Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1158 mußten, weil sie keine Arbeit bekommen konnten, wenn in den letzten Jahren nur sehr wenige Arbeiter nach Palästina kommen und lieber nach Kanada, Argentinien und Australien gehen, muß hier nicht rechtzeitig Abhilfe geschaffen werden? Das alte Kolonisationssystem konnte sich ein Rothschild leisten, es kann heute noch der Privatinitiative, den kapitalkräftigen Einzelpersonen überlassen werden — der Nationalfonds, dessen Aufgabe es ist, Boden in Palästina zu erwerben und im großen bearbeiten zu lassen, muß ein anderes System einschlagen. Untersuchen wir nun die Methode des Großbetriebs, vielleicht eignet diese sich als Uebergangsstadium zur echten Bauernkolonisation. Auf die verschiedenen Vor- und Nachteile des Großgrundbetriebes einzugehen, würde hier zu weit führen. Ich begnüge mich damit, das bedeutungsvollste zu betonen. Der größte Vorteil des Großbetriebes ist die praktische und theoretische Fachkenntnis des Wirtschaftsleiters, der befähigt ist, eine zielbewußte, somit rationelle und rentable Wirtschaftsweise einzuleiten und durchzuführen und dem es auf Grund seiner Kenntnisse und der ihm zur Verfügung stehenden Kapitalskraft ermöglicht ist, seinen Betrieb den technischen Fortschritten anzupassen. Bis jetzt ist man in Palästina über den Stahlpflug nicht hinausgekommen. Den Gebrauch der Egge, der Walze kennt man kaum, und auch die Drill- und Dreschmaschinen sind bis heute für die Kolonisten unbekannte Dinge. Um nur auf eines hinzuweisen: monatelang dreht man sich mit Gespann und Steinbrett beim Dreschen im Kreise; eine langweilige, stupide Arbeit. Das Feld bleibt unbearbeitet liegen, weil Mann, Pferd und Maultier sich im nie endenwollenden Kreise drehen, — ein Ueberbleibsel aus vorgeschichtlicher Zeit. Man hält hartnäckig an dieser vorsintflutlichen Arbeitsweise fest und findet eine Ausrede dafür: „Die Pferde fressen nur „Tiben"*), — während der deutsche Kolonist seit Jahren seine strammen Zugtiere mit dem durch die Häckselmaschine zerstückelten Strohklein füttert. Der Anbau von Hackfrüchten, also Kartoffeln und Rüben, ist unseren Kolonisten unbekannt, der Frage des Futterbaues, womit die Hebung des Viehstandes verbunden ist, sind unsere Kolonisten absolut nicht näher getreten. An die Einführung eines Fruchtwechsels, der den Ertrag erhöht und den Boden produktiver macht, können unsere Kolonisten auch nicht denken. Alle diese technisch so wichtigen Probleme wurden und werden in Europa durch den Großbetrieb gelöst, und können auch in Palästina nur durch fachtechnisch geleitete Großbetriebe gelöst werden. Aber nicht nur aus technischen Gründen erscheint der Großbetrieb als die geeignetste Form einer zielbewußten Kolonisation Palästinas, sie wird zur Notwendigkeit, wenn wir das Arbeitermaterial in Betracht ziehen, das uns zur Verfügung steht, und wenn wir weiter die brennende Frage, wie wir uns zu den Arabern stellen sollen, ins Auge fassen. Die Antwort auf diese Frage dürfen wir uns nicht vorenthalten. Sie steht im Mittelpunkt unserer kolonisatorischen Tätigkeit, und eine Taktlosigkeit, ein Mißgriff kann uns gefährlicher werden, als wir anzunehmen wagen. Die kleinbäuerliche Kolonisation hat das Arbeiterproblem mit einer genügend deutlichen Antwort erledigt. In den meisten älteren Kolonien werden Araber als Tagelöhner beschäftigt, und es ist bereits so weit gekommen, daß wir jüdische Arbeiter in diesen Kolonien nur ganz vereinzelt antreffen. Vom ökonomischen Gesichtspunkte kann man dem Kolonisten kaum einen Vorwurf daraus machen. Im wirtschaftlichen Leben gibt es keine Sentiments, die ökonomische Bedürfnisbefriedigung ist eine amoralische Tätigkeit, und deshalb wird der arbeitgebende Kolonist stets dem Arbeiter den Vorzug geben, der ihm für den kleinsten Aufwand die möglichst größte Arbeitsleistung voll- Na. 44 bringt. Täuschen wir uns nicht: in dieser Hinsicht ist die Arbeitskraft des Arabers eine gefährliche und sehr wirksame Konkurrenz für den arbeitsuchenden jüdischen Proletarier. Man wird geneigt sein, dagegen Einspruch zu erheben, und zwar dürfte man mir entgegenhalten: „Für den etwas größeren Lohn, den der jüdische Arbeiter beansprucht, bringt er mehr Intelligenz, in vielen Dingen vielleicht auch mehr Geschicklichkeit, vor allem aber sicher mehr Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit mit." Nun auch ich halte die ausschließliche Beschäftigung arabischer Arbeiter aus wirtschaftlichen und nationalen Gründen für sehr verwerflich. Unsere Kolonisten könnten in viel größerem Maße als bisher den berufstüchtigen Teil unserer Leute als Vor- und Qualitätsarbeiter beschäftigen. Aber Hand aufs Herz! Verfügen wir denn über eine genügend große Anzahl landwirtschaftlich geschulter Arbeiter? Nein! Verdenken wir es also unseren Kolonisten nicht zu sehr, daß sie nicht erst monatelang, ja jahrelang Leute anlernen wollen. Wir wissen es ja sehr gut, daß das Arbeitermaterial, das zum Angebot steht, erst einer landwirtschaftlichen Schulung bedarf. Das kann man dem Privatbesitzer als Norm nicht aufbürden. Dies ist die vdrnehmste Aufgabe der aus Gründen nationaler Wohlfahrt kolonisierenden Gesellschaften, und es ist nur in Großbetrieben mit technischer Leitung durchführbar. Hier ist es möglich, eine große Anzahl ungeschulter Arbeiter ohne Schaden für die Wirtschaft anzulernen. Und trägt man dem sozialen Streben der Arbeiter Rechnung, dann ist der Großbetrieb das Gebiet, wo der fleißige Arbeiter aus seinem Existenzminimum emporsteigen kann, wo seine Tüchtigkeit bewertet und entlohnt wird, und wo er einer sicheren Zukunft entgegensehen kann. Die zionistische Organisation hat durch Annahme des Oppenheimerschen Siedlungsprojekts dem Groß-» betrieb diejenige Form gegeben, die seinen markanten Nachteil — die Beschäftigung von Lohnarbeitern — zu seinem größten Vorteil macht. In Großbetrieben mit Reingewinnverteilung oder auch nur mit Gewinnbeteiligung schafft der Arbeiter unter dem Antrieb des Eigennutzes, und es liegt hier in seinem ureigenen Interesse, seine Kräfte zur äußersten Leistungsfähigkeit anzuspannen. In diesen Großbetrieben sind wir auch in der Lage, arabische Arbeitskräfte ohne Nachteil für unsere Arbeiter zu beschäftigen. Das bisher Gesagte zusammenfassend, darf ich in knapper Form die Antwort auf die oben aufgeworfene Frage formulieren. Ich betrachte den genossenschaftlich organisierten, unter technischer Leitung stehenden Großbetrieb gegenwärtig als die rationellste Form der Kolonisation Palästinas. In ihm sehe ich die Möglichkeit: 1. der Heranbildung eines Stammes verständiger und berufstüchtiger Arbeiter, die das Material für die später folgende Bauernkolonisation abgeben werden; 2. eines wirtschaftlich und gesellschaftlich friedlichen Zusammenarbeitens mit den Arabern; 3. einer rationellen Bewirtschaftung der nationalen Besitzungen. Auf die Bauernkolonisation werde ich in einem späteren Artikel näher eingehen. Zur Beachtung MF" Die Telegramm-Adresse des Zionistischen Zentralbureaus, der Redaktion und Administration der „Welt", sowie des Jüdischen Verlages lautet: Orghip, Berlin. Die Telegramm-Adresse des Hauptbureaus des Jüdischen Nationalfonds in Köln ist: Keren, Köln. blE3§ffiLT * *) Durch das Dreschbrett vollständig zerriebenes Stroh.