Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 42 DIE30KELT 1111 Man muß Herrn Ingrisch für dieses offene Geständnis wirklich dankbar sein. Es besteht, wie er selbst sagt, in der Behandlung der Judenfrage kein Unterschied zwischen Deutschliberalen und Deutschradikalen, das heißt zwischen jenen, die behaupten, den Freisinn gepachtet zu haben und die bei jeder Art Versammlung so liebenswürdig sind, von den „verehrten deutschen Mitbürgern israelitischer Konfession" zu sprechen, und den Anhängern des berüchtigten K. H. Wolff, des Antisemitenhäuptlings par excellence. Nicht einmal die berühmte papierdünne Wand steht zwischen beiden, und es ist wahrhaft beschämend, daß es Juden gibt, die sich zur Unterstützung der Radikalen Wolffscher Couleur bereit finden lassen. Nach des Herrn Ingrisch eigenem Geständnis müssen jetzt jene Juden, die die deutsch-liberale Partei unterstützen, mit demselben Maßstab gemessen, in dieselbe moralische Kategorie eingereiht werden. Stolz brüstet er sich: „Was haben wir unternommen, um uns zu Judenknechten zu stempeln? Wir haben uns niemals in der Vertretung jüdischer Interessen exponiert!" Bravo, Herr Ingrisch! Das wird man sich merken. Das kann der deutschliberalen Partei allerdings auch ihr schlimmster Feind nicht nachsagen. Was bisher mangelte, war nur die aktenmäßige Festlegung der Tatsache. Die ist jetzt geliefert. Bei jedem anderen Volke würde eine solche Rede genügen, um eine abgrundtiefe Kluft zu schaffen, die auch in Jahrzehnten nicht überbrückt werden könnte. Nur das deutschliberale Judentum ist so würdelos, diese Peitschenhiebe, diese verachtungsvolle Behandlung einfach für selbstverständlich hinzunehmen, und bis zu welchem Grad der Charakterlosigkeit diese ganze Gesellschaft herabgesunken ist, lehrt der Schlußsatz der famosen Expektoration: „Es ist nie verlangt worden, daß wir uns dafür, das heißt für die Interessen der Juden, exponieren!" Also auch diese Entschuldigung ihrer Charakterlosigkeit mangelt den Beitragleistern der deutschliberalen Politik. Sie können sich nicht einmal damit ausreden, sie hätten geglaubt, dadurch eine Vertretung der Interessen der Juden — vom Judentum gar nicht zu reden — zu erlangen. Im Gegenteil, sie wagten nicht einmal daran zu denken. So widerlich und abstoßend dieses Schauspiel auch ist, man wird es vielleicht, wenn auch nicht verzeihlich, so doch eher begreiflich finden bei den Leuten, die in der sogenannten „liberalen Aera" aufgewachsen, heute als Greise nicht mehr umzudenken vermögen. Was soll man aber von jener Jugendblüte denken, die angesichts dieser Tatsachen sich noch immer an die Rockschöße des Deutschtums hängt? Glücklicherweise ist diese Sorte im Aussterben. In Prag gehört der „deutschliberale" Student bereits zu den Seltenheiten und läßt sich meistens nur von bitterer Not getrieben dazu verführen, die zahlreichen Benefizien in Anspruch zu nehmen, die man ihm für seine Charakterlosigkeit lockend vorgaukelt .... Palästina Der Chachambaschi von Jaffa Jaffa. Der für Jaffa gewählte Chachambaschi, Herr Benzion Usiel, ist vom Minister als Vakil-Chachambaschi bestätigt worden und wird nach dem Sukkothfest seine Amtsgeschäfte aufnehmen. Wasserleitung in Hebron Die Anlage der Wasserleitung in Hebron, die durch den früheren Pascha von Jerusalem Osmi-Bey in Angriff genommen wurde, geht ihrer Vollendung entgegen. Die Leitungwird durch die unweit von hier gelegene Quelle „A in-Ar ab" gespeist. In der Hauptstraße von Hebron wird zum Zwecke der Trinkwasserversorgung ein öffentlicher Brunnen errichtet. Gegen eine Gebühr von 200 Frcs. werden die einzelnen Wohnhäuser Anschluß an die neue Wasserleitung erhalten. Neues aus Safed Der Unglücksfall, der sich am Lag-Baomer d. J. bei der „Hilula" — dem Volksfeste zu Ehren R. Schimeon ben Jochais — im Dorfe M e r 6 n ereignete, ist noch in aller Erinnerung. Man weiß, wie wahrhaft hilfreich und gut der Kaimakam von Safed sich der Verwundeten und ihrer Angehörigen annahm, wie er mit Aufbietung aller Kräfte den Rettungsdienst organisierte, für die Bergung der Leichen sorgte, eine Sammlung für die Opfer der Katastrophe einleitete usw. Damit ließ sich der menschenfreundliche Kaimakam Hussein Effendi AI-Hadäb jedoch nicht genügen, sondern wandte sich amtlich an die Zentralregierung und bat sie um Unterstützung für die Hinterbliebenen der Verunglückten. Vor kurzem trat nun aus Konstantinopel der Betrag von 4750 Piaster ein, der zur Verteilung an 19 Witwen und Waisen bestimmt ist, welche durch das Unglück von Merön ihren Ernährer verloren haben. Der Kaimakam brachte das Geld — 250 Piaster pro Person — unverzüglich zur Verteilung. Er hat sich durch seine edle Tat den Dank der gesamten jüdischen Bewohnerschaft Safeds erworben. Dieser Tage besuchte eine jüdische Reisegesellschaft aus Europa die Stadt Safed. Unter den Mitgliedern der Gesellschaft befanden sich auch unsere Gesinnungsgenossen Normann ßentwich und Robert Solomon aus London, ferner Herr Dr. Salomon Schiller, zurzeit Direktor des Hebräischen Gymnasiums in Jerusalem. Dank den Bemühungen des Kaimakam erhält auch Safed demnächst eine Wasserleitung. Die jüdische Gemeinde beteiligt sich mit einein Betrage von 550 türkischen Pfund an dem neuen Wasserwerk. Rußland Kokowzows Programm Nach langem, bangem Warten hatte endlich die große Oeffentlichkeit vor kurzem Gelegenheit, einiges über Kokowzows Regierungsprogramm zu erfahren. Und wie dies hierzulande häufig der Fall ist, erfuhr man die Ansichten und Absichten des russischen Regierungschefs erst von einem ausländischen Journalisten. Diesmal war es der „Temps", der einiges Licht über das politische Credo des neuen russischen Ministerpräsidenten zu verbreiten wußte. In einem Artikel, der in der Form eines Interviews gehalten ist, ohne jedoch ganz als Interview gelten zu wollen, kommen hier die Ansichten Kokowzows über die wichtigsten Fragen der russischen Regierungspolitik zum Ausdruck. Im allgemeinen soll der gegenwärtige Kurs unverändert bleiben. Was speziell die Judenfrage betrifft, so ist diese nach Ansicht des Premierministers freilich eine sehr wichtige und dringende Frage, bei den gegenwärtigen Verhältnissen sei jedoch eine wesentliche Aenderung des Bestehenden nicht zu erwarten. ,,Stellen Sie sich einmal einen Minister vor," erklärte sehr diplomatisch der -interviewte Nachfolger Stolypins, oder dessen Doppelgänger (man kann aus dem hyperdiplomatischen Artikel des „Temps" nicht recht klug werden, ob hier der russische Premierminister direkt zitiert wird, oder aber die Dialogform bloß aus literarischen Gründen gewählt wurde) — „einen Minister, der aus ehrlicher Ueberzeugung ein Anhänger der Gleichberechtigung der Juden, oder auch nur der Aufhebung des Ansiedelungsrayons wäre. Verlangen Sie von diesem Minister, daß er seine Anschauungen unverzüglich in die Praxis umsetze. Versuchte er dies zu tun, so würde ihn der Ansturm der öffentlichen Meinung in einem Tage von der Oberfläche hinwegfege n.u Die „öffentliche Meinung", die Herr Kokowzow im Auge hat, bildet natürlich nur die höhere Bureaukratie und höchstens noch einige Preßorgane vom Schlage der ,,Nowoje Wremja". Anläßlich des „Tempsu-Artikels erklärt übrigens Mensch i k o w in der „Nowoje Wremja", daß nach seinen Informationen Kokowzow für die Aufrechterhaltung des Ansiedelungsrayons sei, und daß er sogar bereit wäre, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen, um eine Massenemigration der Juden aus Rußland in die Wege zu leiten. Judenverfolgungen in Turkestan In Fergana (Russisch-Turkestan) kam es am 8. d. M. auf das Gerücht von dem Raub eines Sartenknaben durch Juden zu einer Kundgebung gegen die Juden. Eine große Menge Eingeborener begann, Steine auf die Juden und ihre Häuser zu werfen. Ein Jude namens L i 1 i a c h o w aus Samarkand wurde dabei getötet, mehrere andere und deren eingeborene Verteidiger erlitten Verletzungen. Die Polizei war ohnmächtig, die Ruhestörungen zu verhindern. Es wurden Truppen aufgeboten, die die Ruhe wiederherstellten, ohne von der Waffe Gebrauch zu machen.