Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 43 DIE3^ELT 1139 hat, beweist die Phrase, die Suchomlinow u. a. fallen ließ: „Mögen sie — die Juden — sich bei Bagrow bedanken" . . . Neue Beschränkungen auf dem Gebiete des Schulwesens Das Kuratorium der Odessaer Kaiser-Nikolaus-Handelsschule erhielt vor kurzem vom Handelsministerium die Weisung, bei der Aufnahme von jüdischen Schülern das Prinzip der Prozentnorm zur Anwendung zu bringen, mit der Maßgabe, daß jiach einigen Jahren die Zahl der jüdischen Schüler 15 Prozent der Gesamtzahl nicht übersteigen soll. Gleichzeitig wurde das Kuratorium aufgefordert, die in diesem Sinne auszuarbeitenden näheren Bestimmungen dem Ministerium zu unterbreiten. Da die Handelsschule von der Odessaer Kaufmannschaft unterhalten wird und zur Hälfte von jüdischem Gelde zehrt, geriet das Kuratorium durch die Verfügung des Ministeriums in Verlegenheit. Es suchte sich so zu helfen, daß es die Angelegenheit der allgemeinen Delegation des Kaufmannsstandes zur Behandlung überwies. Dieser Tage fand nun die Versammlung der kaufmännischen Delegation statt, die sich mit dieser Frage befaßte. Die Versammlung schloß sich der Ansicht des Vorsitzenden an, daß die Einführung der Prozentnorm für jüdische Schüler mit den Interessen der Schule unvereinbar sei, und faßte den Beschluß, eine spezielle Kommission aus der Mitte der Delegation einzusetzen, die gemeinsam mit Vertretern des Kuratoriums ein ausführliches Memorandum an das Ministerium zur Begründung des Standpunktes der Kaufmannschaft ausarbeiten soll. Es erscheint aber sehr zweifelhaft, ob Handelsminister Timaschow sich durch solche Bagatellen wie die Interessen der Schule in seiner „großzügigen" nationalen Politik behindern lassen wird. Der Gouverneur von Poltawa hat an die Polizeichefs des Gouvernements ein Rundschreiben versandt, worin diese auf gefordert werden, den Kurator des Kiewer Lehrbezirkes in der Durchführung seiner Verfügung tatkräftig zu unterstützen, wonach es jüdischen Hauslehrern verboten wird, christlichen Schülern Unterricht zu erteilen. Gleichzeitig wurden die Schulbehörden angewiesen, bei der Aufnahme von christlichen Kindern in die Schule Erkundigungen bezüglich des Vorunterrichts einzuziehen, und in Iallen, wo die Verfügung des Kurators verletzt wurde, Anzeige zu erstatten. Unterdrückung jüdischer Wohlfahrtsgesellschaften Das Jekaterinos'awer Gouvernementalanit für Vereinswesen dir Eintragung der neugegründeten Leih- und Sparkasse für jüdische iCleiderbändler verweigert. ^Alexander Stolypin als JudenfresseriJ^^ Der bekannte Mitarbeiter der „Nowoje Wremja" Alexander Stolypin, ein Bruder des ermordeten Premierministers, der seiner Zeit, als er von den damals noch liberalen „Peter^ burgskija Wjedomosii" des Fürsten Uchtomsky in die „Nowoje Wremja" übertrat, die öffentliche Meinung damit beschwichtigte, daß er versicherte, er werde sich auch in der „Nowoje Wremja" seine liberale Gesinnung bewahren, gefällt sich seit einiger Zeit in der Rolle eines wutschnaubenden Judenfressers. Ein törichter Brie/, den der gewesene Polizeispion und derzeitige Revolutionär B a k a i an ihn gerichtet hatte und in welchem er seiner Genugtuung über die Ermordung Stolypins Ausdruck gibt, veranlaßte den ehemals „liberalen" Publizisten zu einem Hetzartikel gegen die Juden, der alles überbietet, was sich in letzter Zeit hierzulande ein bis zum Delirium gesteigerter Chauvinismus und blinder Menschenhaß geleistet haben. — Man begreift allerdings nicht recht den Zusammenhang zwischen der Taktlosigkeit Bakais, des waschechten Kleinrussen, und dem Judentum, allein ein Mitarbeiter der „Nowoje Wremja" braucht sich um derartige Kleinigkeiten nicht zu kümmern, wenn es gilt, seinem Kollegen in der Redaktionsstube, dem unvergleichlichen Menschikow, in Punkto Judenhetze die Palme des Sieges streitig zu machen. Sehr boshaft fragt die liberale „Rjetsch", ob denn Herr Stolypin auf seine Sinekure in einem gewissen, von einem sog, „Börsenhasen" gegründeten jüdischen Bankhause verzichtet, und ob er das bis jetzt bezogene Gehalt zurückerstattet habe. — i Zu den Ausschreitungen gegen die Juden in Osch Bei den Ueberfällen auf die Juden in Ose h (Turkestan) wurden 20 Juden verwundet, darunter 7 lebensgefährlich. Die Schwerverwundeten haben im Militärhospital Aufnahme gefunden. Gegen die Anstifter und Teilnehmer der Exzesse ist eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden. Bisher wurden 18 Personen verhaftet. Der vermißte Sartenknabe, dessen Verschwinden zu den Unruhen geführt hat, ist übrigens alsbald heil und unversehrt aufgefunden worden. Der Verband der russischen Advokaturs-; gehilfen gegen die Taufseuche Die in der letzten Zeit in manchen Kreisen des Advokatenstandes überaus häufig gewordenen Uebertritte zum Christentum aus Gründen der Karriere veranlaßten eine Gruppe Odessaer jüdischer Advokatursgehilfen (dies ist gewöhnlich der Charakter der in der Advokatur tätigen Juden, die das Justizministerium wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum nicht für würdig hält, zu „Rechtsanwälten'4 befördert zu werden) auf der am 18. Oktober stattgefundenen Generalversammlung ihrer Organisation an das leitende Komitee folgende Interpellation zu richten: „Hat das Komitee Kenntnis davon, daß in letzter Zeit häufig Advokaturgehilfen jüdischen Bekenntnisses aus Gründen der Karriere zum Christentum übergetreten sind; daß die unlängst stattgehabte Weigerung des Zentralausschusses der Friedensrichter, einigen neubekehrten Christen eine Bescheinigung ihres Rechtes auf Führung von Zivilprozessen auszustellen, allgemein auf diese betrübende Erscheinung zurückgeführt wird; daß dadurch die Würde des Anwaltstandes überhaupt und der jüdischen Advokaturgehilfen im besonderen, auf die der Verdacht der Prinzipienlosigkeit und Unmoralität fällt, schweren Schaden leidet? Eine Gruppe jüdischer Advokatursgehilfen des Odessaer Gerichtsbezirkes erachtet es deshalb als ihre Gewissens- und Standespflicht, das Komitee zu befragen, was es zu tun gedenkt, um derartige Erscheinungen innerhalb unseres Standes zu bekämpfen." Der Obmann der Organisation, Herr J. Brodowsky, erklärte, daß das Komitee sich mit dieser Frage bisher nicht befaßt habe, daß es aber diese Erklärung zur Kenntnis nehme und über die Angelegenheit ernstlich beraten werde. {7^ NACHRICHTEN ^] Der Gewaltstreich der Pariser Allianceleitung In der S i i / u n g des Zentralkomitees der A 11 i a n c e I s r a e! i t e Universelle, die am IS. Oktober in Paris stattfand, wurde der Antrag auf Abschaffung der Wahlen zum Zentralkomitee und Einführung des Systems der Kooptation mit 19 gegen 5 Stimmen angenommen. Von den 19 Herren, die für den Antrag stimmten, waren 18 in Paris ansässige Mitglieder des Zentralkomitees, der neunzehnte war ein Belgier. Hie fünf bei der Sitzung anwesenden deutschen Mitglieder des Zentralkomitees, nämlich d ie Herren Justizrat Max F u c h s - Berlin, Geheimrat Professor Dr. L a n d a u - Berlin, Gumpertz - Hamburg, Oschinsky- Breslau und W i 11 n e r - Leipzig, traten dem Antrag einstimmig mit der größten Entschiedenheit entgegen. Von den Rabbinern Dr. Werner- München und Dr. Vogelstein- Königsberg lagen schriftliche Aeußerungen vor, die gleichfalls scharf gegen die Abschaffung der Wahlen protestierten. Dennoch wurde der Antrag mit den erwähnten 19 Stimmen gegen die 5 Stimmen der deutschen Mitglieder angenommen. Um das Statut der Alliance im Sinne des Antrags zu ändern, ist noch eine zweite Abstimmung des Zentralkomitees nötig, die frühestens nach 4 Wochen stattfinden kann. Sodann muß noch die Genehmigung der G e - n e r a 1 v e r s a m m I u n g der Alliance eingeholt werden. Es ist nötig, die jüdische Oeffentlichkeit rechtzeitig auf die Konsequenzen hinzuweisen, die sich aus der Einführung des