Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 44 DIEE^ELT 1165 alle Heiligtümer der Nation Sturm laufen, sich als die Verteidiger der Demokratie gerieren, solange müsse er — Arthur Meyer — Antisemit sein. Die Juden mögen rewarnt sein. Er ist allerdings nicht für die radikalen Methoden Drumonts, der die Juden an den Galgen bringen möchte — die gute Seele! Er ist für einen anderen, gemütlicheren Antisemitismus, ich wäre fast versucht, das altjüdische, gemütliche Wort „den baalbatischen" zu gebrauchen. Nur schön ruhig sein und gute Börsengeschäfte machen, das ist die letzte Moral des Herrn Meyer! Es gibt eine nette jüdische Anekdote, die die Meyers am besten charakterisiert. Ein Jude fragt den andern, was eigentlich dessen Sohn in London mache. ,,Weiß idi," lautete die Antwort, „er handelt da mit den Juden im East-End, erzählt ihnen, daß Gott einen Sohn hatte und dergleichen. Weiß ich — er verdient Geld!". . . Arthur Meyer hat auch „Geld verdient". Nur möchte er jetzt die jüdische Konkurrenz fernhalten. Der alte Schäker! Und der gute naive Akademiker Emile F a g u e t, der zu den Memoiren Arthur Meyers eine sehr hübsche Einleitung geschrieben hat, erachtet es für notwendig, sicli mit dem alten Börseaner über die Prinzipien der Demokratie auseinanderzusetzen. Faguet ist nämlich ein Zweifler. Er ringt mit dem Problem der Demokratie, er sucht eine Synthese zwischen der Idee der „Autorität" und der schrankenlosen Freiheit. Aber in seinem Herzen ist er ein glühender Verehrer der großen Idee der französischen Revolution. Nun meint er die Kulturerrungenschaften Frankreichs gegenüber Arthur Meyer verteidigen zu müssen. Er hält ihn nämlich für einen Wahrheits- und Erkenntniskämpfer, für einen Suchenden, kurz für einen Kongenialen. Die Wege eines jüdischen Renegaten sind ihm ganz unbekannt. Das ist es eben, die jüdische Seele ist zu kompliziert. Auch der schärfste Kritiker und Psychologe — und das ist Faguet— kann sie nicht ergründen. Außer, wenn er selbst ein Jude ist. Aber Arthur Meyer wußte es, daß die jüdischen Kritiker in Frankreich sich mit ihm in keine Diskussionen einlassen werden. Aus Verachtung oder aus — Augurensolidarität. Er ist doch eine zu köstliche Figur, zu „epatant", dieser jüdische „Camelot du Roi". Er verdient seinen Platz in der Galerie der jüdischen Kuriositäten . . . o o o o o o o c o o o o o o AUS DER BEWEGUNG S\ [ooooooo I TS o o o o o Deutschland Hamburg-Altona. Die Zionistische Ortsgruppe hielt am 19. d. M. im Logenheim ihre diesjährige Generalversammlung ab. Herr R. A. Bernhard David als Vorsitzender und Herr Leopold Landau als Kassenwart erstatteten den Jahres¬ und Kassenbericht, den wir (s. unten) im Auszug wiedergeben. Der Vorsitzende sowie Frau Huldschiner, Dr. Halpern und Dr. Huldschiner erklärten eine eventuelle Neuwahl nicht annehmen zu können. Die Vorstandswahl ergab folgendes Resultat: Dr. C. Blöde, Dr. Chwoiles, Frau Dr. Fink, Dr. Kalmus, L. Landau, Dr. Viktor, O. Waschitz, Dr. S. Weiß und B. Weißberg. Da Dr. Blöde den Vorsitz aus beruflichen Gründen vorläufig abgelehnt hat, wurde in der Vorstandssitzung Herr Dr. Ernst Kalmus (Esplanade 46) bis zur demnächst stattfindenden Generalversammlung mit dem Vorsitz betraut. Aus dem Jahresbericht heben wir hervor: Die Zahl der Schekelzahler beträgt am Schluß des Berichtsjahres 580, die der Mitglieder der Ortsgruppe 353. Es fand eine große Zahl Von Versammlungen statt. Am 7. Januar 1911 veranstaltete die Ortsgruppe in sämtlichen Räumen des Logenheims ein Kostümfest „Alt-Neuland". Am 20. November 1910 sprach Herr Dr. Franz Oppenheimer vor einem geladenen Kreise über die Siedlungsgenossenschaft, für welche der Betrag von 8142 Mk. gezeichnet wurde. Die Misrachi-Gruppe, die ebenfalls zahlreiche Versammlungen abhielt, zählt 174 Misrachischekelzahler und % Mitglieder. Im Februar d. J. richtete die Misrachigruppe hebräische Sprachkurse ein, die von Gg. Fleischmann geleitet werden. Der Vorstand der Misrachigruppe besteht aus den Herren Julius Hollander, Vorsitzender, Ref. Mo eller, Schriftführer, Hugo Mainz, Weißberg und Nußbaum. Der Vorstand der Frauenvereinigung der Zionistischen Ortsgruppe besteht aus Frau Huldschiner (Vorsitzende), Frau Abraham, Frau Dr. Chwoiles, Frl. Ella Cohen, Frau Dr. Halpern, Frau Haskel, Frl. Lübke, Frau xMathiason und Frl. Wolff. Das P u r i m k i n d e r f e s t, das von etwa 500 Kindern besucht war, nahm einen erfreulichen Verlauf; der größte Teil des Ueberschusses von 600 Mk. wurde für die Tagesferienkolonien verwendet. Auf diese Weise wurde es möglich, ein Haus mit Garten in Niendorf zu mieten, wo 55 Kinder während der Ferien an 6 Tagen der Woche volle Verpflegung finden könnten. Für die Ferienkolonie sind zusammen 1900 Mk. eingeflossen. Wie in den früheren Jahren veranstaltete die Ortsgruppe in Gemeinschaft mit dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur, den beiden Logen, dem Verein ehemaliger Talmud- Tora-Schüler, dem jüdischen Jugendbund und dem israelitischhumanitären Frauenverein mehrere Vortragsabende. Die Satzungen der „Hamburger Kongreßspende", deren Kapital jetzt 5131,80 Mk. beträgt, sind vom Senat genehmigt worden, die Stiftung hat also nunmehr Rechtsfähigkeit. Der Vorstand besteht ajas den Herren David Wolff söhn, Prof. Dr. Warburg und Dr. med. E. Kalmus. Der Sitz der Verwaltung ist in Hamburg. Unsere Mitglieder nahmen auch an Anteil an den Arbeiten des Komitees zur Verbreitung der hebräischen Sprache in Hamiburg, sowie des jüdischen Turnvereins Bar- Kochba, der sich außerordentlich günstig entwickelt, und des Kunstgewerbevereins Bezalel in Hamburg, der gegenwärtig 174 Mitglieder zählt und in steter Entwicklung begriffen ist. Auch „d i e Gesellschaft zur Verbreitung der jüdischen Literaturwerke" hat befriedigende Resultate erzielt. Neu 'gegründet wurde die „P a 1 ä s t i n a - Reise gesellschaf t". Personalien. Die Ortsgruppe hat den Verlust einer eifrigen Mitarbeiterin zu beklagen: Am 18. November 1910 verstarb Frau Lea Hirsch, die seit Bestehen unserer Ortsgruppe sich für unsere Ziele mit nie erlahmendem Interesse eingesetzt hat. Bei der Trauerfeier am 19. November würdigte der Vorsitzende im Namen der Ortsgruppe die Verdienste der Verstorbenen. Zu Beginn des Sommers hat uns unser langjähriger Mitarbeiter Herr L. Estermann verlassen, um nach Berlin zu übersiedeln. Der Vorstand hat in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste beschlossen, einen Estermann- Garten zu pflanzen. Auf dem 10. Kongreß waren unsere Delegierten die Herren Dr. Halpern und Dr. Huldschiner. Herr Dr. Halpern wurde auch in das große A. C. gewählt. Posen. Am 16. Oktober er. srach hier Herr Rechtsanwalt Dr. Klee-Berlin über den „Fall Metternich und die deutschen Juden". Das aktuelle Thema und vor allem die altbewährte Anziehungskraft des Namens Klee trugen dazu bei, die Versammlung zu der imposantesten zu gestalten, die Posen seit Jahren zu verzeichnen hatte. Mehr als 600 Personen füllten den Saal und die Nebenräume und mehrere hundert Besucher fanden keinen Einlaß, da die Polizei schon vor Beginn der Versammlung wegen Ueberfüllung das Lokal sperrte. Es sei — so führte Redner aus —■ keine angenehme Aufgabe, sich mit diesem Prozeß zu beschäftigen, der eine volle Woche lang das Interesse an den großen politischen Ereignissen der Gegenwart (Marokko, Tripolis, China) völlig in den Hintergrund