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Die Welt · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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So. 44 - t>IE2 if die Hinausdrängungder nichtfranzösischen Elemente ab- ■ ...-sehen zu haben, wurde seitens der Pariser Herren nicht idersprochen. In der Debatte des Berliner Lokalkomitees, an der sich u. a. ie Herren Brünn, G i m k i e w i c z , Dr. F r i e d e m a n n, \ d I e r und Landau beteiligten, zeigte sich die tiefste Entästung über das Verhalten der Pariser Leitung und von allen weiten wurde energische Vorbereitung der Deutschen Konferenz- K.BL1 — —= 1163 gemeinschaft für den bevorstehenden Alliancetag verlangt. Eine von Prof. B a g i n s k y vorgeschlagene Resolution, in der die Meinung ausgesprochen wird, daß die Haltung der Pariser Leitung zur Sprengung der Alliance führen müsse, wurde einer vorbereitenden Kommission übergeben. — Angesichts der ernsten Situation wird es dringend erforderlich sein, daß der Alliancetag aus ganz Deutschland stark beschickt wird. °of- Q o O FEUILLETON ojj o Kuriose Judentypen Von Dr. A. Coralnik. Arthur Meyer Man kennt diesen Namen so ziemlich überall, wo an sich' für Frankreichs Gegenwart interessiert. Denn Monsieur M e y e r ist der Herausgeber des klerikal-reaktioar-royalistischen Boudoir- und Klatschbasenblatts ,,Le aulois". Die aufgezählten Attribute sind nicht zufällig ld willkürlich' gewählt. Arthur Meyer hat es nämlich erstanden, alle diese Eigenschaften zu vereinigen, ein •!att zu schaffen, an dem sowohl die Kokotte als der erzog von Chartres, die frommen Stiftsdamen wie die ondänen Aristokratinnen von St. Oermain Gefallen iden. Ja, Arthur Meyer hat noch mehr zuwege geacht. Er ist der Gastgeber, wenn auch nicht der Wortiirer der Antisemiten und Antidreyfusards geworden, n würdiger, wenn auch nicht immer gewürdigter Nebenihler des berüchtigten Drumont auf dem edlen Gebiete r Judenhetze . . . Arthur Meyer hat dies alles zustande gebracht — eil, ja weil sein Vater Abraham Meyer hieß und sein roßvater Rabbiner in Straßburg war. Dieses „weil" lingt befremdend und paradox. Aber die Paradoxie ist in einmal eines der integrierenden Elemente des jüdi- :hen Lebens. . . Wer vierzig Jahre lang in den Pariser Straßen geummelt hat, die Salons von außen und von innen kennt, iif der Börse wie in den Couloirs des Palais Bourbon eimisch war, der hat am Schluß dieser glorreichen Laufahn schon das Recht erlangt, seine Zeitgenossen auch lit dem lieben Ich zu belästigen. Arthur Meyer hält ich' nämlich gar nicht für einen gewöhnlichen Menschen ind Zeitungsherausgeber, für einen simplen Tratschliefeanten von Paris. Er erhebt Anspruch, als wichtig zu ichmende Person zu gelten. Und verfaßte demgemäß in Memoiren-Buch, das den Namen trägt: „C e que ai es yeux ont v u". Alles, was die scharfen Luchsaugen les Elsässer Rabbinerenkels gesehen, die wichtigsten Ereignisse der letzten vierzig Jahre in Frankreich, wollte der alte Knabe wiederholen, in Erinnerung bringen. Aber es ist merkwürdig, wie wenig die Menschen sehen, auch wenn es ihr Beruf ist, wie wenig sie aufzumerken und zu fassen vermögen, auch wenn sie sich darauf verlegen, auch wenn sie tagaus tagein im Glashäuschen der Oeffentlichkeit sitzen. Arthur Meyer hat nämlich außer zwei Dingen nichts vom modernen Frankreich, von der neuen Welt überhaupt gesehen. Alles andere glitt an ihm vorüber — und nur zwei Erinnerungen blieben haften: die Episode mit dem General Boulanger und die Affäre Dreyfus. Zwei Ereignisse, die eigentlich Ringe einer Kette bilden, Folgen einer und derselben Ursache sind — des tiefen Hasses der reaktionären Autokraten und der Klerikalen gegen das republikanische Regime. Beidemal war die Republik an einen gefährlichen Wendepunkt gelangt. Und beidemal scheiterte der Anschlag. Der schöne General Boulanger, auf den, nach den Versicherungen der IWonarchisten, das Pferd wartete, das ihn zum Triumph führen sollte — das „Volk" war ohnedies bereit, meinten sie der nur eines Willensaktes bedurfte, um Cäsar Frankreichs, Erbe der Bourbons und Napoleons zu werden, hatte keinen Mut. Die Aktion blieb aus — und Boulanger erschoß sich in Brüssel auf dem Grabe seiner Geliebten. Der arme gute General wußte ja eigentlich nicht recht, was man von ihm wollte. Am wenigsten, was Herr Meyer, der Börsenjude, erhoffte. Arthur Meyer spielte eine Zeitlang Königsmaclier und Verschwörer. Er lief hin und her, war für die „gute Sache'* eifrig tätig, sammelte auch etwas Geld, indem er irgendeine alte bigotte Aristokratin beschwatzte. Aber allzu tief ließ er sich in die Verschwörung doch nicht ein. Politik trieb er nämlich nur nebenbei: Sein Hauptgeschäft blieb immer noch das Bummeln auf den Boulevards und — die Börse. Als die Boulanger-Episode zu Ende war, traf er in einem Salon den Minister des Innern, Constant. Sie redeten über Boulanger. Und da sagte der Minister: „Wissen Sie, ich war ganz ruhig. Als ich nämlich erfuhr, daß auch Sie dabei sind, da dachte ich n ir, daß die Sache doch nicht ernst sein kann." Arthur Meyer hat genug Naivität — oder Zynismus -- um die. e Anekdote mit schmunzelndem Behagen zu erzählen. „Seht Ihr, Leute, was für ein patenter Kerl und perfekter Pariser Geck ich bin. Man nimmt mich nicht einmal politisch ernst — und dabei bin ich doch der Enkel des Elsässer Rabbiners und Sohn des jüdischen Altkleiderhändlers Abraham Meyer". Diese Worte hört man aus jeder Zeile dieser eigenartigen „Bekenntnisse" heraus . . . Dann kam die zweite, ernstere, stürmischere Episode im Leben Frankreichs — die Affäre Dreyfus. Es war eben die Heerschau der dritten französischen Republik, der Versuch einer Konterrevolution, die Ralliierung aller streitbaren Kräfte der beiden Lager, der Fortschrittlichen und der Reaktionären. Es ist selbstverständlich, daß unser guter xMeyer sich auf die Seite derer „von Thron und Altar", der Antidreyfusards schlug, daß er der Blindwütigsten einer wurde. Sein Blatt wurde die Giftquelle der öffentlichen Meinung. Täglich ließ er Juden und „Freimaurer", d. h. alle fortschrittlichen, freiheitlichen Elemente Frankreichs mit Schmutz bewerfen, besudeln, schmähen. Er warf sich zum Vorkämpfer des Katholizismus, des „Roy", der Armee, der „Ehre" Frankreichs auf. Es war ihm gar nicht um Dreyfus zu tun. Ob schuldig oder unschuldig, was ging ihn der Kapitän auf der Teufelsinsel an? Aber daß ein Jude, ein

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