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Die Welt · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1164 DIE3§£ELT No. 44 „Youpin" es überhaupt wagte, soviel von sich reden zu machen, den Ausgangspunkt und das Objekt einer Entrüstungskampagne zu werden — das konnte Meyer nicht begreifen und nicht verzeihen. Wäre Dreyfus zufällig kein Jude gewesen, so hätten sowohl Meyer als auch seine christkatholischen royalistischen Gönner es selbstverständlich gefunden, daß man um die Rehabilitation eines unschuldig Verurteilten sich bemühe. Aber ein „Youpin"? Wie darf ein Jude so arrogant sein, gegen das Urteil eines Militärgerichts zu protestieren, seine Unschuld zu beteuern, ja sogar zu beweisen? . . . Jedem von uns sind solche Judentypen bekannt, die immer und bei jeder Gelegenheit aus tiefster Brust und mit wehmutgetränkter Empörung und zur Schau getragener Beschämimg seufzen: Ach, diese Juden! Merken sie z. B., daß irgendein Passant auf der Straße ein allzu jüdisches Aussehen hat oder gar lebhaft gestikuliert — dann schaut sich unser verschämter Israelit nach allen Seiten verlegen um und murmelt, gleichsam den Himmel um Entschuldigung bittend: Diese Juden! Da ist z. B. so ein Wiener Literatchen, ein bissiger Wortverdreher und geistreich sein wollender Cafehausdenker. Stammt aus Budapest, echt jüdische Marke. Seine Eltern sind wahrscheinlich aus Miskolcz oder gar aus Galizien eingewandert. Er aber ist ein — deutscher Schriftsteller. Und leidet entsetzlich beim Gedanken, daß die Juden die deutsche, die „echte" Literatur verderben. Der „alttestamentarische" Stil ist ihm der Gottseibeiuns. Sogar den armen Heine läßt er nicht im Grabe ruhen. Er zupft ihn und zwickt ihn, wie wenn er Adolf Bartels hieße. „Ach diese Juden!" Es ist ja die bekannte Methode, um sich zu verstecken. Man schimpft auf die eigenen Brüder, um nicht zu ihnen gerechnet zu werden. Schade nur, daß das Jüdeln und die Nase diesen Verschämten einen Strich durch die Rechnung machen. Vielleicht stammt eben daher ihre Wut . . . Nun, Arthur Meyer konnte sich wohl mit allen Salben schmieren, sich drehen und wenden, wie er wollte, sein Judentypus blieb ihm doch unversehrt. Das ist meistens der größte und grausamste Spaß. Die Natur reibt den Menschen die Wahrheiten unter die Nase, ob sie wollen oder nicht. Der Anthropologe Reibmayr hat einmal eine Hypothese aufgestellt, daß die Nationaljuden „Vollblutjuden" seien, im Gegensatz zu den Assimilationsjuden, die eine weniger reine Rasse haben. Wenn man .,Rassentheorie" sagt, so braucht man eigentlich keine weitere Widerlegung. Jede Rassentheorie ist entweder absurd oder so geistreich, daß sie vor lauter Purzelbäumen gar nicht aufrecht stehen kann. Aber wenn man die Reibmayrsche Theorie erst zu widerlegen brauchte, so müßte man bloß die Erscheinung des Galliers Arthur Meyer vorzeigen. Wenn das kein Vollblutjude ist, so hat es überhaupt nie welche gegeben. Salomo in seiner Pracht hat nie solche Judentypen gesehen. Aber Arthur Meyer, der nasowie kraniologisch semitischste aller Juden, ist ein — Antisemit. Und zwar ein kombattanter, ein angreifender. Er begnügt sich nicht damit, Juden und Judentum als lästige, persönlich tangierende Fragen einfach von sich abzuschütteln, wie es so viele andere tun. Kümmert sich z. B. M. Jules Claretie, der Direktor der Comedie Francaise, viel um das von ihm verleugnete Judentum? Und das tun ja die meisten französischen Juden. Allerdings verstehen die besseren, tieferblickenden unter ihnen die Tragweite des jüdischen Problems. Es scheint, daß die Arthur Meyers in Frankreich eine sehr r.^; ■■■^.r-^hxst^i.n^..h*Xd&&^In Frankreich wie auch anderswo. Meyer ist eine Welterscheinung, er ist der typische Renegat, mehr als das, es ist der „Intrus", dessen moralische Minderwertigkeit dann dem gesamten Judentum zur Last gelegt wird. In der Antike hieß er Jason, der den Makel des „Judaeus Apella" auf künstliche Weise beseitigen wollte, um auch körperlich dem hellenischen Vorbild ähnlich zu sein. Es scheint eine gar schmerzliche Operation gewesen zu sein. Und der Trick gelang trotzdem nicht. Meyer hat es natürlich leichter. In seinen Salons brauchte man nicht griechische Nacktkämpfe aufzuführen Es genügte bloß ein bißchen „Esprit" und Weihrauchduft Und das sollte der Enkel des Elsässer Rabbiners nicht zu Standebringen? Was kümmerte es übrigens den guten Mann, daß man hinter seinem Rücken kicherte, daß die hochgeborenen, streng royalistischen, päpstlichen Gräfinnen ihn mit ihrem kalten, verachtungsvollen Blick maßen? Er wußte sehr wohl, daß man audh in diesen Kreisen des Hausjuden bedürfe. Und es war sein Stolz diese Rolle zu spielen. „Wenn Juden den Antisemitismus in die Hände nehmen wollten," sagte mir einmal ein Träumer! Die Idee ist gar nicht so schlecht. Wenigstens wäre dam der Antisemitismus gehörig betrieben. Arthur Meyer ha den französischen Antisemitismus in Vertrieb gepachte (in Deutschland besorgen dieses Geschäft Herr Härder und sein „gelehrter Jude" Herr Jacob Fromer) unc macht kein schlechtes Geschäft dabei. Die besten Ab nehmer der antisemitischen Presse sind schließlich doch di< Juden. Erstens, weil sie so gerne wissen wollen, was mai: über sie sagt, und dann — weil es zum „guten Ton' gehört. Besonders, wenn man diesen Antisemitismus im plaudernden Boulevardstil vorträgt, in versüßten Pillen bietet, dann finden ihn die noblen jüdischen Damei und Herren gar zu „entzückend". Maximilian Hardei in Berlin und der kleine Karl Kraus in Wien verdankei die Hälfte ihres Erfolges dem Umstände, daß sie scgerne auf die Juden schimpfen. Da klatschen ihnen di Juden Beifall. Aus Perversität? Aus innerer Haltlosigkeit? Aus Liebe zur Selbstironie? Aus einer Art Selbst erkenntnis, die dem Juden seit jeher eigen war, die sein größte moralische Kraft ausmachte? Vielleicht aus a i diesen Motiven zusammen . . . Jedenfalls hat sich Meyer mit seinem Katholizismus Royalismus, Antisemitismus und seiner Börsenspekulation ein ganz hübsches Vermögen und sogar einen Namen ge ein ganz hübsches Vermögen und sogar einen Namen ei worben. Jetzt genießt er die Früchte seiner „Tätigkeit", die Bilanz. Selbstverständlich verdammt er die Demo kratie, die Republik, die „Irreligiosität" (d. h. die de anderen) in Grund und Boden, weiß so einschmeicheln 1 und sogar pathetisch von der „Tradition", von der Kontinuität des Glaubens, von der Anhänglichkeit an di1 Nation zu plaudern. Der Zwischenhändler und Agent kann sich nicht verleugnen. Er macht Geschäfte bis zuni letzten Atemzuge. Die national-reaktionären Kurse stehen auf der Pariser Börse gar nicht so niedrig. Wenigsten^ kann man sie von Zeit zu Zeit künstlich in die Höhe treiben. Und der Börsenjobber Arthur Meyer kennt dk Geheimnisse der Kulisse, weiß, wie man Hausse und Baisse arrangiert. Er hält schließlich, seinen lieben Juden, mit denen sich so gute Geschäfte machen lassen, eine sehr gestreng Predigt. Solange die Juden sich gar so sehr vordrängen, meint er. solange sie s-egen KircWe und Tradition cremen

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