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Die Welt · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1132 DIEMKE LT No. 43 o rf- O I! □□□□□□ o \!t- FEUILLETON «sääSSl □ □□□□□ )§ Das Glück Von Karl Sander (Prag). Schulim unterschied sich ganz merklich von seinen gleichaltrigen Mitbesuchern des Lehrhauses und sah gar nicht wie ein Talmudjünger aus. Er überragte um Kopfeshöhe alle Kollegen und war wohlgenährt. Nidits von der Schmalbrüstigkeit und der dürren Magerkeit der anderen Bachurim1). Die roten Wangen paßten eigentlich gar nicht zu einem Bachur, der sonst vom Stubenhocken grünblaß ist und dessen Hals wie eine Stange aussieht, auf welcher ein Kopf mit Samtkäppchen sitzt. Schulim aber hatte Kragenweite Nr. 42. Freilich trug er keinen Kragen. Gott behüte, ein Talmudjünger darf sich doch nicht „weltlich" putzen. Kragen und Schlips sind gut — für einen Gassenjungen. Das Hemd war mit einem weichen Umlegekragen versehen, der den Westenrand bedeckte. Ganz schmucklos. Um so deutlicher trat der rote Nacken Schulims hervor und man wußte auf den ersten Blick, daß er „ein gesunder Junge" ist. Wenn er sich vor den Feiertagen das Haar schneiden ließ und die staatsgefährliche Ecke-) um die Ohrengegend kürzer war, sah Schulim überhaupt nicht jüdisch aus. Allerdings der lange, bis zur Erde reichende schlitzlose Rock beseitigte jeden diesbezüglichen Zweifel und beim raschen Gehen, wenn die vorderen Rockschöße zur Seite geschoben „ wurden, baumelten rechts und links die Schaufäden des Arba-Kanfos hervor. Schulim hatte auch eine leise vorgebeugte Körperhaltung, dabei aber einen festen Gang, der durch die hohen Röhrenstiefel einen soldatischen Anstrich bekam. Aber Schulim war nichts weniger als Soldat. Ueberhaupt, kann ein Talmudjünger Soldat sein? Der Iwan3) gibt den Sonnabend nicht frei — um Gotteswillen, Samstag arbeiten! Und für Schulim wird man beim Militär nicht extra koscher kochen. Also, darf ein Bocher Soldat sein? Nein, das will Gott bestimmt nicht. Bei näherem Zusehen konnte man nämlich bemerken, daß Schulims Kinn einen blonden, ganz respektablen Bartflaum besaß, der selbstverständlich gemäß den Gesetzesvorschriften nie rasiert wurde} daher nur eine weiche, unbemerkte Schattierung des Gesichts bildete. Er war tatsächlich schon 21 Jahre alt und im kommenden Herbst assentpflichtig. Er selbst hatte sich eigentlich mit der Sache fast gar nicht beschäftigt; es schien ihm ganz natürlich, daß ein Talmudjünger nicht zum Militär genommen werden könne. Wenigstens konnte er sich nicht erinnern, daß „so etwas" schon passiert wäre. Aber die Kollegen und seine Kostgeber hatten ihn öfters daran erinnert, daß in wenigen Monaten die Assentierung stattfindet und daß er etwas tun müsse. „Was soll ich tun?" entgegnete Schulim manchmal sogar in aufgeregtem Ton. „Was meint ihr, ich werde dienen? Na, werde ich dienen? Ein Bachur — dienen? Das läßt Gott nicht zu/' Es war schon September4). Ein Bekannter kam wieder zu Schulim mit der Frage, was er unternommen habe. l) Besucher des Talmudlehrhauses. -) Die russische Regierung gestattet den Juden das Tragen der Peieslocken nicht. Der Polizist kann die Peies auf offener Straße abschneiden. ) Allgemeine Bezeichnung für den Russen, spez. einen russischen Militaristen. Für dieses Jahr werden 46 jüdische Rekruten von dem kleinen Bezirk verlangt — keine günstigen Aussichten auf Befreiung5). Schulim hat zwar einige Wochen hindurch jeden Montag und Donnerstag gefastet, auch einige NMite in voller Kiddung auf der harten Bank geschlafen. Dies hat >a;ber seinem guten Aussehen keinen Abbruch getan und er hielt unbedingt „Maß". Er fand also nur die fragende Antwort: „Was soll ich mehr machen? Gebetet und gefastet habe ich genug, Gott wird mir beistehen. Kann der Bezirkshauptmann sagen, daß ich tauglich bin?" Die Erwiderung, daß die Kommission (ohne „Schmiere") keine andere Rücksicht kennt, als die körperliche Eignung des Gestellten, machte ihn stutzig und er wußte abermals nur die bestimmte Hilfe Gottes vorherzusagen. . . . An einem Samstag, Anfang Oktober, kamen drei Juden zur Stellung: ein Schneidergehilfe, ein Kutscher und unser Bachur. Es war der letzte Assentierungstag und das Resultat wurde mit größter Spannung erwartet. Auf dem Marktplatze vor dem Regierungsgebäude standen einige Hundert Juden, die ja am Schabbes nichts zu tun hatten. Die meisten waren gekommen, um Schulim zu sehen, wie er als Rekrut herauskommen wird. Heute früh, im Bethaus, hatte er sich noch einem Kollegen gegenüber sehr zuversichtlich geäußert: „Gott hat der Kommission einen Fingerzeig gegeben." Er hat das höchste Los, kommt als letzter daran, noch dazu am heiligen Schabbos. Gott wird nicht zugeben, daß ein frommer Bocher assentiert und der Sabbath entweiht wird. . . Eine Bewegung ging durch die Menge auf dem Marktplatze. Durch das Fenster sah man deutlich, wie Schulim unter das Maßbrett geführt wurde. Bald kamen zwei Burschen heraus, die die Ahnung aller bestätigten: der Bocher ist tauglich. Nach einigen Minuten erschien auch Schulim selbst in Begleitung zweier Soldaten, die den Rekruten zum gegenüberliegenden „Quartier" führten. Er ging gesenkten Hauptes ... es war ihm schwarz vor den Augen. Erst im dunklen feuchten Quartier wurde er durch das Hailoh der anderen, im Laufe der Woche hier untergebrachten Rekruten wach. Er setzte sich iuf einen Strohsack in der Zimmerecke und starrte vor sich hin. „Also bin ich doch genommen? Gott hat kein Erbarmen mit mir gehabt. Was wird aus mir werden? Man wird mich schlagen, stoßen, treten. Ich kann nicht einmal mit dem Vorgesetzten sprechen." Der lärmende Gesang der übrigen Rekruten, die den Neuankömmling nicht behelligen wollten, drang nicht an sein Ohr. Das Mittagessen, welches eine bekannte Familie ihm geschickt hatte, blieb unberührt, bis der wachthabende Soldat sich selbst das Schalet nahm. Morgen wird Schulim mit den (beiden anderen, heute assentierten -jüdischen Rekruten zum Schwur geführt. Er schämt sich zu Tode, durch die ganze Stadt bis in die Synagoge geführt zu werden, von bewaffneten Soldaten, wie ein Raubmörder. 4) In Rußland findet die Aushebung im Oktober statt. Die Einrückung erfolgt einige Tage nach der Tauglichkeitserklärung. Die Juden werden in der Zwischenzeit unter strenger Bewachung in einem gerade verfügbaren leeren Raum, zumeist in einem baufälligen Hause, einquartiert. 5) Die Mitglieder der Assentkommission wissen sich bei Erhalt eines Bakschisch zu helfen.

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