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Die Welt · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1108 DJES^ELT No. 42 ooooooo fr ooooooo II -JJ AUS DER BEWEGUNG OOOOOOO P OOOOOOO Deutschland Köln. Am 14. September d. J. verschied plötzlich infolge eines Unglücksfalles der Kölner Zahnarzt L. Rubensohn. Die Kunde von seinem jähen Tode hat seine zahlreichen Freunde aufs Schmerzlichste betroffen. Auch die zionistische Bewegung beklagt durch seinen Heimgang einen großen Verlust. Nicht etwa, daß er als glänzender Agitationsredner oder auf Kongressen irgendwelche Rolle gespielt, nicht etwa, als ob er sich in Versammlungen oder als Schriftsteller besonders hervorgetan hätte. Das alles war nicht seine Art. Der Stillsten, Feinsten einer war er. Durch und durch Philosoph und Denker. Der Talmud, Kant, Schopenhauer — das war seine Welt, in der er heimisch war — und wie heimisch war er hier. Es gab wohl kaum einen feineren Genuß, eine größere Anregung, als mit ihin die Probleme der Religion, der Philosophie oder auch soziale Fragen zu debattieren. Und wenn auch oft aus seinen Worten ein tiefer Pessimismus klang-, so endeten seine Diskussionen doch immer in dem wunderstarken Glauben an einen allgütigen Schöpfer. „Gottvoll" bin ich, pflegte er scherzend zu sagen, „gottvoll" ist für mich die ganze Natur — die ganze Menschheit. In diesem Sinne war er Kosmopolit, der alle Menschen mit einer starken Liebe als Brüder umfaßte. Aber er hatte doch auch einen Benjamin — einen Lieblingsbruder. Und das war das jüdische Volk. Glühender Nationaljude war er, seine große Sehnsucht galt Zion, und durch sein stilles, persönliches Wirken hat er viel für den Zionismus geleistet. Den armen, östlichen Juden war er Lehrer und Freund — er pflegte ihnen regelmäßige Bibelkurse abzuhalten und so die Armen nach des Tages Last und Mühen mit Feiertagskost zu speisen und sie für Stunden über die Miseren des Lebens hinwegzubringen. Auf dem kleinen Judenfriedhof in* Urdenbach liegt er begraben. Zahlreiche Freunde trauern an seiner Gruft und werden ihm ein treues Gedenken bewahren. Österreich Wien. (Versammlung des zionistischen Zentralvereines.) Mittwoch fand im Restaurant Pinkas (Hotel Newyork) eine Plenarversammlung des zionistischen Zentralvereines unter Vorsitz des Obmannes Gg. Dr. Körner statt, die sehr zahlreich besucht war. Die Referate der Gg. Gg. Dr. Zweig und Ludwig B a t ö über den Kongreß, sowie des Präsidenten des westösterreichischen Zentralcomites, Gg. Adolf Böhm über die westösterreichische Organisationsfrage wurden mit großem Beifall aufgenommen. An die Referate schloß sich eine lebhafte Debatte, in welcher von Seite des Gg. Böhm auf die Notwendigkeit einer strafferen Zusammenfassung der zionistischen Organisation und einer einheitlichen jüdischen gesamtösterreichischen Politik hingewiesen wurde. Es sei ein vollständig unmöglicher Zustand, daß in Wien, Prag, Troppau Lemberg und Czcrnowitz, unbekümmert um gesamtjüdische und um gesamtösterreichische Interessen, nach dem Muster der Assimilanten eine exklusiv lokale Politik kultiviert werde. Der Zionistentag müsse endlich eine stabile Ordnung schaffen. An einer Reihe von Beispielen illustrierte überaus treffend Ingenieur Stricker, wohin die derzeit durch die jetzige Organisation ermöglichten Sonderbündeleien geführt haben und bezeichnete eine Neugestaltung der Organisation im einheitlichen Sinne als oberste Vorbedingung jeder positiven Arbeit. Die Versammlung erklärte sich mit der Forderung einer einheitlichen zionistischen Organisation und einer jüdischnationalen demokratischen gesamtösterreichischen Politik einverstanden und wählte als Delegierte zum Distriktstag und Zionistentag folgende Herren: Bato, Böhm, Dr. K a d i s c h , Dr. Ehrlich, Dr. Weise n g r ü n , Ing. Stricker, Sitzmann, Geller, Dr. Jakob Kohn, Dr. L a n z e r , Dr. Krasny. Prag. Die zionistische Arbeit der Wintersaison hat in Prag kraftvoll und vielversprechend eingesetzt. Das wichtigste Mittel zur Entfachung jener Begeisterung, die Schwung und Lust zur Arbeit gibt, ist der Zusammenhang mit Palästina, mit allem, was dort wird, vor allern mit dem Geiste, der dort herrscht und der berufen ist, das träge Judentum des Goluth in seinen Grundfesten aufzuwühlen. Einen Hauch dieses Geistes bringen uns die Männer, die dort schaffen, wenn sie zu uns kommen und uns von dem neuen Leben, von ihrer Arbeit, von ihren Erfolgen erzählen. Vor kurzem hat hier der Lehrer des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, Dr. Viktor Kellner, an einem Vereinsabend des Vereines jüdischer Hochschüler Bar Kochba, dessen A. H. Dr. Kellner ist, in kleinem Kreise über das neue jüdische Leben in Palästina gesprochen; er hat in eingehender Weise die IGrundprobleme unserer Palästinapolitik erörtert und ausführlich über das palästinensische Leben berichtet. Er wies besonders auf den Gegensatz hin, der zwischen dem gesunden Leben in Palästina und dem ungesunden Leben im Goluth besteht und schilderte die Einrichtung der aufstrebenden Kulturinstitute, besonders des Jaffaer Gymnasiums. Zu einem Ereignis gestaltete sich der Vortragsabend, den vergangene Woche ebenfalls der Verein Bar Kochba im Rahmen einer großen Versammlung im Festsaale des Prager jüdischen Kathauses veranstaltete; es sprach Dr. B e n - Z i o n Mossinsohn, der bekanntlich auch Lehrer des Jaffaer Gymnasiums ist, über die Entwicklung des jüdischen Kulturlebens in Palästina und seine Bedeutung für das Gesamtjudentum. Mossinsohn, dessen Persönlichkeit mit ihrer bestrickenden Liebenswürdigkeit und ihrem leidenschaftlichen Temperament suggestiv wirkt, ist ein ausgezeichneter Redner, der durch den Reichtum seiner Gedanken und die Wärme seines Tones mitfortreißt. Der Saal war gedrängt voll, die zahlreiche Zuhörerschaft lauschte in atemloser Spannung und brach zum Schlüsse in jubelnden Beifall aus. Mossinsohn gab in fast zweistündiger Rede einen Umriß der palästinensischen Verhältnisse und der Bedeutung des Zionismus. Er legte das Verhältnis des Zionismus zur türkischen Regierung klar und führte aus, daß kein ernster türkischer Politiker heute, wo die richtige Auffassung unserer Absichten langsam durchzudringen beginnt, dem Zionismus feind sein könne. Jene in den Zeitungen so breitgetretenen Debatten im türkischen Parlament haben ihren letzten Grund nur darin, daß wir zu schwach sind und daher keinen Fürsprecher gefunden haben. Die Besiedlung Palästinas durch die Juden ist ein hohes türkisches Interesse, vor allem aber ein jüdisches Interesse. Für uns ist vorläufig Palästina kein Immigrationsland; noch immer wandert die Mehrzahl der Juden, die ihre persönliche Lage verbessern wollen, nach Amerika, aus dem alten in ein neues Goluth. Aber Palästina ist das Land, wo ein geistiges Zentrum, ein Kulturzentrum für die ganze Judenheit entstehen wird; und dieses Zentrum wird immer mehr Menschen anziehen, so daß in Palästina nicht nur die Judentumsfrage, sondern auch die Judenfrage gelöst werden wird, sobald einmal neue Möglichkeiten geschaffen sind. Wer nach Palästina auswandert, der will nicht seine ökonomische Lage bessern, sondern er will die Lage des Volkes bessern. Helden sind diese Pioniere, die ihr Leben gelassen haben, die ersten jüdischen Helden seit der Zeit des Galuth, deren Blut für die jüdische Sache geflossen ist. Mossinsohn schildert die Entwicklung des Kolonisationswerkes von ihren ersten Anfängen, die jetzige Blüte, die erst der Anfang, der Keim von Größerem ist, das wir erstreben müssen. In der darauffolgenden Debatte hatte Mossinsohn bei Beantwortung einiger Anfragen Gelegenheit, eine genaue Schilderung der Verhältnisse im Gymnasium zu geben. Er legte auch unter großem Jubel der Versammlung das Neue seiner Lehrmethode und die Prinzipien seines Bibelunterrichtes dar, und das Publikum hat seiner Sympathie durch herzliche Zustimmung Ausdruck gegeben. Für das Gymnasium herrscht hier jetzt großes Interesse und es sind durch Zeichnung von Anteilen schon 5000 Kronen aufgebracht. Das ganze Judentum sollte erkennen, welche große Bedeutung diese erste nationale Erziehungsanstalt hat. Den Männern, die dort wirken, gehört unser Dank und unsere Liebe. Czernowitz. Die akademische Verbindung Hasmonaea in Czernowitz hat eine Geldsammlung für die Opfer der blutigen Wahlen veranstaltet und das Ergebnis von 626 Kr. 40 h. Herrn Advokaten Dr. Moritz Rappaport, dem Kassierer des bürgerlichen Rettungs-Komitees in Drohobycz überwiesen, das der Verbindung seinen herzlichsten Dank ausspricht.

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