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Die Welt · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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M 1102 DJej^fcLT No. 44 fW als ihre Mitgift das Opfer ihrer Existenz bringen zu müssen. Jetzt wird über diesen „Sommernachtstraum" mit bitterein Hohn gespottet. Auf der letzten Versammlung der „Raskolniki44' hat der Vertreter einer der größten Sekten, ein Priester namens Pavlov, über die neuen Chikanen berichtet. Die Sekten laufen Gefahr, all ihrer Rechte wieder verlustig zu gehen und selbstverständlich zu allererst die „judaisierenden". Es war auch eine ganz eigentümliche Erscheinung, daß im Herzen Rußlands, an der Wolga, unter jenen großen, heilhaarigen, blauäugigen Nachkommen der Varjagen, die besondere Neigung entstanden ist, das Judentum zu bekennen. Chazaren-Ueberreste, Splitter des oppositionellen Alt-Orthodoxentums, — wie über den dürren Sand der Wolgaküste judaisierende Tendenzen seit jenem Sektenführer Zacharias geflogen sind, das ist eins der kuriosesten Rätsel der russischen Sektengeschichte. In Zarizyn und in Astrachan begegnete ich diesen Leuten, aber die Unterhaltung" mit ihnen gibt keinen Aufschluß. Ich hörte sie beten, diese echten Kinder russischer Rasse, so sehnsuchtsbang, mit so stillen und müden Dulderblicken, mit einem so scheuverhohlenen Beben und mit „jüdischen Seufzern44. Sie fühlten sich wie die richtigen Christen, wie die ersten Christen, verfolgt und glaubensstark — und dabei Juden, so fromm, so gesetzestreu, daß sie unser einen erstaunt anglotzten, wenn er etwas nicht so strikt beobachtet. So vieles ließe sich über sie erzählen, und doch sind sie im - - v %v ganzen ein Rätsel. .\v> Die armen Märtyrer! Schon :tten gesprungen, und sie reckten die Glieder, dan cjdesto tiefer den Druck empfinden sollen. K.r J N. S. Zu den Vorgängen in der Alliance Die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle übersendet uns" den nachstehenden Aufruf, den sie an ihre Mitglieder gerichtet hat: „Am 18. Oktober 1911 hat in Paris eine überaus wichtige Sitzung des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle stattgefunden. Auf der Tagesordnung stand, wie Ihnen bekannt sein wird, die Frage, ob der bisherige Wahlmodus, nach welchem die Mitglieder des Zentralkomitees durch das allgemeine Wahlrecht bestimmt wurden, beseitigt und durch Kooptation ersetzt werden sollte. Zur Beratung über diese wichtige Angelegenheit hatten sich fünf Mitglieder der Deutschen Konterenzgemeinschaft, nämlich von Berlin die Herren Justizrat Alax Fuchs und Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Landau, von Leipzig Herr Hermann Wittner, von Hamburg Herr Hermann Gumpertz, von Breslau Herr Heinrich Oschinskv, in Paris eingefunden. Sie erfuhren dort zu ihrem Erstaunen, daß für die Einbringung des Antrages, nicht bloß das allgemeine, sondern das" Wahlrecht überhaupt abzuschaffen und die Kooptation einzuführen, nicht allein die 25 Pariser Zentralkomiteemitgiieder, sondern auch einige deutsche Mitglieder schriftlich votiert hatten, so daß in Gemäßheit des Art. 22 der Statuten der Vorschlag zur Diskussion gestellt werden konnte. Wie diese Voten zustande gekommen sind, davon werden Sie sich ohne weiteres eine Vorstellung machen, wenn Sie erfahren, daß Herr Bigart, der Generalsekretär der A. I. U., vorher bei den einzelnen Zentralkomiteemitgliedern herumgereist ist, um sie zur Abgabe ihrer Stimmen für den Pariser Vorschlag zu veranlassen. In der mehrstündigen Debatte über diesen Antrag haben die sämtlichen anwesenden deutschen Zentralkomiteemitglieder das Wort ergriffen. Sie haben ausgeführt, daß der Antrag einen Bruch mit der ganzen fünfzigjährigen Vergangenheit der Alliance Israelite Universelle darstelle, die auf dem Prinzip des allgemeinen Wahlrechts gegründet gewesen sei, daß die Einführung der Kooptation keine andere Wirkung haben könne, als die Alleinherrschaft einiger Pariser Herren zu stabilisieren und nichts anderes bezwecke, als die Mitarbeit der auswärtigen, und namentlich der deutschen Mitglieder, völlig auszuschalten, ein Bestreben, das schon seit vielen Jahren mit rücksichtsloser Energie von Paris aus verfolgt worden sei. Es würde damit für alle Zeit ein Verwaltungssystem festgelegt werden, das, wie die vielfach an uns gelangten Beschwerden beweisen, keineswegs das allgemeine Vertrauen genießt. vzm!mmtä*^^!** Auf keinen dieser Einwände ist die Majorität eingegangen. Sie hat sogar die dringende Bitte der deutschen Mitglieder, diese so wichtige Angelegenheit nicht zu überstürzen, sondern sie zunächst einer Kommission zur Prüfung zu überweisen, abgelehnt, und darauf den Antrag mit einer Majorität von 19 gegen 5 Stimmen der deutschen Zentralkomiteemitglieder zum Beschluß erhoben. In derselben Weise sind — immer mit einer Majorität von 19 gegen 5 — alle andern von uns gestellten Anträge abgelehnt worden. Der Beschluß vom 18. Oktober birgt eine außerordentliche Gefahr in sich. Nach der Auffassung der Majorität bedarf es nur noch einer Abstimmung, die bereits Mitte November stattfinden kann und ferner der Genehmigung einer demnächst nach Paris zu berufenden Generalversammlung, um den Anträgen der Majorität definitiv Kraft zu verleihen und die bisherige Grundlage der Alliance Israelite Universelle umzustürzen. Die Mitglieder der Alliance Israelite Universelle werden einen solchen Beschluß nicht ruhig hinnehmen können. Sie werden nicht dulden dürfen, daß man uns 13 000 deutschen Mitgliedern das einzige erhebliche Recht, das wir bisher gehabt haben, die leitenden Männer durch unsere Wahl mitzubestimmen, entzieht, und uns solche Männer als Vertreter der Alliance-Idee aufoktroiert, die lediglich der Pariser Majorität gefallen. Denn tatsächlich ist diese allein in der Lage, die Kooptation vorzunehmen, die nach den Beschlüssen vom 18. Oktober in Paris durch zwei Drittel der in der Sitzung anwesenden Mitglieder ausgeübt werden soll. Gegen diese unerhörte Vergewaltigung durch die Pariser Majorität gilt es, den schärfsten Protest zu erheben und noch einen Versuch zu machen, die Gefahr abzuwenden. Zu diesem Zweck berufen wir hierher, nach Berlin, eine Versammlung (Alliancetag) auf Montag, den 6. November, 12 Uhr mittags, im Saal der Gesellschaft der Freunde, Berlin W. 9, Potsdamerstr. 9, zu der jedes Mitglied der Alliance Zutritt und Stimme hat. Wir bitten Sie dringend, hier zu erscheinen und auch Ihre Stimme zu dem energischen Protest zu erheben gegen die drohende Vernichtung des universellen Gedankens in der Alliance, an dem wir seit Jahrzehnten mit glühender Liebe gehangen haben. Das Präsidium der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle. Max Fuchs I, Justizrat. Prof. Dr. Landau, Geh. Medizinalrat. Berlin. Berlin. Dr. Werner, Rabbiner, München. Tagesordnung: 1. Protest gegen die Beschlüsse der Pariser Sitzung vom 18. Oktober. 2. Antrag wegen Begründung eines deutschen Landeskomitees. 3. Verschiedenes." Salomon Reinach's Demission Unmittelbar vor der jüngsten Zentralkomiteesitzung der Alliance Israelite Universelle vom 18. Oktober d. J. hat Salomon R e i n a c h seine Stelle als Vizepräsident der Alliance niedergelegt. Dies war wohl ein taktischer Schachzug seitens der Pariser Herren, um durch ein scheinbares „Entgegenkommen" die nichtfranzösischen Mitglieder des Zentralkomitees für die Abschaffung der allgemeinen Wahlen und Einführung des Kooptationssystems gefügiger zu stimmen. Wie wenig sich die Pariser Machthaber in Wirklichkeit um die öffentliche jüdische Meinung, die einmütig den Rücktritt Reinachs forderte, kümmern, beweist die Tatsache, daß Reinach weiterhin Mitglied des Zentralkomitees der Alliance bleibt. Sitzung des Berliner Lokal-Komitees Am 29. Oktober fand in Berlin eine Sitzung des Berliner Lokalkomitees der Alliance statt, die sehr stark besucht war. Die Herren Justizrat Fuchs und Geheimrat Landau berichteten über den Verlauf der Sitzung des Zentralkomitees in Paris, die bekanntlich mit dem Beschluß auf Einführung des Kooptationssystems und Ablehnung aller seitens der Deutschen Konferenzgemeinschaft gestellten Anträge endigte. Es wurden dabei einige interessante, von Herrn R e i n a c h in der Pariser Sitzung getanene Aeußerungen bekannt, so z. B. der Satz: ,,Le suffrage universel n'etait qu'un jeu, finissons la comedie." (Die allgemeine Wahl war nur ein Spiel, machen wir der Komödie ein Ende.) Als Geheimrat Landau in der Pariser Sitzung äußerte, die Leitung der Alliance scheine es

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