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Die Welt · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Na- 44 DIEU^fELT Spezifische Schädlinge, die von großer üefahr für die Landwirtschaft sind, treten nicht in größerem Maße als in Europa auf. (Genaueres über all diese Zustände behalte ich mir für einen gelegentlichen Artikel vor.) Die hier in Kürze verzeichneten Verhältnisse des Bodens, der Pflanzen- und Tierwelt sollen nur zeigen, daß in Palästina nichts Ungewöhnliches im Faktor „Natur" steckt, und man mit ruhigem Gewissen die Behauptung aufstellen kann, daß in Palästina schließlich alles so gemacht werden muß, wie es in Europa gemacht wird, und daß die technischen Errungenschaften der westeuropäischen Landwirtschaft, allerdings unter Berücksichtigung der ariden Eigenschaften des Landes, auch hier angewandt werden müssen, wenn rationell und rentabel ge'wirtschaftet werden soll. Welche Form ist nun geeignet, die Landwirtschaftin Palästina rationell und rentabel zu gestalten? Soll es der Kleinbetrieb, der bis jetzt bei der Kolonisation fast ausschließlich vorherrschte, oder der Großbetrieb niit zielbewußter Leitung sein? Der bedeutendste „natürliche" Vorzug des Kleinbetriebes ist die nahe Lage der Aecker am Wirtschaftshof, wodurch der Transport zum und vom Hof ein minimaler ist, und das Feld unter steter Aufsicht steht. In den meisten Fällen trifft dies für die Wirtschaft unserer palästinensischen Kolonisten nicht zu. Diese sind fast durchweg frühere Städter, und der angeborene und anerzogene Drang zum geselligen Leben, das Bedürfnis einer gemeinsamen Schule, einer Synagoge, eines Schochet, vereint mit der Notwendigkeit, des Schutzes gegen Raub und Diebstahl, zwingt zur Gemengelage. So liegen denn die Felder weit entfernt von Haus und Hof, und dieser kleinbäuerliche Vorteil ist geschwunden. Ein weiterer Vorzug des Kleinbetriebes ist die Nutzung und der Verbrauch der meisten Produkte in der eigenen Haus- und Stallwirtschaft, wodurch die Rückstände den Tieren und Pflanzen des eigenen Betriebes zugute kommen. Dies hat aber seine Bedenken. In der primitivsten Form der landwirtschaftlichen Nutzung von Grund und Boden trifft das zum größten Teil zu. Der Kleinbauer, der ab und zu auf den Wochenmarkt geht, um Streichhölzer, Petroleum und andere „Luxusgegenstände" für eine Henne, ein Scheffel Korn einzutauschen, oder ein Borstenvieh verkauft, um Steuern erlegen zu können, lebt wohl fast nur von den Produkten der eigenen Wirtschaft, und die Rückstände bleiben dann wirklich auf dem eigenen Hof und Feld. Dieser primitive Bauer braucht kein Geld, er ist genügsam bis zum Hungertod, und kümmert sich nicht im geringsten um Düngung und gute Verwendung der Rückstände. Er braucht nur günstiges Wetter und einen schützenden Gott, zu dem er betet und auf den er vertraut. Der moderne westeuropäische Kleinbauer ist ja weit intelligenter und kennt die Bedeutung der Verwertung der Pflanzen- und Tierrückstände, aber er schickt doch seine Kinder in die Schule und zu den Soldaten, kennt Bier und! bunte Weste, züchtet und mästet Vieh, das er verkauft, damit er eben alles „schaffen" kann. Und nun unser Kolonist! Er ist schon mehr Unternehmer" als Bauer, er wirtschaftet, um zu Geld zu kommen. Im Gegensatz zum primitiven Bauer erstrebt er nur den Felsengrund eines soliden Wohlstandes, er will nicht ewig von 1 agesnöten geplagt sein. Daher verkauft er alles und kauft alles. In seiner Wirtschaft kennt man verhältnismäßig nur so viel Rückstände wie im Großbetrieb. Durch dieses Werfen aller Produkte auf den Markt schwindet auch die hohe Rentabilität des Kleinbesitzes, die durch die Viehaufzucht und Viehhaltung gewährleistet wird, fast vollständig. Nun seien hier einige Vorzüge der Kleinbauern Wirtschaft aufgezählt, die dem Bauern als solchen eigen sind, und die die Rentabilität seines Betriebes fördern: Der Kleinbauer, der mit Frau und Kind den eigenen Boden auf eigene Rechnung mit Liebe und Anhänglichkeit bearbeitet, der das Vieh wie Menschenkinder pflegt und aufzieht, keine Arbeitsstunden kennt, mit Sonnenaufgang beginnt und noch in später Nachtstunde arbeitet, der seine Egge und seinen Karren, seinen Dachstuhl und seinen Zaun selbst repariert; die Bäuerin, die mit größter Fürsorge ihr scheckiges Kalb füttert, verständnisvoll das Federvieh behandelt — sind das nicht Vorzüge, irn Vergleich zu denen alle Vorteile des Großbetriebes nichtssagend sind? Und da der Knecht und die Magd Hausgenossen sind, Freud und Leid mit dem Bauern teilen, am Familientisch mitessen, sich an den Haus- und Dorffreuden des Bauern beteiligen, sind sie nicht arbeitstreuer, arbeitsfreudiger als der Lohnarbeiter des Großbetriebes? Diese Liebe zur Scholle, diese Berufsfreude, diese Umsicht und die Fertigkeit, in kleinen Dingen sein eigener Handwerker zu sein, endlich die Mithilfe der Frau und der Tochter fehlen leider unserem jüdischen Kolonisten. Das familiäre Verhältnis zwischen Kolonist und Gesinde ist leider nicht vorhanden. Aus städtischen Berufen nach tausendjähriger Unterbrechung zum Ackerbau zurückgekehrt, vermag unser Kolonist noch nicht Bauer im eigentlichen Sinne des Wortes zu werden. Dies wird sich zweifellos mit der Zeit ändern, und der jüdische Kolonist wird ganz Landwirt, ganz Bauer sein, aber vorläufig ist er es noch lange nicht. Die „natürlichen" und persönlichen Vorzüge des Bauernbetriebes sind also bei unseren Kolonisten nicht vorhanden. Bisher, namentlich bei der philanthropischen Kolonisation, war es so, daß Leute, des Berufes unkundig, mit Pferd und Pflug in einen ausgebauten Hof gesetzt wurden, und nun unter einer sehr seltenen fachlichen Inspektion zu wirtschaften hatten. Ohne Fachkenntnisse, ohne gewissenhaften und wirklich durchdachten fachkundigen Rat mußten unsere, mit hingebendem Idealismus und beispielloser Energie ausgestatteten Pioniere die schwere Arbeit aufnehmen. Sie haben sich in langen Jahren, mit Hilfe großer Geldmittel, die immer wieder von einem warmherzigen großen Juden aufgewandt wurden, durchgerungen. Sind sie aber Bauern geworden? Man muß mit einem glatten Nein antworten. Die sehr Intelligenten, die Gewandten und Klugen unter ihnen, und auch die, welche die Gunst der Administratoren gefördert hat, sind Pflanzer, Bojarenbesitzer geworden. Die Entwicklung hat dazu geführt, daß in Palästina eine stattliche Reihe schöner und wertvoller Pflanzungskolonien entstanden sind, in denen die einzelnen Besitzer eigentlich Arbeitgeber sind, deren Einkommen in der Hauptsache aus der Differenz zwischen Arbeitslohn und Arbeitsertrag besteht. Die vorübergehend günstige Marktkonjunktur, die Nachfrage nach Grund und Boden zeitigt in den größeren Kolonien eine rapid steigende Grundrente, die viele Pflanzer zur Spekulation, zum Verkauf anregt. Wohin soll und wird das führen? Schon heute vergißt mancher Kolonist, aus welchen Gründen er nach Palästina gekommen ist, vergißt, daß ihm einst ein Philanthrop unter die Arme griff — er sucht nur noch nach den billigsten Arbeitskräften. Der teurere jüdische Arbeiter drückt seine Rente, ist ihm ein wirtschaftlicher Luxus, den er sich nur sehr selten gönnt. Diejenigen, die dem kleinbäuerlichen, landwirtschaftlichen Betriebe treu geblieben sind, die vielen in Ekron, Athlit, Jemma können sich nicht behaupten; viele wandern aus. Können diese Zustände die nationale Wohlfahrt — denn nur im Hinblick auf diese wird ja kolonisiert — fördern? Wenn im Laufe der Jahre Hunderte von Arbeitern auswandern

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