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Die Welt · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 43 DIE^ELT 1129 Kleinbürger, auf welche kluge Demagogen Häuser bauen, ... Es wird mäuschenstill,' alles reckt die Hälse. Ihr langjähriger Berater, ihr Retter, der Vertreter der jüdischen Leopoldstadt im Parlamente, Dr. Julius O f n e r, betritt das Podium. * Den weiteren Verlauf der Versammlung mag — wer. Lust hat — in der „Neuen Freien Presse" nachlesen und sich insbesondere an dem Apercu Ofners erfreuen, der den Hausierern nachwies, daß es für sie keine Ffeischnot, sondern bloß eine Brot- und Erdäpfelnot gäbe... . Wir hingegen wollen wieder einmal darlegen, in welchen Händen die Führung und Vertretung unseres Volkes ruht und am Exempel dieses Mannes zeigen, was die assimilatorische Politik aus ihren Opfern und — aus ihren Vertretern macht. Gerade jetzt wollen wir's erörtern, weil es kein Wahlfieber gibt und die Köpfe klarer sind und weiluntrügliche Zeichen dafür sprechen, daß man uns zu verstehen beginnt und den Weg zum eigenen Volkstum, zur Selbsthilfe, zur Würde, findet. Dr. Julius Ofner ist längst ein berühmter Mann. An der Fruchtbörse und im Cafe Donau erklärt man in Wahlzeiten, daß man sich ein Abgeordnetenhaus ohne Ofner nicht denken könne, die Kreise, denen der Turf ebenso nahesteht, wie die Politik, nennen ihn sinnig „eine Klasse für sich", und in gewissen ästhetisierenden Zirkeln heißt er gar, recht schmatzig, „Das Gewissen des Parlaments". Wir aber wissen seit dem Tage, da er in einem großen vorbereiteten Vortrage (zu Teplitz im März 1909), dem Zionismus „Reidh'sfremdheit" vorwarf und ihn gar als „klerikale Bewegung" vermaderte — Aeußerungen, die dieser gebildete und wohlinformierte Mann nur gegen bessere Ueberzeugung tun konnte — daß er gewissenlos ist. Dr. Julius Ofner, der Abgeordnete der Leopoldstadt, ist seiner Gesinnung nach5 ein bewußter, streitbarer Deutscher — und das geht nicht nur uns organisierte Zionisten, sondern alle seine jüdischen Mandanten an, ganz besonders aber seine Schützlinge, die Hausierer. Er begnügt sidi1 nicht damit, in alter Burschenherrlichkeit deutschjüdischen Kommersen zu präsidieren und die Blüte der Nation aus den Proßnitzer, Nikoisburger und Boskowitzer Judengassen, sowie vom Kai zur unentwegten „völkischen" Kulturarbeit aufzufordern. Fr bereist audi mitunter die zweisprachige Provinz, hält auf dem heiß umstrittenen Boden Böhmens Reden, wie sie ihm sein deutsches Herz diktiert, ,,das er sich nicht aus dem Leibe reißen läßt" und entwickelt sein nationaldeutsches Bekenntnis mit allen Akzenten des Eiferers für die heilige völkische Sache. Wer den österreichischen Nationalitätenkampf auch nur von weitem kennt, weiß, was derartiges Gebaren, was derartige Reden aus dem Munde eines jüdischen Führers bedeuten: ein Fernbeben, das draußen im tschechischen Flachland die kleinen jüdischen Existenzen erschüttert und manchem, vom Boykott bedrängten Dorfjuden den entscheidenden Streich versetzt Dann heißfs die Scholle verlassen, nach Wien wan-t, dern, den Hansiererkasten umschnallen — und sich von Dr. Julius Ofner „retten" lassen!! Welch bittere Ironie: diese Gestrandeten suchen Rettung bei einem von jenen, deren Politik sie von Haus und Hof jagte. Welch trauriges Bild jüdischer Zerfahrenheit und Desorientierung: der Vater der jüdischen Hausierer ist ein Mann, der ganz bedeutend in Deutschtum macht, also eigentlich selbst jüdische Hausierer fabriziert! Welch peinlicher Anblick, wie ihm die betörten, ahnungslosen „Schützlinge" förmlich die Hände küssen und wie er sie gewähren laßt! Dies ist nämlich das unfehlbare Merkmal der assimilatorischen Politik. Uns Juden geht sie an den Kragen — sie ruiniert aber auch den führenden Mann, der sie verkörpert. Herrn Dr. Ofner hat sie stark hergenommen und wer ein paar Jahre zurückdenkt, wird den untadeligen Menschen von anno dazumal kaum wieder erkennen. Er läßt sich von einem Klüngel am Gängelband führen, das tief unter ihm steht und alljährlich ein neues politisches Schild aussteckt. Er ist heute Kronjurist der sozialdemokratischen Parteileitung und spricht morgen im Prachtsäale des Hotel Kontinental einem Parterre von Börsianern zu Gefallen. Er bewegte sich eben erst im Vorhof des antisemitischen, deutschen Nationalverbandes — in den Klub selbst darf er nicht, der ist dem Juden Ofner verschlossen — um in der nächsten Stunde in einer „Klaus" für sich zu agitieren, arbeitet für deutsche Hochziele — und affichiert Jargonplakate .... Der Zionismus hat in seinem Kampfe gegen die entfremdeten Führer einen unheimlichen, aber starken Bundesgenossen: die Universalität der Judennot. Als die brotlos gewordenen Schiänker nach Wien kamen, harrte ihrer am Bahnhofe eine Schar Ofnerscher Wähler. Tausend Fäden spinnen sich eben aus der Floßgasse und' vom Volkertplatz nach dem fernsten Galizien. Geschwister, Brüder, Kinder der Schänker sind im Wiener Judenbezirke ansässig und der Hieb, den die Schlachta gegen die galizischen Juden führte, schlug auch im Wahlbezirke Ofners Wunden. Er aber war nicht zu sehn, hatte erklärt, sich um diese Sache — die, wie gezeigt, auch seine Schutzbefohlenen betraf — unbedingt nicht kümmern zu wollen und gar manch Ahnungslosem wurden damals die Augen geöffnet. Ja, die Not, diese traurige, aber wohlmeinende Begleiterin des Judenvolkes wird audi diesem großen und — ach — so zerklüfteten und mißbrauchten jüdischen Gemeinwesen jenseits des Donaukanales auf die Beine helfen. Schon hat sie den gesunden Trieb nach Selbsterhältung geweckt und es kann rascher geschehen, als man's denkt, daß die Genarrten, mit der ganzen Kraft und Leidenschaft der Betrogenen alle hinausfegen, die sich von ihren mühseligen Armen so lange hinaufhalten ließen, und die ihrem Volke nichts waren, als entfremdete, oft gewissenlose Schädlinge. Dr. Otto Abel es. Behor Azaria Die sephardische Judenheit Bulgariens trauert um einen ihrer besten Söhne: Behor Azaria, der als Pädagoge und jüdischer Publizist bei unseren spaniolischen Brüdern im Orient das höchste Ansehen genoß, ist im jugendlichen Alter von 36 Jahren von seinem tatenreichen Leben abberufen worden. Dem Schmerze des bulgarischen, des sephardischen Judentums überhaupt, ob dem jähen Heimgang dieses edlen, hochgesinnten jüdischen Kämpfers gesellt sich auch unsere tiefe Trauer

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