Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 43 DIE2q£ELT 1131 vielleicht auf Menschenalter und Jahrhunderte hinaus keinen Erfolg versprechen, weil er hofft, daß er als Greis genießen würde, was er als Knabe gepflegt, oder, wenn ihm dieses Los versagt würde, daß seine Kinder und seine Enkel die Vorteile beziehen würden, die ihm selbst vorenthalten bleiben. Denn so ist der Mensch beschaffen, daß er Wohltaten, die seinen Kindern und Enkeln zuteil werden, mit ebenso dankbaren Augen betrachtet, als die, welche ihm selbst in den Schoß fallen. Hebt man das erbliche Eigentum an ürund und Boden auf, so gibt es niemanden mehr, der ein Interesse daran hat, sich anzustrengen, damit die Produktionskraft des Bodens erhalten bleibe und sich unablässig steigere, sondern es bleibt höchstens ein Interesse daran übrig, daß der Boden für dieses Jahr und allenfalls für eine Reihe von Jahren große Erträge liefere; das Auge des Herrn ruht nicht mehr auf dem Boden, ihm die erforderliche Pflege angedeihen zu lassen (denn jedes menschliche Produktionsmittel bedarf der Pflege und der schützenden Behandlung), sondern nur das Auge des Söldners wacht über ihm, der im selten günstigsten Falle seine Pflicht erfüllen wird, um Schaden abzuwehren, aber kein Interesse daran hat, den Gewinn für die Zukunft zu vermehren. So ist der gesegnete Boden Palästinas verwüstet und verwildert worden. Es war kein bodenständiges, von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochen fortdauerndes Kulturvolk da. Deshalb muß der Boden wieder erschlossen, die Felsen und die Dünen wieder aufgeforstet werden — und da muß das kleine Eigentum wieder zur Geltung kommen. < Wir kennen auch die schwachen Seiten . . . Die zunehmenden Erträge von Grund und Boden — wird mit Recht behauptet — kommen nur zum Teil auf die eigene Arbeit des Besitzers; zum größeren Teil haben andere an dieser Wertsteigerung mitgearbeitet. Nicht allein Entwässerung und Tiefpflug, Düngung und Behandlung haben hier mitgewirkt, sondern die Anlegung von Stein wegen, von Kanälen und von Eisenbahnen haben dem Grundbesitzer zu einem höheren Ertrage verholfen, indem sie ihn dein Markte näher führten, ihm gestatteten, seine Dungmittel und seine Maschinen zu beziehen und seine Erzeugnisse unter Ersparung eines ""großen Aufwandes an Fracht in die Hände des Verzehrers zu führen. Und vollends, was hat der Eigentümer von Grundstücken hier in der Nähe einer Großstadt dazu getan, daß seine sandige Scholle, auf der er noch vor einem Jahre Kartoffeln baute, heute als Baustelle benutzt wird, die mit Hunderten oder gar Tausenden für den Quadratmeter bezahlt wird? Das alles mag in großen Verhältnissen richtig sein, aber wir sind noch nicht weit genug, um die Möglichkeit solcher Problerne erwägen zu müssen. Richtig ist es, daß eine ganz individualistische Wirtschaft ärgerliche Erscheinungen im Gefolge hat, aber die Aufgabe ist die, diese ärgerlichen Erscheinungen zu beseitigen und dabei doch den gesunden Kern des Grundeigentums zu schonen. Die Idee des Nationalfonds, welche die Sicherstellung des nationalen Faktors im Eigentum darstellt, die Land Development Company, deren Gründung und nunmehr Vergrößerung für den obenerwähnten Zweck der Kultivierung des Bodens unentbehrlich, und die Einrichtung der Genossenschaft, die das soziale Moment in der Zusammenarbeit wenigstens im ersten Stadium zur Geltung bringt, stellen ein so harmonisch ausgestaltetes System von nationalsozialer Gerechtigkeit dar, daß in diesem Rahmen Auswüchse kapitalistischer Richtung ganz unmöglich erscheinen. Es ist klar, daß den wirklichen Arbeitern — nicht den Maulhelden, die einem kecken Drauflosgehen und Zugreifen das Wort reden, nicht den unreifen Skribenten, sondern den tüchtigen, erfahrenen und besonnenen Poalim die größte Einflußnahme auf das ganze Kolonisationswerk eingeräumt werden muß. Mustergültig wird das Kolonialsystem nur, wo es seinen Schwerpunkt in der Gewinnung des guten Willens und der Zueignung der arbeitenden Klassen, ihrer Erziehung und Fortbildung, in der Erschließung und Entwicklung des Bodens und der Heranbildung eines vorzüglichen Kleingrundbesitzerstandes findet. Das sind keine Kontraste, sondern Teile eines Ganzen. Ich möchte fast sagen: in diesem Mikrokosmos liegt das Zentralnervengeflecht eines neu auferstandenen Volkes mit all seinen Leistungen und all seinen — Sorgen. Das Problem, an das wir uns herangewagt haben, ist ein vollständig neues, nie vor uns und vor den Choveve Zion versuchtes, und nicht darüber sollte man sich wundern, daß seine Lösung so langsam vorrückt, sondern darüber, daß sie überhaupt vorrückt. Mittelbare und unmittelbare Arbeit. Da wir schon einmal auf dem richtigen Weg einer Realarbeit sind, ist es nur noch notwendig, daß es allgemein verstanden werde, daß die Arbeit i n Palästina und für Palästina in ihren Motiven, in ihrem Wert und in ihrem Nutzen gleichbedeutend sind. LJnsere jüdische Geistesarbeit, unser national-hebräisches Leben und Weben ist ohne Palästina eine schöne, aber zukunftslose Romantik. Was soll auch diese Gefühlsstimmung, dieser nationale Kulturgeist, der über uns als ein Ahnen und Empfinden schwebt, das nirgends einen gesicherten Grund hat? Was soll ein Bestreben nach geistiger Selbständigkeit erreichen, die in ihrer Vollkommenheit in der Diaspora unerreichbar, als ein unbestimmtes Etwas nur sich ein Reich der Wünsche schafft, tnie aber diesem Reich eine Wirklichkeit geben kann? Aber wie sollte auch andererseits das große Werk der Auferstehung in Palästina verwirklicht werden, wenn nicht alle Herzen glühen, wenn sich nicht der Volksgeist mit gewaltigem Schwung erhebt, wenn nicht aus den wildesten Dorngehegen Jugendrosen erblühen? Was soll die strenge Einfügung in die waltende Ordnung einer zionistischen Organisation, wenn hierdurch nicht der national-palästinensische Zweck gefördert, aber wie soll dieser Zweck gefördert werden, wenn der Wille und die Tat nicht organisiert werden? Ohne mittelbare Arbeit — keine unmittelbaren Resultate. Der Mensch produziert auf Umwegen. Wenn er sein Kleidlingsbedürfnis decken will, fängt er nicht sofort an zu spinnen und zu weben, sondern er stellt zunächst eine Spindel und einen Webstuhl her. Wenn er in der Kultur fortschreitet, geht er nicht direkt darauf aus, die Spindel und den Webstuhl herzustellen, sondern er stellt zunächst eine Dampfmaschine her, die Spindel und Webstuhl in Bewegung setzt. Er stellt ein Dampfschiff her, durch welches er die zu verspinnende Baumwolle aus großer Entfernung heranzieht. Wirtschaftlich fortschreiten heißt immer mehr Arbeit auf sich nehmen, die unmittelbar zur Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses nicht das geringste beiträgt, die aber mittelbar darauf hinwirkt, daß später ein geringes Maß von Anstrengungen ein großes Maß von Befriedigung herbeiführt. Geistig fortschreiten heißt immer tiefer die Zusammenhänge zu erfassen, immer klarer die Verkettung von Ursachen und Wirkungen zu sehen. Reichet dem Dichter die goldene Leier zur Hand, seine Töne strahlen Frühlingssonnen! Verwalter und Ordner, im Großen wie im Kleinen, Lehrer und Erzieher, Spender der Gedanken und der Münzen, ach, all die Rufer in der Wüste arbeiten für denselben Zweck, jeder mit seinen Mitteln und Werkzeugen. Mit stillen, müden Dulderblicken schauen sie alle in das Wunder der Auferstehung hinein. N. S.