Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316504--55167-3348985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
genüber keine Ausnahme mehr, es ist ebenso chauvinistisch geworden^ wie seine Nachbarn. Selbstverständlich mußte auch die ••französische Juderifieit von dieser großen Umwandlung ihrer Umgebung beeinflußt werden und dem Wandel des Zeitgeistes Tribut zahlen. Beobachten wir es doch überall, daß mit der nationalistischen Stimmung der Völker auch die Assimilationssucht der unter ihnen lebenden Juden wächst. Unter solchen Umständen wäre es den französischen Juden nie eingefallen, eine allgemein jüdische Organisation ins Leben zu rufen. Da sie aber mit einer solchen erblich belastet waren, so begann der Kampf um „Sein oder Nichtsein". Es ist nicht leicht, eine bestehende Organisation aufzugeben, denn schon das Gesetz der Trägheit wirkt für ihre Erhaltung, doch besonders schwer wird es, wenn sie infolge einer reichen Millionenerbschaft nicht mehr auf die Oeffentlichkeit angewiesen ist. Und eine solche Organisation ist die Alliance. Andererseits aber war es ebenso schwer, ihren ursprünglichen Charakter beizubehalten, da die Leiter nicht konsequent sein wollten oder konnten, da sie nicht den Mut hatten, gegen den Strom zu schwimmen. Es blieb nur ein Ausweg, der sich nach der Richtung des geringeren Widerstandes ergab: die Beibehaltung des materiellen Vermögens der Organisation bei voller Verzichtleistung auf ihre moralischen Grundlagen. So sank allmählich die bei ihrer Gründung jüdisch-national gedachte Alliance Israelite Universelle von Stufe zur Stufe, von einer Weltorganisation mit allgemein jüdischen Tendenzen bis zu einem französisch-jüdisch-philanthropischen Verein, der zwar auch ausländische Mitgliedschaft zuläßt, sich aber gegen jeden jüdisch-volkstümlichen Einfluß sträubt. Die Leiter der Alliance wissen sehr gut, daß die Stärke einer Organisation nicht nach ihrem Kassenbestande allein bemessen werden kann. Aber gerade, weil sie es wissen, suchen sie mit allen Mitteln jeden „fremden" Einfluß auszuschalten, denn sie sehen, daß die Führerschaft nidht allzu lange in den Händen einiger französischer Herren bleiben könnte, wenn die Alliance im Sinne der ihr zugrunde liegenden Idee weiter ausgebaut würde. Es ist daher eine Irreleitung der öffentlichen Meinung, wenn man sich bemüht, dem ganzen Streit den Charakter eines deutsch -f ranzösischen Konfliktes zu verleihen, wenn man versucht, durch gekünstelte Erklärungen den wahren Sinn des Streites zu verdunkeln. Nein, es ist der Kämpf des im Erwachen begriffenen jüdischen Selbstbewußtseins gegen die äußerste Assimilation, des Wiederbelebungsgedankens gegen das Ueberlebte, und es ist kein Wunder, wenn die Gegnerschaft sich gerade aus nichtfranzösischen Elementen rekrutiert, denn die französische Judenheit steht bis auf den heutigen Tag völlig abseits von den neuen Strömungen des jüdischen Lebens. Sie sieht noch heute so aus, wie sie vor 30 oder 40 Jahren ausgesehen hat, sie hat manches vergessen, aber nichts gelernt. Der Ausgang des letzten Streites: Wahlen oder Kooptation, hat daher keine prinzipielle Bedeutung, denn der Unterschied zwischen gemachten Wahlen nach Pariser Muster und Kooptation ist zu fein, es handelt sich dabei nur um eine Nuance. Traurig ist die ganze Haltung der Allianceleitung in den letzten Jahren gegenüber den neu hinzugekommenen Elementen. Auf den objektiven Beobachter macht sie den Eindruck einer Schar von Totengräbern, die die Seele ihrer eigenen Organisation begraben und nur ihren Körper als reich geputzte Mumie noch übrig lassen wollen. Systematisch' wird jede Anregung zu neuer belebender Tätigkeit im Keime erstickt. Jeder frische Gedanke flößt nur Angst und Furcht ein, die Angst vor dem Neuen, die Furcht vor dem Kommenden. Gewiß ist es tief bedauerlich, diesem Bruderstreit zuschauen zu müssen, doch kann das Verschwinden einer Illusion auch seine gute Seite haben. Vielleicht wird es manchem die Augen öffnen und ihm ein Ansporn sein, auf andere Weise fruchtbare Arbeit für das Judentum zu leisten. Die G( Hausiererversammlung in der Leopoldstadt. Die Entwurzelten aus Ost und West strömen in den Saal. Ein Mosaik des jüdischen Elends, in das fast jede Judengemeinde des Reiches ihr Steinchen gefügt hat. Von den gepriesenen Segnungen des 13. Juni — des Tages der christlich-sozialen Wahlniederlage — wurde diesen Söhnen der Gasse bisher auch nicht das winzigste Endchen zuteil. Im Gegenteil. Der Referent des Abends produziert unheimliche Daten über neue Drangsalierungen. Vernichtende Hausiererverordnungen, lächerliche, durchsichtige „Sanitätsvorschriften" fließen reicher denn je, trotzdem die Plätze Bielohlaweks und Pattais die Jüdenstämmlinge Friedmann und Neumann eingenommen haben. Der Landesausschuß hat den Ausfall Gessmanns durch Aufnahme des berüchtigten Rohlings Schneider wettgemacht und der Stadtrat ist seit dem Lärmenden Siegesfest der „Freiheitlichen", bei dem sie die „Renaissance des Liberalismus" mit Champagner begossen haben, den schwachen und wehrlosen Schichten des jüdischen Erwerbslebens gegenüber wahrhaftig nicht milder geworden. Ueberhaupt — der freiheitliche Referent sagt's den Versammelten natürlich nicht, aber unsere Juden beginnen es zu merken — mit dieser wiedergeborenen Freiheit waren die Juden nicht gemeint. Jetzt kommen die Deutschnationalen, bekanntlich unsere rüdesten und blutigsten Feinde, an die Futterkrippe. Der Bürgermeister beginnt nacri ihrer Pfeife zu tanzen und nimmt den Tschechen Wiens einfach ihre Schule weg, im Parlament gibt man den Liberalen nur gnadenweise Ausschtißmandate und alltäglich liest man im „Deutschen Volksblatt" Berichte von Versammlungen-, in denen unter Patronanz der neugebackenen freiheitlichen Abgeordneten Waber und Wedra zwischen dem linken Flügel der Christlichsozialen (der rechte ist nur mehr ein Rudiment) und den Deutschnationalen nach verständnisinnigem Ausgleich in punkto Judenfrage für die künftigen Gemeinderatswahlen Brüderschaft geschlossen wird. Gerade unsere Aermsten, die sich immer in den Gassen aufhalten, haben einen geschärften Instinkt dafür, ob das goldene Wienerherz seinen Juden geneigter geworden ist und sie fühlen resigniert, daß der bierehrliche Teutonenwahn noch um etliche Grade ungemütlicher ist, als Christlichsoziales Spießertum. Da sitzen sie nun in erschreckender Masse im Versammlungssaal. Hier ist's warm und hell. Draußen lagert frostiger Nebel, und man wähnt sich gleichsam auf einer Rettungsinsel. Aus allen Augen spricht die kostbare, naive Vertrauensseligkeit unserer jüdischen