Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 42 DIEEaKELT 1109 Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Die Friedensvermittlung Nachdem der Raub von Tripolis zur Tatsache geworden, ist plötzlich das neue diplomatische Terrain, das vielgesuchte, aufgefunden worden. Es ist das „fait accompli". Nun kann das internationale Vermittlungsspiel beginnen, das am Ende darauf hinausläuft, dem Missetäter den Rücken zu decken. . . . Das Prestige der Türkei soll „nach Möglichkeit" gewahrt bleiben — aber bei hilflosen Völkern nimmt er einen eigentümlichen Ton an, dieser Begriff des Prestige. Bis die Großmächte mit ihrem Vorschlage an Italien herantreten werden, der Türkei die Souzeränität zu belassen, sind die italienischen Appetite längst über diese Zugeständnisse hinaus, die der „Würde" des Königreiches nicht entsprechen sollen. Die vereinzelten Forderungen der italienischen Presse, eine Annexion pure et simple vorzunehmen, sind im. Laufe einer Woche Axiom der gesamten Nation geworden. In der schönen Bereitwilligkeit der europäischen Großmächte, zu vermitteln, gibt es Nüancen, von denen es schwer zu sagen ist, ob sie durch den größeren oder geringeren Grad ihres uneigennützigen Interesses für die Türkei oder von dem Wunsche der einen, die anderen matt zu setzen, entstanden sind. Soweit das Spiel zu durchdringen ist, raten die germanischen Mächte der Hohen Pforte dringend, sofort mit dem Friedensersuchen an Italien heranzutreten, während die Mächte der Entente unter der Hand eine Verschleppung der Feindseligkeiten als der Türkei zweckdienlicher sollen bezeichnet haben. Der erste Rat hat, wie alles, was Deutschland in letzter Zeit im Orient unternahm, das Mißgeschick, der Volksstimmung schnurstracks zuwiderzulaufen; der zweite die Chance, mit ihr zusammenzustimmen. Kann sein, daß Deutschland-Oesterreich die rückhaltlos Ehrlichen sind, wenn sie sagen, daß jeder Tag des Zögerns die türkische Lage verschlimmere und sie bald außerstande sein würden, die Balkanvölker noch länger in Ruhe zu halten. Kann auch sein, daß es England- Frankreich nur darauf ankommt, sich die enttäuschten türkischen Gemüter durch Kitzelung der nationalen Instinkte wieder gewogen zu machen, umbekümmert im übrigen, ob ihr Rat die Türkei in der Folge verderbe. Ebenso möglich ist aber auch, daß Deutschland lediglich alles daran wende, um sich Italien gefällig zu erweisen, und die Westmächte ernstlich der genug geschwächten Türkei ernstlich aufhelfen möchten, im Hinblick darauf, daß die italienische Position in Afrika zu stark werden könnte. In allen Fällen ist es den hin und her gerüttelten Türken herzlich schwer, an irgendwelche uneigennützigen Triebkräfte auf irgendeiner europäischen Seite zu glauben. Vestigia terrent. Was also sollen sie tun? Ihrem eigenen Gewissen folgen? Ja, wenn sie Selbstvertrauen hätten und ohne Rücksicht auf rechts und links ihren eigenen Weg zu finden wüßten! Innere Spaltung Leider zeigt auch das Gewissen der Osmanen nicht in einer Richtung. Sie sind mehr als je in feindliche Lager gespalten, just im kritischsten Momente ihres nationalen Lebens. Welch ein Irrtum, zu glauben, daß sie wie ein Mann zusammenstehen würden vor dem Feinde! Eigentlich ist dem logischen Verstände nicht recht begreiflich, worin gegenüber der Situation ihre Differenzen bestehen. Beide Volksparteien, die Majoritätspartei des Comites wie die Minorität der Oppositionsgruppen, beide sind für Fortsetzung des Krieges! Da könnten sie sich doch vereinigen und Hand in Hand der Welt gegenübertreten! Aber nein, das ist nicht so. Es scheint, daß die Opposition just diesen Moment für geeignet erachtet, ihren dreijährigen Kampf mit dem Com ite auszutragen, oder gar die furchtbare Stunde für gekommen, den verhaßten „Union et Progres"zu zerschmettern! Es gibt ernste Zeichen, die darauf deuten. Auf beiden Seiten sind nun die Kampfreihen geschlossen. Daß vor einem halben Jahre durch innere Dissentierungen zerrissene Comite hat auf dem Saloniker Kongresse in mühseligen Verhandlungen, die eine ernste Behandlung aller ernsten Fragen des Vaterlandes sonst verdrängten, das Zerschlissene wieder zusammengeflickt und will im Parlamente wieder die kompakte Majorität vorstellen, die es vordem gewesen ist. Die Opposition auf der andern Seite hat sich zum erstenmal in einem festen Blocke vereinigt, der zwar an Ziffer den Unionisten stark unterlegen ist, aber mit einem Selbstbewußtsein auftritt, das den Eindruck erweckt, als wenn er andere mächtige Hilfstruppen hinter sich hätte . . . Ein bezeichnender Vorgang, der sich diesertage abspielte. Die Comitepartei, die sich erbietet, mit der Opposition ge- ' meinsam ihre gleichen Rechte gewährend, dem Kabinette geg;enüberzutreten — und der Oppositionsblock, der es schroff zurückweist, „sich mit den antikonstitutionellen Fehltritten, die seit drei Jahren begangen worden seien, zu identifizieren"! Also die große Majorität als versöhnlich Bittende, die kleine Majorität als höhnisch Intransigente. Und noch ein Zeichen der Kraft der oppositionellen Gruppe: ihre Führer, Lutfi Fikri Bey und Dr. R i s a T a w f i k , der übrigens als Kandidat für die Kammerpräsidentschaft Ahmed Risa Bey gegenübertritt, verweigern es, auf Vorladung vor dem Kriegsgericht zu erscheinen! Ein unerhörter Vorgang. Der Kampfruf beider "Parteien ist Kiamil Pascha, für und wider. England und Frankreich setzen sich für ihn ein, weil sie hoffen, den deutschen Einfluß durch ihn aus den türkischen Landen herauszuwerfen; und die Opposition verschrieb sich ihm, weil er der Mann ist, der dem Comite eine furchtbare dreijährige Rache nachträgt, und sie ihn für stark genug hält, der „Union" den Kopf zu zertreten. Begreiflich, daß das Comite sein eigener Metzger sein würde, wenn es ein Großwesirat Kiamil ins Leben treten ließe. Und es hat Deutschland-Oesterreich an seiner Seite, die nicht weniger energisch kämpfen, um Kiamil auszuschalten. Was die Situation verwickelt, das ist, daß Kiamil Pascha für den Krieg ist, der gegenwärtige Sadrasam Said Pascha aber in Uebereinstimmung mit dem Generalissimus Mahmud Schefket Pascha für sofortigen Frieden, unter Aufgabe von Tripolis natürlich. Würde also das Comite im Parlamente, seiner kriegerischen Stimmung folgend, für Fortsetzung des Kampfes votieren, so brächte es Said Pascha zu Falle und — wer weiß — bereitete vielleicht dem verhaßten Kiamil Pascha die Bahn . . . Die Kandidaten für das Großwesirat sind nicht zu dicht gesät; Hilmi Pascha, heißt es, will nicht, und ein großer Teil des Volkes verlangt nach Kiamil als dem Retter. Es macht nicht den Eindruck, als ob das Comite sich augenblicklich stark genug fühlte, einem populären Ansturm furchtlos zu widerstehen. Die Armee ist nicht mehr wie früher voll zu seiner Verfügung; ein großer Teil der Offiziere scheint zur Opposition übergegangen . . . So erklärt es sich, daß trotz der brüsken Abweisung, die der erste Annäherungsversuch des Comites an die Opposition erfuhr, die Majorität neuerdings Pourparlers mit den Gegnern eröffnete, um ein Koalitionsministerium, bestehend aus acht Vertretern des Comites und fünf der Minorität, zustande zu bringen. Aber auch dieser zweite Antrag ist, wie die „Agence Ottomane" meldet, auf glatte Ablehnung seitens des Minoritätsblocks gestoßen. Man will also anscheinend hier alles oder nichts . . . Wird im letzten Augenblick das Comite, um einem inneren Kriege, der vielleicht sein Ende herbeiführt, auszuweichen, Anschluß an die Momentkombination Said-Schefket Pascha suchen, um stärker zu werden, wird es also im Sinne Deutschland - Oesterreichs einlenken und den Frieden mit Italien machen? Oder wird die Opposition noch vor Toresschluß die Stimme der Leidenschaft zum Schweigen bringen, die Bekämpfung des Comites beiseite stellen und mit ihm zu einer Entente gelangen, die ein neues kriegerisches Kabinett zur Folge hätte? Oder wird das Schlimmste eintreten, was befürchtet wird, nämlich allgemeine Verwirrung, Kampf aller gegen alle, eine Revolution der Parteien? Die Entscheidung kann heute schon, wird jedenfalls im Laufe dieser Woche fallen. Said Pascha soll dem Sultan, wenn das Parlament geschlossen für die Fortsetzung des Krieges stimmt, die Auflösung der Kammer vorgeschlagen haben. Mehmed Reschad weigert sich jedoch entschieden, zu einem solchen Schritte seine Zuflucht zu nehmen, sondern soll eher bereit sein, abzudanken, als dergestalt Abdul Hamid nachzuahmen. Said Pascha bleibt also nicht viel Aussicht. Rache Mag nun der Krieg fortgehen oder ein Zwangsfrieden geschlossen werden, im türkischen Volke wird jedenfalls ein Haß, eine Rachsucht gegen Italien zurückbleiben, die den französischen Revanchegefühlen sicher nichts nachgeben, sondern sie noch übersteigen werden. Diese Empfindungen haben bereits begonnen, feste Gestalt anzunehmen. Die Verhinderung einer allgemeinen Austreibung der Italiener — man schreibt