Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ii r "( Vt$J /Vf' ' <1 vi 1160 DIE3§KLT No. 44 erleben, daß einer einschneidenden Entrechtung der l'*4 Millionen Juden Polens, einem sdh'reienden Verbrechen gegen die elementarste Forderung menschlichen Reditsgefühls, von den Volksvertretern - nicht etwa von der brutalen und unverantwortlichen Bureaukratie! — der Eichstempel legislativer Weisheit aufgeprägt wird, und zwar unter tätiger Mitwirkung der am meisten Interessierten, die selbst über brutale Gewalt und Unterdrückung klagen, die also als die kompetentesten und einwandfreiesten Kronzeugen gegen die Enterbten ausgespielt werden können. Berührt diese Vorlage schon an sich unsere vitalsten Interessen, so haben die Verhältnisse in jüngster Zeit noch eine neue Wendung genommen, die uns von der angestrebten Ordnung der Dinge das Schlimmste für die nationale Zukunft des jüdischen Volkes in Polen befürchten läßt. Bekanntlich gibt es in Polen im Gegensatz zum eigentlichen Rußland eine mehr oder weniger erträglich organisierte und gesetzlich sanktionierte jüdische Gemeinde, welche die Leitung und Aufsicht über die öffentlichen jüdischen Anstalten religiöser und humaner Natur innehat. In Rußland hingegen gibt es eigentlich keine jüdische Gemeinde, wie es auch keine direkte Gemeindesteuer gibt. Das Gesetz kennt nur Synagogen und Synagogenbesucher. Die jüdischen gemeinnützigen Institutionen unterstehen der Leitung und Aufsicht der Munizipalitäten bzw. der Regierungsbehörden, denen auch letzten Endes das Verfügungsrecht über die speziellen jüdischen Steuern (Koscherfleisch-Steuer, Lichtsteuer) zusteht. Nun ist unsere unversiegbar schöpferische Zentralregierung auf den glücklichen Gedanken gekommen, daß mit der Einführung der kommunalen Selbstverwaltung in Polen die jüdische Gemeinde ihre Existenzberechtigung verlieren dürfte, und die Regelung der jüdischen Angelegenheiten auch in Polen nach dem bewährten Muster Rußlands geschehen könnte. Zur Klärung der Frage hat sich nun das Ministerium des Innern vor kurzem an die Gouverneure des Königreichs Polen mit der Anfrage gewandt, ob sie den Fortbestand der jüdischen Gemeinde in Polen auch nach Einführung der städtischen Selbstverwaltung für erwünscht erachten würden. Die Antworten lauten verschieden. E i n Teil der Gouverneure empfahl die völlige Suspension der jüdischen Gemeinde und die Uebertragung ihrer Funktionen an die Munizipalitäten, an denen sich ja auch die Juden beteiligen werden, während ein anderer Teil sich für die Beibehaltung der jüdischen Gemeinde erklärte, der aber nur ihre eigentlich religiösen Funktionen belassen werden, während ihre sozialen und wohltätigen Aufgaben an die Stadtobrigkeit überge Wen sollten. Es ist schwer zu sagen, welche von diesen verschiedenen Ansichten obsiegen wird. Jedenfalls stehen wir aber vor der Perspektive, auch in Polen unsere internen Gemeindeangelegenheiten dem Ermessen einer fremden Behörde ausgeliefert zu sehen. Wir haben also zu gewärtigen, daß auch hier unberechenbare Willkür, fortwährende störende Interventionen und Mißgunst jeden Versuch zur Selbsttätigkeit lahmlegen und schließlich eine heillose Verwirrung und Desorganisation im Gemeindeleben zeitigen werden, wie wir sie in Rußland zu beklagen haben. dies. In Rußland haben wir es sdiließeiner im Grunde genommen indifferenten die es zwar, so oft es ihr als Amtsan läppischen Schikanen nicht fehlen läßt, will ver- Mehr als licW doch mit Behörde zu tun pflicht scheint die aber keine Kulturmission an den Juden erfüllen und keine aggressiven assimilierenden Tendenzen folgt. Anders liegen die Verhältnisse in Polen. Hier hat die durch den äußeren Druck hervorgerufene Hypertrophie des polnischen Nationalgefühls einen geradezu krankhaften, engherzigen Chauvinismus gezeitigt. Ueberau wird Separatismus, werden antipolnische Ränke gewittert. Der aus dem Innern Rußlands vertriebene Jude, der in Polen nichts als eine Stätte der Zuflucht und der Arbeit sucht, wird zum gefährlichen politischen Feind des polnischen Volkes, zum heimtückischen Russifikator, der im Vereine mit dem russischen Zarismus die nationale Kultur Polens, das rühmliche Erbe, das die voraufgegangenen Geschlechter mit ihrem Blute erworben, mit Stumpf und Stiel auszurotten trachtet. Auch den polnischen Juden mag man nur noch insofern dulden, als er sich mit Haut und Haar der polnisch-nationalen Kultur verschreibt und absolut keine anderen Interessen als die national-polnischen kennen will. Man denke an das vorjährige Manifest der polnischen „Progressistenvereinigung" über die Judenfrage. Unter diesen Umständen erscheint es mehr als zweifelhaft, ob bei der vorgesehenen mangelhaften Vertretung der jüdischen Bevölkerung die Stadtobrigkeit sich die nötige Objektivität bewahren wird, um den kulturellen und Wohlfahrtsbestrebungen der jüdischen Gemeinde Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Juden Polens haben ernste Aufgaben auf dem Gebiete der nationalen Erziehung und nicht minder ernste Aufgaben auf sozialpolitischem Gebiete. Es gilt geradezu, einem ökonomischen V ernichtungskampfe entgegenzutreten, der in letzter Zeit nicht nur gegen das jüdische Kleinbürgertum, sondern auch gegen das jüdische Proletariat mit der rücksichtslosesten Sdhärfe geführt wird. Dem enormen Anschwellen der antisemitischen Konsumvereins- und Agrarkooperations- Bewegung, der systematischen, zielbewußten Verdrängung des jüdischen Proletariats aus allen Arbeitszweigen soll entgegengearbeitet werden. Ist da bei dem rückschrittlichen, fremdenfeindlichen Hurranationalismus, der zurzeit in Polen Trumpf ist, zu erwarten, daß unsere nationalen Erziehüngsaufgaben oder etwaige soziale Hilfsaktionen gegen die verhängnisvollen Folgen des ökonomischen Boykotts Förderung oder auch nur wohlwollende Neutralität von seiten der zu 80°/o bzw. 90°/o aus Polen bestehenden Stadtobrigkeit erfahren wird? Dies ist das „Mene-Tekel" der neuesten Wendung in der Frage der kommunalen Selbstverwaltung in Polen. Caveant consules! Es gilt einer ernsten Gefahr, einem nationalen Verhängnis entgegenzutreten, solange es nicht zu spät ist, — solange die Selbstverwaltungsvorlage nicht Gesetz geworden ist. Großes steht auf dem Spiel —, man greife nun zu den äußersten Mitteln. Unsere Sache ist die bessere, gerechtere. Die freisinnigen Kreise Rußlands und Europas, die Sinn für Recht und Menschlichkeit haben, auch wenn es sich bloß um Juden handelt, müßten unsere natürlichen Verbündeten im Kampfe gegen das schnöde Attentat auf unsere Rechte sein. M. G.