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Die Welt · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 42 -- - DIE3 Herzen und offener Hand. Freunde haben die chronologische Berechnung gemacht und den trefflichen Mann in einem Kreise auserlesener Genossen gefeiert. Niemand hat eine solche Ehrung besser verdient, als dieser edle Mensch, der seine Person nie vordrängt, und dem es nach seiner ganzen Art gewiß eine Qual war, die Lobreden und die Glückwünsche über sich ergehen lassen zu müssen. Herr Isaak Goldberg ist das, was man im guten alten Ghetto „ein feiner Baal-Baith" zu nennen pflegte. „Ein feiner Baal-Baith" — das war nicht ein spezifisch Intellektueller, das war ein Mann, der sich praktisch betätigte, der aber den Männern des Geistes nahe stand, der die Genies ehrte („mokir rabanan"), der mit Büchern und Schriften Verkehr pflegte, um neue Anregungen und Gesichtspunkte zu gewinnen und um nicht in die Alltagspraxis ganz aufzugehen. Sa ist auch Herr Isaak Goldberg ein großer Literaturfreund, ein Liebhaber und Verehrer unserer Nationalsprache, der trotz seiner vielen Geschäfte, seinen Berufspflichten die Minuten und die Stunden abringt, um dies und jenes zu lesen und alles zu erfahren, was auf dem Gebiete unserer Volksrenaissance geplant und gewirkt wird. ■ Im Bereich unserer Arbeit mag Herr I. Goldberg oberflächlichen Beobachtern als ein Mann scheinen, der keine alusgesprochene Richtung vertritt, aber dieser Schein trügt. Es ist wahr, seine friedliebende Natur ist von engherziger Parteinahme fern, alles lieblose, schroffe, leidenschaftliche Wesen ist ihm zuwider, aber im Stillen, und kleinlaut wie er itst, vertritt er die palästinensische Richtung mit einer Festigkeit ohne Großsprecherei, mit einer Geradheit und Wahrhaftigkeit, die ihm das Gepräge vornehmer Männlichkeit verleihen und die, wenn es nötig ist, keinen Rücksichten weichen. Es ist dies der richtige, konsequente und emsige Palästinenser im Zionismus. In steigendem Maße suchte und fand Herr Isaak Goldberg geistige Anlehnung in Palästina. Nachdem er vor vielen Jahren zum ersten Male den unendlichen Zauber, den unsere alte Heimat auf eine Seele wie die seinige üben mußte, erfahren hatte, zog er beinahe Jahr um Jahr dahin, um dort Grundstücke zu erwerben und um sich an der neuerstandenen jüdischen Kultur zu sättigen. Und wie opferwillig ist dieser Mann bei der organisatorischen Arbeit in den furchtbar schwierigen Verhältnissen in Rußland! Die beiden Brüder, Isaak und Boris, der erstere mehr nach der praktischen Richtung, der letztere auch nach der publizistischen und propagandistischen Richtung, haben jahrelang in 'hingebender Pflichterfüllung, in unermüdlicher und ersprießlicher Tätigkeit den größten Teil der Arbeit auf ihren Schultern getragen. Unbeschreiblich ist ihre Schaffenskraft und die Schaffensfreudigkeit. Wieviel Kummer, Sorge, Unannehmlichkeiten, Opfer! Mußte ja auch Herr Isaak Goldberg als Herausgeber des „Ha-olem" oftmals wegen der ungerechten Chikanen als „Angeklagter" fungieren! Mit welchem Gleichmut spricht er davon, daß er seine Strafe absitzen'1 müsse, er, |der Geschäfts-Globetrotter, für den jede Minute in seinem Berufsleben einen Wert darstellt. Ja, es ist erhebend zu sehen, welche Charaktere wir in unseren Reihen haben. Das Ideal ist es, das uns veredelt. So hat sich Herr Isaak* Goldberg die Liebe und Verehrung seiner Bekannten, die (Hochachtung und besondere Wertschätzung seiner Kollegen und aller, welche ihm näher stehen, errungen, ohne daß er es wußte, ohne daß er daran gedacht hat. Möge dieses Bewußtsein von nun an diesen kernhaften, ernsten und guten Menschen zu weiterer Arbeit anspornen! * * * [ELT 1107 Dr. Rubensohn. Die Goluthwelle hatte ihn von Rußland nach Deutschland geworfen, wo er in stiller Zurückgezogenheit seinem Beruf oblag und die heilige Flamme eines jüdischen Enthusiasmus im Herzen trug. Ich pflegte ihm in Köln zu begegnen,diesem Mann mit dem hageren, gelblichen, von harter Denkarbeit gezeichnetem Gesicht, mit den guten, klugen Augen, diesem kühlen, klugen, moquanten Raisonneur mit dem gedämpften, litauischen Sarkasmus, mit dem stillen, sinnenden Wesen. Im Tumult und Kampf des Tages, im Geräusch der Markttrommeln der Massenmenschen und der Massenarbeit bemerkt man kaum diese Menschen, die ihre eigenen Wege gehen. Nur ein kleiner Kreis lernt und schätzt sie; aber hat m;an sie einmal erkannt, dann prägt sich ihr Andenken tief ins Herz, und man vergißt sie nie. Rubensohn war der Typus eines „Maskil" aus dem alten „Bet-Hamidrasch", der sich zu einer höheren Bildung durchgerungen hatte. Kein munterer Kranz froher Jugend hatte ihm geblüht. Er wandelte einen Weg, den nur Dornen, keine Rosen umsäumen. All das überwältigende Weh, die ganze Tragödie eines nach Licht und Wissenschaft lechzenden Autodidakten hatte seine jungen Jahre erfüllt. Und er hatte endlich den Freiheitshöhepunkt eines akademischen Berufes erreicht, nicht um zu genießen. Er gelangte zu einer geistigen Sublimierung, zu einer inneren moralischen Größe, zu der nur die Auserwählten gelangen, die in sich alles überwunden haben. Er hat keine Bücher verfaßt und soviel ic% weiß auch keine Abhandlungen geschrieben. Er hatte wahrscheinlich für sich Notizen gemacht, denn sein Kopf war voller Ideen. Aber er ging nicht unter die Schriftsteller; er war zu kritisch angelegt und zu sehr in sich gekehrt. Er lernte, wie unsere Vorfahren immer zu lernen pflegten. Das Lernen war ihm kein Mittel zu einem Zweck; es war Selbstzweck. Er studierte unsere alte Literatur und ergötzte sich an den Schöpfungen unseres neuen hebräischen Schrifttums. Er lehrte auch seit seiner frühesten Jugend: er hatte früher, um sein Brot zu verdienen, gelehrt und hat auch bis zu seinem Lebensende von Zeit zu Zeit ohne jedes andere, als das geistige Interesse, Vorträge gehalten. Seine Vorträge waren ernst, beinahe feierlich. Rubensohn war eine tief religiöse Natur und gesetzestreu, wie kaum ein Orthodoxer. Aber er war auch zugleich tolerant, wie kaum ein Liberaler. Er haßte die Sündenfischer und Splitterrichter der anderen, verurteilte die Ausstellung von Zensuren über „fromm" und „unfromm". Er mochte die berufsmäßigen Priester nicht, aber er war selbst ein Priester von Natur. Er wirkte milde und versöhnend. Inmitten qualvoller Entbehrungen, leider zu oft von den Polypenfängen elendster Armut umkrallt — war er immer heiter und spendete Wohltaten, wo er nur konnte, heilend, lehrend, ratend. Lächelnd wandelte er auf der grauen Gasse der Not — es mochte in ihm jammervoll zucken, ein nagendes Heimweh nach dem gemütsvollen Ghetto, nach der jüdischen Gelehrtenstube — wo er eigentlich hingehörte — mochte ihn zuweilen erfaßt haben, aber nichts trübte die Heiterkeit, die vornehme, philosophische Ruhe dieses geistvollen Mannes, in dessen Seele man lesen konnte, wie in einem aufgeschlagenen Buche. Und eines Tages ginger und kehrte nicht wieder. Ein Zufall? Er spazierte gern und, kurzsichtig wie er war, spazierte er in den Tod hinein. Die Fluten des Rheines zogen den schwachen Körper mit dem leidensmüden Haupt hinein. Ein schau ervoll es Märchen. Ein edles, verklärtes Menschenleben fand hier ein jähes Ende, aber das Andenken; dieses Lebens wird nie in den Orkus der Vergessenheit versinken. Wer ihm näher gestanden, wird das Bild dieses seltenen Mannes in treuem Gedächtnis und ehrender Erinnes rung bewahren. N. S.

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