Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1138 DIE^KELT No. 43 und Literatur eingerichtet werden. Auch die van dem Odessaer Komitee der Chowewe-Zion subventionierte Volksschule soll einer gründlichen Reorganisation unterzogen werden. Demnächst wird Herr J. L. Goldberg aus W i 1 n a , der ein größeres Gut in Artuf besitzt, die Kolonie besuchen. Die Kolonisten rüsten sich, diesem verdienten Palästinafreund, der dieser Tage das Jubiläum seiner 30jährigen öffentlichen Tätigkeit beging, einen festlichen Empfang zu bereiten. Hafenbau in Haifa Am Anfang d. M. traf in Haifa eine technische Kommission aus Konstantinopel ein, die von der Regierung beauftragt ist, geeignete Vorkehrungen für den demnächst in Angriff zu nehmenden Hafenbau zu treffen. Vom Jaffaer Hebräischen Gymnasium Mit Beginn des Schuljahres 5672 wird die VII. Gymnasialklasse eröffnet. Schüler und Schülerinnen werden in die drei Vorbereitungsklassen und in die sieben Hauptklassen aufgenommen. Die Aufnahmeprüfungen finden Ende Tischri statt. Der Unterricht beginnt am 1. Marchesch wan. Prämienstiftung für eine Jerusalemer Jeschibah Ein Moskauer jüdischer Wohltäter und Zionsfreund, der Großkaufmann Selig Per sitz, stiftete vor einigen Monaten anläßlich seiner Anwesenheit in Jerusalem eine Anzahl Preise für die besten Schüler der hiesigen Talmud-Thora und der Jeschibah Ez-Cha im. In den nächsten Tagen sollen nun im Anschluß an die Semester Prüfungen die von Herrn Persitz gestifteten Preise zum erstenmal verteilt werden. Den Prüfungen und der feierlichen Prämienverteilung werden die angesehensten Rabbiner Jerusalems sowie Vertreter des Waad-Ha'fr beiwohnen. Winterfahrplan der Eisenbahnlinie J af f a—J erusalem Iin laufenden Winterhalbjahr werden die Personenzüge der Eisenbahnstrecke Jaffa—Jerusalem wie folgt verkehren: Abfahrt von Jerusalem 7.40 morgens, Ankunft in Jaffa 11.05 vormittags; Abfahrt von Jerusalem 1.45 nachmittags, Ankunft in Jaffa 5.15. — Abfahrt von Jaffa S.05 morgens, Ankunft in J e r u s a I e in 12 Uhr mittags; Abfahrt von Jaffa 1.20 nachmittags, Ankunft in Jerusalem 5.07. Vom Schulwesen in den galiläischen Kolonien Die 1 c a hat Herrn Lehrer Krön aus Q r o d n o (Rußland) zürn Generalinspektor der von ihr in den galiläischen Kolonien unterhaltenen Volksschulen ernannt. In den Kolonien M c s h a und M i I h a m i e werden zurzeit neue Schulgebäude errichtet; der Neubau der Koloniesehulc in J e m m a ist bereits vollendet. Rußland Aus Kokowzew's Vergangenheit Es ist in weiteren Kreisen bekannt, daß die Regierung nach der Auflösung der ersten Session der Reichsduma Erleichterungen der Lage der Juden auf verschiedenen Gebieten plante. Aber nur wenige wissen, daß gerade Kokowzew mit der Ausarbeitung dieser Maßregeln beauftragt wurde. Schon allein dieser Auftrag beweist, daß Kokowzew nicht für die absolute Rechtlosigkeit der Juden war. Im großen ganzen stimmten jedoch seine Ansichten mit denen der herrschenden Politik überein. Das Projekt wurde ausgearbeitet und — mit allgemeinen Betrachtungen versehen — dem Ministerrate überreicht. Diese allgemeinen Betrachtungen enthielten folgendes: Die jüdische Frage kann von zwei Gesichtspunkten behandelt werden: vom Standpunkte der „historisch ausgebildeten Lebensnormen" ausgehend, sollte man nur für die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung sorgen. Man könnte aber mit der Tradition auch ganz brechen und alle existierenden Beschränkungen gegen die Juden vollständig beseitigen. Dem damaligen Finanzminister schien der erstere Weg zweckmäßiger. Er schlug vor, auf Grund des § 87 der Verfassung, die „provisorischen" Rechtseinschränkungen gänzlich zu beseitigen und in die Judengesetzgebung eine gewisse „Ordnung", ein „System" hineinzutragen. Die vollständige Umänderung dieser Gesetzgebung sowie die Frage der Abschaffung des Ansiedlungsrayons soll der Reichsduma überlassen bleiben. Doch könnte, auf Grund des § 87 der Reichsverfassung, eine Reihe von Einschränkungen innerhal'b des Ansiedlungsrayons sofort beseitigt werden. Zu diesem Zwecke schlägt Kokowzew folgende Maßregeln vor: Die Abschaffung der Ignatiewaschen „provisorischen Regeln" und aller daraus entstandenen Rechtseinschränkungen. Damit würde Rußland für die Juden gleichsam in zwei Teile geteilt: der Ansiedlungsrayon, dessen Städte, Flecken und Dörfer den Juden vollständig offen wären, und das übrige Rußland, in das nur akademisch gebildete Personen, Kaufleute und Handwerker mit sämtlichen Mitgliedern ihrer Familien Zugang fänden. Dadurch würde mehr Klarheit in die Judengesetzgebung gebracht werden. Was den Erwerb von Immobilien durch Juden betrifft, sollte ihnen der Kauf und die Pacht des Obschtschinalandcs unbedingt verboten bleiben, dagegen sollten sie in Privateigentum befindliche Grundstücke erwerben dürfen, und zwar sowohl innerhalb des Ansiedlungsrayons, wie außerhalb desselben, sofern sie das Wohnrecht im inneren Rußland erworben haben. Alle Einschränkungen auf dem Gebiete des Handels, wie z. B. bei der Beteiligung an Aktiengesellschaften, sollten wegfallen. Die 300-Rubel-Strafe, der die Verwandten der sich der Militärpflicht Entziehenden unterworfen werden, sollte ebenfalls abgeschafft werden. Dieses Projekt schien den Mitgliedern des Ministerrats sehr „radikal". Sämtliche Minister erklärten sich gegen Verleihung des Rechtes auf Erwerb von Gütern an die Juden. Insbesondere war der Kriegsminister gegen die Zulassung der Juden ins Gebiet der Donkosaken. Das Projekt wurde laut diesen Direktiven umgearbeitet und zur Bestätigung auf Grund des § 87 unterbreitet — die Bestätigung erfolgte aber nicht. Zur Frage des Militärdienstes der Juden Bekanntlich hat die Reichsduma während der diesjährigen Beratung des Militäretats den Wunsch geäußert, daß die Juden zum Militärdienst nicht zugelassen werden sollen. Infolgedessen ging nun das Kriegsmmisterium an das Studium dieser Frage. Das Mobilisierungsressort des Generalstabs hat bereits umfangreiches Material betreffend die Zahl der Juden in der Armee, das Betragen der jüdischen Soldaten im ostasiatischen Kriege, Gutachten der Militärchefs usw. gesammelt. Zu einem endgültigen Ergebnis ist das Kriegsministerium, wie der Odessaer Abgeordnete Ni ko1s ky aus dem Munde des Kriegsministers Suchomlinow zu berichten weiß, noch nicht gekommen. Demnächst soll die Frage vor den Ministerrat kommen. So viel scheint indes schon jetzt festzustehen, daß den Juden gegenüber, im Falle der Wunsch der Duma zurückgewiesen wird, immerhin andere Normen für die Leistung der Militärpflicht zur Anwendung gelangen sollen, als für die anderen Völkerschaften. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß der Chef des Odessaer Militärbezirkes, General-Adjutant Sarubajew, sich gegen die Ausschließung der Juden aus der Armee ausgesprochen hat. Herr N i k o 1 s k y hatte ferner Gelegenheit, mit dem Kriegsminister über die Zulassung von Juden zum Freiwilligendienst Rücksprache zu nehmen. Damit hat es folgende Bewandtnis. Dem Gesetze nach werden die jüdischen Militärpflichtigen ebenso gut wie die christlichen, wenn sie sich über einen gewissen Bildungszensus ausweisen können, zum Freiwilligendienst zugelassen. Tatsächlich aber muß der jüdische Aspirant erst selbst das Regiment aussuchen, wo er als Freiwilliger Aufnahme findet. Natürlich werden die jüdischen Aspiranten überall von den betreffenden Militärbehörden glattweg abgewiesen. Herr Suchomlinow erklärte, daß er in dieser Beziehung nichts auszurichten vermöge, da die kommandierenden Behörden die Verantwortung für ihre Untergebenen tragen, und man ihnen daher, ohne sie der Verantwortlichkeit zu entheben, nicht jüdische Freiwillige, die in ihren Augen ein •minderwertiges Menschenmaterial bilden, aufdrängen könnte. Im übrigen wußte der Herr Minister sich auf verschiedene Beispiele zu beziehen, wo jüdische subalterne Militärs sich des Vertrauens unwürdig, ja sogar als gemeine Verbrecher erwiesen hätten, obwohl auch andererseits einzelne Ausnahmefälle vorgekommen seien, wo jüdische Soldaten außerordentliche Tapferkeit an den Tag gelegt hätten. — Daß die Kiewer Ereignisse in den hohen Sphären die feindselige Stimmung gegen die Juden womöglich noch verschärft