Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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zu, die wir in Behor Azaria einen begeisterten, überzeugungstreuen, tateifrigen Gesinnungsgenossen verloren haben. Unermüdlich war der Verstorbene für die Ausbreitung des zionistischen Gedankens in Bulgarien und den benachbarten Ländern tätig; zwei Jahre lang leitete er das offizielle Organ der bulgarischen Zionisten, den in spaniolischer Sprache erscheinenden „Haschofar". Ein gegenwärtig in München lebender bulgarischer Gesinnungsgenosse, Herr David P a r d o , der dem Verstorbenen nahestand, entwirft in einem uns zugesandten hebräischen Briefe folgende Charakteristik der Persönlichkeit Behor Azarias: „Wer unter uns Sephardim hätte seinen Namen nicht gekannt? In jedem Städtchen, in jedem Dorfe wußte man, wer Behor Azaria war. Sechzehn Jahre stand er unverdrossen und unerschütterlich auf dem Kampfplätze, ohne jemals um Haaresbreite von der Bahn abzuweichen, die er sich vorgezeichnet hatte und die dem Endziel der nationalen Erziehung der bulgarischen und der sephardischen Juden überhaupt zustrebte. Ohne Uebertreibung kann es ausgesprochen werden, daß Azaria der einzige unter den sephardischen Zionisten war, der sich mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele der zionistischen Idee hingab, sich für sie opferte. Gewiß, wir hatten einen Marco Barouch und andere hochstrebende Idealisten, |die ganz in dem nationalen und palästinensischen Gedanken aufgingen, aber sie alle waren reine Gefühlsmenschen, überschäumende Temperamente, die der nüchterne Sinn unserer praktischen Allerweltsmenschen mit der Bezeichnung „Schwärmer" abzutun pflegt und die sich in der Tat für planmäßige, systematische Arbeit nicht eigneten. Behor Azaria hingegen war ein jüdischer, sephardischer Typus ganz eigener, erlesener Art. Er war ein Mann von gründlicher, umfassender Bildung, 'ein Gelehrter und ausgezeichneter Pädagoge, dabei von grenzenloser Bescheidenheit, gütig und wohlwollend gegen jedermann, den Kindern, deren Erziehung ihm anvertraut war, ein schwärmerisch geliebter, väterlicher Freund. Selbst seine politischen Gegner zollten seiner vornehmen Denkungsart, seiner unbestechlichen Wahrheitsliebe die höchste Achtung. Zwölf Jahre lang war er als Schulleiter tätig und galt als eine Autorität ersten Ranges auf pädagogischem Gebiete, so daß der bulgarische Unterrichtsminister sich einmal zu der öffentlichen Aeußerung veranlaßt sah, er beneide die spaniolischen Juden 'um dieses pädagogische Genie, das sie hervorgebracht haben. — Dem Drängen seiner zionistischen Freunde nachgebend, schied er vor einigen Jahren aus dem Lehrerberuf und widmete seine Arbeitskraft ganz der Redaktion unserer zionistischen Zeitung „Haschofar". Hier entfaltete er eine überaus vielseitige publizistische Tätigkeit. Großes Aufsehen erregte insbesondere seine scharfe, wissenschaftlich motivierte Kritik der Tätigkeit der Alliance Israelite im Orient. Das vernichtende Urteil eines so sachkundigen Schulmannes über das Unterrichtssystem in den Allianceschulen übte in weiten Kreisen nachhaltige Wirkung. Während seiner Tätigkeit als Redakteur des „Haschofar" blieb Azaria auch von materiellen Sorgen nicht verschont, aber dies hinderte ihm nicht, mit großer Selbstlosigkeit und freudiger Hingabe für die zionistische Sache zu streiten. Schließlich nahm er wieder eine Stelle als Leiter der jüdischen Schule in Sofia an und hatte auch hier einen schweren Kampf mit den assimilatorischen Kreisen auszufechten. Zum zweitenmal geriet er wegen seiner treuen nationaljüdischen Gesinnung in materielle Bedrängnis, die aufreibenden Kämpfe langer Jahre hatten auch seine Gesundheit mählich untergraben, und so verfiel er plötzlich in schweres Siechtum. Am Rüsttage des Jom-Kippur verschied er sanft. Die gesamte jüdische Bevölkerung Sofias und auch viele Nichtjuden nahmen an seinem Leichenbegängnis teil. Die Vereine „Theodor Herzl", „Maccabi", „Pirhe Sion", „Seroa Sion", „Gemiluth Hassadim" folgten dem Leichenzuge korporativ unter Vorantragung von Trauerfahnen. Der Verblichene wohnte dem sechsten und neunten Zionistenkongreß als Delegierter aus Bulgarien bei. Unersetzlich ist der Verlust, den die zionistische Organisation Bulgariens durch den Tod Azarias erleidet. Wir fühlen uns wahrhaft verwaist." Urbarmachung, Sozialpolitik, Besiedelung. Die primitiven Zionisten hatten sich früher den Aufschwung Palästinas als einen gewaltigen botanischen Szenenwechsel gedacht und jenseits von sozialen Problemen und Naturgesetzen beurteilt. Wenig bekümmert um gegebene Regeln und gezogene Schranken und ohne auf die „langweiligen" Einzelheiten einzugehen, begnügten sie sich mit der Wiederholung der allgemeinen Formel. Aber lange konnte dies nicht dauern. Als wir zu handeln begannen, anstatt die Handlungen anderer zu tadeln — und oftmals mit Recht zu tadeln, weil uns der kleinliche Formalismus und die engherzige Pedanterie nicht zu befriedigen vermochten — da stellte es sich bald heraus, daß die Bestrebungen sich zu Taten verdichten und die Taten mit großer Vorsicht langsam und stufenweise zur Ausführung gelangen müssen. Jetzt haben wir ein Arbeitsprogramm und ist es in manchen Teilen nicht mathematisch ausgetüftelt, so sind das Leben und die wechselnden Verhältnisse schuld daran, denn sie lassen sich nicht immer in Paragraphen bannen. Aber im großen und ganzen ist das System klar. Wir wissen ganz genau, in welcher Weise wir vordringen können; die eine Frage, welche besteht, ist nur die Frage der Mittel. Trotzdem wird es versucht und erst in den letzten Tagen ist es hier und da wieder versucht worden, das Problem so darzustellen, als ob überflüssige Unternehmungen oder scharfe soziale Kontraste das Werk der Kolonisation bedrohen würden. Ja, gewiß haben wir verschiedene Richtungen, die wir nicht zu verhüllen oder zu bemänteln brauchen, aber sie gehören alle zum Ganzeh. Gewiß verfügen wir über verschiedene Institutionen, aber in allen verkörpert sich ein und derselbe Gedanke. So hat die Palestine Land Development Company die Konsequenzen des Landerwrerbs durch den Jüdischen Nationalfonds und so haben die Genossenschaften die Konsequenzen der notwendigen Vereinigung des Einzelbesitzes mit sozialer Arbeit gezogen. Acker und Garten und Wiese, wie sie heute bestehen, sind nicht aus der Hand der Natur hervorgegangen; der Mensch hat den Stoff, der ihm von der Natur gegeben war, durch seine Arbeit in eine andere Form gebracht. Aus der Hand der Natur ist die Wildnis hervorgegangen, und der Mensch hat diese Wildnis durch tausendjährige Kultur in fruchtbaren Acker, in Gartenland, in Wiesen und Weidegründe, in Parks und Haus- und Hofstellen verwandelt. Er hat Arbeiten aufgewendet, die ihm auf Tage und Jahre hinaus.