uns eine Reihe neuer Mitglieder. Außerdem veranstaltete unsere Ortsgruppe eine Anzahl interner Versammlungen, in denen die Herren Kurt Blumenfeld über „Das jüdische Wirtschaftsproblem", „Das nationale Problem" und die ,,Lage de< Zionismus", und Richard Lichtheim über „Das System der zionistischen Arbeit in Palästina" sprachen. ,,Die Aufgaben des Kongresses" behandelte ein Referat des Herrn Georg Freund, während Herr Isaak Feuerring den Bericht über den „Gruppenverbandstag" in Leipzig und gemeinsam mit Herrn Fritz Baer den Bericht über „Den X. Kongreß" erstattete. In drei besonderen Versammlungen beschäftigten sich die Misrachisten mit der durch die Annahme der Kultur-Resolution geschaffenen Lage. Die Misrachisten verblieben — bis auf eine einzige Ausnahme — in der Organisation. — Für den Jüdischen Verlag, den Bezalel und den Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina waren spezielle Vertreter tätig. — Die Versammlung wählte Herrn David Freund zum Vorsitzenden und ferner die Herren Feuerring, Heidemann, Rosenthal und Warburg in den Vorstand. Heidelberg. Dienstag den 17. Oktober hielt hier Dr. Th. Epstein-Moskau in der Kolonie der russischen Studenten einen Vortrag über den X. Zionistenkongreß. Nach dem Vortrag fand eine Besprechung des Russisch. Zion. Studenten- Vereines statt. Österreich Mitteilung des westösterr. Zentralkomitees III. Westösterreichischer Zionistentag Auf Grund des Beschlusses der am 22. d. M. in Wien stattgefundenen Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees, für Westösterreich berufen wir hiermit im Sinne des § 10 des Organisationsstatuts einen ordentlichen Zionistentag des Distriktsverbandes „Westösterreich" für Sonntag, den 24. und Montag, den 25. Dezember d. J., nach Brünn ein. Näheres über Ort und Zeit sowie die Tagesordnung werden rechtzeitig bekanntgegeben. Für die vorzunehmenden Delegiertenwahlen bringen wir den Organisationen den § 9 unseres Organisationsstatuts in Erinnerung. Er lautet: § 9. Am Zionistentag nehmen teil mit Sitz und Stimme: a) die Delegierten der in den Verbandsdistrikten bestehenden zion. Vereine. Das aktive und passive Wahlrecht für die Wahlen der Delegierten zum Zionistentag ist bedingt durch den Besitz dieses Wahlrechtes zum Distriktstag des betreffenden Verbandsdistriktes und zwar wählen 15—20 Wahlberechtigte