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Die Welt · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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* No. 44 DIE3§£ELT Notizbuch 1161 Das Ende der Mauren. Als die Mauren aus dem letzten ihrer blühenden Reiche auf spanischem Boden, aus Granada, vertrieben wurden, als die Flüchtlinge die Schiffe bestiegen, um auf afrikanischem Boden eine neue Heimat zu suchen, da nahmen sie — wie erzählt wird — die Schlüssel ihrer Häuser mit sich, da sie noch von der Möglichkeit einer Rückkehr träumten. Es ist anders gekommen. Wohl verliehen sie in Marokko dem bereits bestehenden mohammedanischen Reiche eine Zeitlang neuen Glanz, aber losgelöst von den hochberühmten Bildungsstätten, die sie zusammen mit den Juden in Spanien geschaffen, versanken sie mehr und mehr in religiösen Fanatismus, die steten Kriege mit den christlichen Herrschern der Pyrenäenhalbinsel ließen ihnen keine Zeit, von neuem zu wissenschaftlicher Blüte zu gelangen, und sie stiegen herab von der erklommenen Höhe, sie wurden zu jenem Volke, das man heute als Marokkos Bewohner kennt. Ueber vier Jahrhunderte sind seit den Tagen verflossen, da der letzte der maurischen Könige, Abu-Abdallah-el-Zakhir, bekannt als König Boabdil, Ferdinand dem Katholischen die goldenen Schlüssel der Alhambra übergab, und abermals übergibt der Erbe der maurischen Herrscher den Herrschern des Abendlandes die Schlüssel seines marokkanischen Besitzes. Das Abkommen zwischen Frankreich und Deutschland besiegelt das Los der Mauren. Diese hatten schon lange vergessen, Granada zurückerobern zu wollen. Im Gegenteil. Granada schickte sich an, die jetzigen Wohnsitze der Mauren an sich zu reißen. Da kamen Mächtigere, stießen das marokkolüsterne Spanien zurück und griffen zu. Carpe diem. Es ist dies der letzte Aikt einer großen historischen Tragödie, an der auch wir unseren Teil hatten. Die Mauren und wir. Unter der Sonne Andalusiens hatten die Mauren die erstarrte Kruste des Islams gesprengt. Duftiges, blühendes, reges Leben, freies, helles Denken, die Genien und die Musen waren erwacht. Großartige Leistungen auf den Gebieten der Wissenschaft, der Philosophie und der Poesie hatten ihnen den Stempel der Unsterblichkeit auf die Stirn gedrückt. Da kam für die Mauren die Zeit des Niederganges. Düster schlich das Unglück an die im Wohlstand schwelgenden; sie wurden verweichlicht, verloren die Fühlung zwischen Peripherie und Zentrum, verfielen in eine verschwommene Stimmungsduselei, ergaben sich dem Kastengeist und einer parteibefangenen Engherzigkeit, huldigten einer zerfasernden, selbstquälerischen Kasuistik und konnten sich nicht halten. Ihre Instinkte waren stärker als ihre Gesichtspunkte, in ihren Gemütern wühlte das Epos der Wüste, aber sie hatten nicht mehr die Sehnsucht nach einem Ziel der Verheißungen und der Erfüllungen, sie hatten vielmehr das Bewußtsein des Vollbringens und des Einheimsens. Das war der Keirn ihres Unterganges. Was waren ihre Wanderungen im Vergleich mit den unserigen? Wir teilten das Los der Mauren in Spanien — und anderswo, in jener Epoche und zu allen Zeiten. Alle Stürme, alle Umwälzungen, die ganze Ebbe und Flut der Geschichte hatten uns getragen, umhergetrieben und geschleudert. Aber wir blieben ganz, und wir erneuern uns immer verjüngt aus jedem Erstarrungstode, weil wir nie Eroberer waren und auch nie zu einer Beute der Eroberer werden können. Vor Jahren spazierte ich in den Gärten der Alhambra. Es war gegen Abend. In violettem Duft verschwammen in der Ferne die sevillischen Berge. Purpurn erglühte der ganze westliche Himmel. Gespenstisch ragten über den halbverfallenen Mauern der alten Villen dunkle Zypressen empor. Betäubender Blumenrausch durchhauchte die Luft. Alles war still. Kein Vogelgezwitscher. Kein Lüftchen. Feierliche Abendstimmung des südlichen Andalusiens. Zu meiner Seite stand jener Halb-Narr, Halb-Bettler, der sich als letzter Sproß der maurischen Könige betrachtete, den jeder Tourist von früheren Jahren her kennt. Regungslos, dunkel, unermeßlich tief scheinend lag in seiner düstereu Ruhe jenes. „Rimon Sepharad", das unsere Dichter so süß besungen haben. Unbewußt flüsterte ich Verse von feierlicher Schönheit, die aus dem Gedächtnis nicht verwischt werden können. Ja, wir hatten hier ein schönes Kapitel unseres Erdendaseins, das Jahrhunderte dauerte. Aber es war nur eine Episode. Wir sind weiter gegangen, und wir leben und wir gehen einer Zukunft entgegen. Und dieser Bettler ... Ja, es w a r ein Märchen und es kommt nicht mehr wieder. Nun streicht ein weicher Hauch über die Bäume und macht sie leicht erzittern wie in Erwartung — die Nacht ist nicht mehr weit . . . Sie ist nun über die Nachkommen der Mauren eingebrochen. Wird ihnen noch einmal der Tag glühen? „R a s k o 1 n i k i." Es sind dies die Sekten, die Abtrünnigen, die sich, unbefriedigt durch die russische Staatskirche, in kleine Konventikel geflüchtet haben, um auf ihre Art Gott zu dienen. Solcher Sekten gibt es in Rußland eine ungeheure Zahl, mehr als in irgendeiner^. "vf '»nde, die teils nur in geringem 3*1 Aeußerlichkeiten c/j^ &f dem Protestantisn* in ihrer Absoncfcltv fährlichen religiösen" schwer, die Zahl dies: stimmen, denn viele verL,.ön _>xen Kirche abweichen, teils ilismus nahestehen, teils auch bedenklichen und nicht ungereien gekommen sind. Es ist .tenangehörigen genau zu ben natürlich der Obrigkeit gegenüber ihren abweichenden Glauben, doch wird man nicht zu hoch greifen, wenn man mindestens den siebenten Teil der Bewohner Rußlands, etwa 12 Millionen, als Angehörige der Sekten rechnet, eine Zahl, die um so erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, unter wie furchtbaren Leiden diese Raskolniken seit Jahrhunderten seufzen. Nicht allein, daß ihnen der Bau von Gotteshäusern und bis vor kurzem überhaupt die öffentliche Kundgebung ihres Glaubens verboten war, man entzog ihnen auch das Recht, ihr Vermögen zu verwalten, ihre Kinder zu erziehen, man beraubte sie der bürgerlichen Rechte und Tausende wurden jährlich nach Sibirien verschickt. Am strengsten verfuhr man mit den Subbotnikis, einer Sekte, die dem Judentum sehr nahe steht. Man entriß die Kinder der Subbotniki ihren Eltern und stellte sie unter die Vormundschaft griechisch-orthodoxer Priester, man verbot die Errichtung von Schulen in ihren Gemeinden, man schickte ihnen griechisch-orthodoxe Priester mit außerordentlichem Gehalt auf den Hals. Man hatte dennoch nichts ausgerichtet. Gerade in ihrem Kampfe gegen die Sekten zeigte sich die Hohlheit und Machtlosigkeit der scheinbar so unbeschränkt herrschenden Kirche. Nirgends ist die Kirche so von Sekten unterwühlt wie in Rußland. Mit Ausnahme der Subbotniki, die Halbjuden, und der Gerini, die ganze Juden sind, vertreten die Sekten keinen besonderen religiösen Gedanken. Vieles, was von ihren Lehren und ihrem Treiben an die Oeffentlichkeit kommt, erscheint kleinlich und unfruchtbar. A^lan muß eben bedenken, daß, wo das religiöse Bedürfnis gewaltsam gehemmt wird, es sich sonderbare Auswege schafft — und je mehr man sie unterdrückt, desto gefährlicher werden sie für den Bestand der Kirche. Aber die freiwilligen Konvertiten des Judentums bilden eine Ausnahme. Die „Judeistvujuschtschie" sind Juden geworden und haben das einzige Bestreben, als Juden leben zu dürfen. Auch sie hofften auf Recht und Freiheit. Sie glaubten in den Verband gleichberechtigter Staatsbürger aufgenommen werden zu können, ohne

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