Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316504--55166-3348984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIEMELT BERLIN W.15, SÄCHSISCHE STR. 8. \M ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRG. BERLIN, 27. Oktober 1911 unikfc Ü'Dnn iwmo 'H /phn No. 43. WOHIN STEUERT DIE ALLIANCE? Man muß es zugeben: der Moment ist glücklich gewählt. Die öffentliche Meinung ist voll und ganz in Anspruch genommen von den letzten stürmischen Ereignissen in Nordafrika und Ostasien und ist abgestumpft gegen alle anderen Geschehnisse. In ruhigen Zeiten könnte auch der rätselhafte Staatsstreich des entthronten Achmed-Ali in Persien und der Versuch einer Kontrerevolution in Portugal als Leckerbissen für die Oeffentlichkeit dienen. Allein wer kümmert sich um solche „Kleinigkeiten" in einem Augenblick von historischer Tragweite. Und diesen Moment hat auch die älteste jüdische Organisation, die Alliance Israelite Universelle, gewählt, um sich durch .einen letzten Streich ein für allemal von der lästigen, ruheraubenden Kritik der öffentlichen Meinung zu befreien. Die Herren der obersten Leitung der Alliance haben sich zusammengetan und einen Beschluß gefaßt, wonach von nun ab keine Wahlen in das Zentralkomitee mehr stattfinden und die ausscheidenden Mitglieder desselben durch Kooptation ersetzt werden sollen. Zwar kann man nicht behaupten, daß die Art und Weise wie die Alliance Wahlen bis jetzt vorbereitet und durchgeführt zu werden pflegten, als Muster hingestellt werden können; immerhin aber dachte man die jüdische Oeffentlichkeit wenigstens durch Scheinwahlen zu beschwichtigen und das Minimum des Anstandes zu wahren, der für eine so große Organisation unerläßlich ist. Nun will es scheinen, als ob auch1 dieses Minimum den empfindlichen Herren der Leitung zu lästig war, und so sahen sie sich gezwungen, nach einem Ausweg zu suchen, dfer ihre völlige Emanzipation von der öffentlichen Meinung sicherte. Diesen Ausweg haben sie in dem Kooptationssystem gefunden und bemühen sich jetzt, es auf dem Instanzenwege durchzusetzen. Es wäre eine Naivität unsererseits, wollten wir uns auf Erörterungen einlassen, um zu zeigen, daß ein solches System, ein Ueberrest feudaler Lebensanschauung, den geringsten Anforderungen demokratischer Gesinnung widerspricht. Das wissen die Herren der Alliance ebensogut wie wir. Sie wissen es und doch haben sie sich entschlossen, diesen gewagten Schritt zu tun, weil sie durch die Entwicklung des Judentums der ganzen Welt in den letzten Jahrzehnten dazu gedrängt wurden. Der Selbsterhaltungstrieb diktiert ihnen diesen Schritt, und alle Bemühungen ihrer Gegner wie auch ihrer Freunde werden sie nicht von ihm abbringen können. Die Alliance Israelite Universelle ist in einer Zeit entstanden, als noch keine jüdische öffentliche Meinung existierte. Die Judenheit der ganzen Welt war in zwei quantitativ und qualitativ ungleiche Teile geteilt. Auf der einen Seite ein kleines Häuflein der ^Emanzipierten", auf der anderen Seite die unorganisierten und gänzlich unbeholfenen jüdischen Massen, die mit ihren räumlich und gesellschaftlich-politisch sehr entfernten „Verwandten" in gar keine Berührung kamen. Aber gerade unter den „Emanzipierten" fanden sich dann Männer, die sich nicht von der Emanzipation ihres eigenen kleinen Häufleins berauschen ließen, die eingesehen hatten, daß es keine autonomen Gruppen innerhalb der Judenheit geben kann, d. h. daß die ganze Judenheit doch zuguterletzt einem Schicksal unterworfen ist und nur als Einheit genommen ihre Position unter den Völkern behaupten kann. Das war der große Gedanke, der die Gründer der Alliance beseelte, von dem sie getragen wurden. Viel hat dazu der Umstand beigetragen, daß Frankreich zu jener Zeit weder chauvinistisch, noch eifersüchtig auf irgendeinen anderen Staat zu sein brauchte. Im Gegenteil. Zufrieden mit seiner eigenen Freiheit, suchte das französische Volk auch die anderen Nationen mit seinen Freiheitsbegriffen reichlich zu beschenken, es verdammte jede Engherzigkeit und spendete Wohlwollen nach allen Seiten. Kein Wunder, wenn gerade in diesem Boden die erste jüdisdite Organisation Wurzel schlug, die aus der kollektiven Verantwortlichkeit der Judenheit das Band ihrer Verbrüderung sdhmieden wollte. Was zur Befreiung der Geknechteten und Verfolgten unternommen wurde, sollte mit den herrschenden Ideen übereinstimmen, wurde als deren Emanation betrachtet, auch wenn es nur den Juden galt. Die Gründer der Alliance wollten nur den Grundstein legen. Wie jeder große Mann von seinem Werke, träumten sie vom weiteren Ausbau ihrer Organisation durch die kommenden Generationen. Die allgemeinen Verhältnisse entwickelten sich jedoch in ganz anderer Richtung, als sie es sich gedacht hatten. Frankreich hörte auf, die Rolle der segenspendenden Nation zu spielen, das französische Volk bildet in nationaler Beziehung anderen Volkern ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.