Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1106 ~ DJE2§KELT No. 42 „Lernen wir doch auch Ueberzeugungstreue an den Gegnern achten!" hat einmal ein großer Staatsmann gerufen: wie wenig ist dieses Wort beherzigt worden! Es ist kein Sfchimpf zu schlecht gewesen, daß man ihn nicht den Andersdenkenden anheftete. Wir Zionisten haben an uns die ganze Rücksichtslosigkeit der zügellosen Parteileidenschaft erfahren; wir verteidigten uns, wir waren zuweilen auch scharf, aber wir hielten es uns immer gegenwärtig, daß der Zweck der Parteien die Einigkeit und daß das höchste Ziel der Organisation die Erhaltung des Volkes sei. Möge die „Alliance Israelite Universelle" ihrer ursprünglichen Aufgabe eingedenk sein: die jüdische Nation ist nicht für die „Alliance" da, sondern die „Alliance" ist eine Form, die ihrem Berechtigungsgrund nur in dem Bestreben haben kann, die jüdische Einigkeit aufrecht zu erhalten. Deshalb muß — nicht den einen oder den anderen zu Liebe, sondern in Uebereinstimmung mit den grundsätzlichen Aufgaben — die „Alliance" durch und durch jüdisch, durch und durch volkstümlich sein. Dieses Prinzip muß durchgeführt werden. Sieger aber und Besiegter sind Genossen desselben Volkes. Wer hier leichtfertig: Vae Victis! ruft, der schlägt dem Volke selbst eine Wunde. Im inneren Leben der Nation kann es keinen Kampf bis zur Vernichtung geben. So notwendig der Streit der Parteien auf geistigem Gebiete ist, so unerläßlich die verschiedene Parteinahme in allen Fragen der Gesamtheit ist, ebeifso unselig wird die Parteisucht, wenn sie den Einheitsgedanken tötet und das Gefühl der Zusammengehörigkeit vernichtet, wenn sie die fremde Ueberzeugung nicht mehr achtet und die Meinungsverschiedenheit zur Feindschaft stempelt. Auf der Zinne des Erfolges sollte man nie dessen natürliche Schranken übersehen. Wer heute den Hammer spielen will, kann eher, als er wähnt, der Amboß sein. Der Kampf gegen die Ideen wird niemals verstummen; aber der Hohn gegen die Personen muß immer verletzen. Die Parteien sollen und müssen miteinander ringen; aber sie sollen auch über dem Parteihader nicht aufhören, immer nach dem Kompaß des Volkswohls zu blicken; und sie sollen niemals vergessen, daß die Parteien und Organisationen allesamt keine andere Aufgabe und Bedeutung haben, als den besten Weg zu suchen, um das Heil und das Gedeihen des Volkes zu sichern. Ein geistreicher Schriftsteller schrieb einmal r „Man kann ebensogut auf die allmählich erwachsene Umgestaltung seiner Ansicht stolz sein, wie auf die ungebeugte Treue gegen sich selbst. Am besten tut man, auf keines von beiden stolz zu sein." Und treffend fügte er hinzu: „Tatlosigkeit und Erstarrung sind vom Uebel; allein es gibt noch etwas Gefährlicheres: das ist die Scheinheiligkeit, das ist die selbstbewußte Selbsttäuschung, die im rastlos drehenden Eichhornskäfig herumwirbelt, ohne vom Fleck zu kommen und sich Wunder was von ihrer fortschreitenden Regsamkeit einbildet." Die „Alliance" steht vor der Gefahr dieser selbstbewußten Scheintätigkeit. Nicht irgendein Verzicht auf Emanzipations- Ideen tut not; ihre schärfere Betonung wird in Zukunft vielmehr noch dringender werden ais bisher. Aber die Formeln eines Programms, das für andere Zeiten geschaffen war, erschöpfen nicht mehr die Bedürfnisse der Gegenwart; eine wesentlich auf die Abwehr der Verfolgungen gerichtete Taktik, die nichts «erreicht, hat weder erhaltende noch werbende Kraft; eine Leitung, welche weder der Inbegriff der politischen Intelligenz, noch wenigstens durch den Erfolg gerechtfertigt ist, genügt weder für das Bisherige, noch für die Zukunft, und eine Organisation, die in eine Bürokratie erstarrt, ist der Verbesserung dringend bedürftig. Wenn sie nicht mit strenger Selbstkritik eine Reform in sich vollzieht, so wird sie zwischen anderen Organisationen wie zwischen Mühlsteinen zerrieben werden. Noch ist es Zeit, den Weg zum Bessern einzuschlagen. Wir wollen daran nicht zweifeln. Z w e i S e e 1 e n. In der russischen inneren Politik wohnen augenblicklich zwei Seelen. Die schwarze Seele sehnt sich nach den alten Zeiten zurück, in denen das Ministerium Hand in Hand mit der reaktionären Partei ging; die weiße Seele freut sich immer noch an der Idee der Verfassung, auch wenn dieselbe allenthalben in Stücke geht. Die schwarze Seele sieht ernste Gefahren im Schöße der Zukunft und verlangt zu deren Abwehr Repressalien; die weiße Seele ist des schönsten Vertrauens voll und kennt kein anderes Ziel als eine „ungestörte gesetzgeberische Arbeit". Die schwarze Seele ist in weite Kreise einer nationalistischen Wählerschaft gefahren und reizt dieselben gegen die „Fremden"; die weiße Seele sucht die Bedeutung dieser Agitation abzuschwächen und die ungefügen Parteigenossen zur Ordnung zu rufen. So geben sich jetzt einzelne oktobristische Blätter, welche von Anfang an selbst den Kampf gegen die Rechte schürten und jetzt vor ihrem Einfluß erschrecken, geflissentlich Mühe, die Stimmung zu dämpfen. Die früheren vielfachen Wahlkompromisse zwischen Oktobristen und Nationalisten erregen für die Zukunft Besorgnisse. Man könnte doch nicht, wo man gestern Lanzen gebrochen, heute gerührt rufen: „Soyons amis, Cinna!" Je nun, daß man dergleichen Wechsel unter Umständen fertig bringt, hat die kurze Geschichte der russischen Verfassung zur Genüge bewiesen. Denn wer hat noch vor drei Jahren die Nationalisten schärfer bekämpft als die „verfassungstreuen" Oktobermänner? Die Ausdrücke, welche die journalistischen Wortführer dieser Partei gegen die Aleksejew und Balaschew brauchten, sind nicht wiederzugeben. Und Augustus und Cinna sind doch später sehr warme Freunde geworden. Die oktobristische Presse hat auch wacker gegen die Rechte gekämpft, was sie nicht gehindert hat, derselben später bei vielen Fragen, welche die Juden betreffen, gerührt in die Arme zu fallen. Dann ist es wieder anders geworden; aber warum sollte nicht wieder eine Umkehr ebenso möglich sein? Es braucht nicht allenthalben die Liebe eine solche Annäherung zu bewirken; viele regierungstreue Oktobermänner werden diese Schwenkung vornehmen müssen, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe! Was für die einen eine Neigungsheirat, wird für die anderen eine Vernunftehe sein. Es ist zu befürchten, daß „Anion und Moab" Frieden schließen werden gegen . . . Israel. Ein Jubiläum. Unter den früheren Choveve Zion und jetzigen Zionisten, die in ernster, hochgerichteter Lebens-« arbeit für Palästina wie für alle unsere nationalen Ziele im öffentlichen Leben stehen, und ebenso in Tagen mächtigen Aufschwungs, wie in Zeiten schwankender Stimmungen mit Hingebimg, Kraft und Selbstlosigkeit auf dem Wege der Arbeit unermüdlich schreiten, nimmt Herr Isaak Gold-* berg-Wilna einen Ehrenplatz ein. Dieser bescheidene, äußerlich stille, innerlich gedankenvolle Mann, dessen spärliches Wort dem gleichfühlenden Freunde die reichen Quellen seiner inneren Ueberzeugung verrät. Dieser hastende, eilende, immer flüchtige, vielbeschäftigte Kaufmann, der abgebrochen spricht, zwischen den Zähnen irgendein Wort flüstert, wo die anderen lange Reden halten, und des Tages Minuten auszunützen weiß, nimmt schon seit 30 Jahren einen regen Anteil an palästinensischen und nationalen Bestrebungen, stets bereit, mit allen Kräften für die Volksinteressen einzutreten, voll tatkräftigen Gemeinsinns, mit offenem Auge, offenem