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Die Welt · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 42 D1EÄELT 1105 o r,- o II □□□□□□ o -- =s9 FEUILLETON □□□□□□ Notizbuch Der Wechsel in d e r P o 1 i t i k. Als Lord Palmerston auf dem Gipfel seiner Macht stand, hielt er gelegentlich eine Rede, in welcher er darüber spottete, daß man ihn mit der Kraft von Aladins Lampe begabt wähne, durch die er die Gemüter der ganzen Welt zu beherrschen imstande sei. In derselben Rede erklärte der Lord: „Was die romantische Idee betrifft, als ob Nationen oder Regierungen viel oder dauernd von Freundschaft oder Gott weiß was für Gefühlen gegeneinander beseelt sein könnten, ich sage, daß diejenigen, welche solche romantischen Begriffe hegen, und den Verkehr der Nationen nach dem Maßstabe des Privatverkehrs messen, in eitlen Träumen sich ergehen. Das einzige Ding, welches eine Regierung dem Rate der anderen willig macht, ist die Hoffnung auf einen bestimmten Vorteil, wenn sie den Rat annimmt, oder die Furcht vor den Folgen, wenn sie ihn ablehnt. Wir haben keine ewigen Beziehungen zu irgendeiner Macht; aber die Interessen Englands sind ewig, und diesen habe ich mein Leben gewidmet." Diese Worte verdienen es, jedem Politiker ins Stammbuch eingezeichnet zu werden. Die Politik ist „die Flucht der Erscheinungen", die eigenen nationalen Interessen — der „ruhende Pol". Jeder Versuch einer Dogmatisierung der politischen Mittel muß fehlschlagen. Programme gibt es nur für das, was ein Volk anstrebt, nie aber für die Wege, die Methoden und Mittel, durch die es seine Zwecke erreichen will. Die politischen EntWickelungen der letzten Zeit liefern einen schlagenden Beweis, wie unbeschränkt das Gesetz der Entwicklung und der Bewegung die ganze Weltpolitik beherrscht. Bündnisse, Ententen werden geschlossen und aufgelöst, Parteien kommen und gehen, Regierungsformen wechseln mit kinematographischer Schnelligkeit, bald ist es Portugal, das zwischen Monarchie und Republik hin- und herpendelt, bald wird das alte scheinbar seit Jahrtausenden erstarrte China zu einer neuen Republik! Und mitten im Frieden unternimmt Italien einen Feldzug, der ihm sogar in Deutschland übelgenommen wird. Welche Völker hätten eine ähnliche Geschichte überwunden, wie Deutschland und Italien. Beide jahrhundertelang mit dem Fluche der Zerrissenheit geschlagen, beide Länder nur zu oft der Tummelplatz der wüsten Eroberungssucht Fremder, beide durch die Kämpfe um Glauben und Kirche Menschenalter hindurch schwer heimgesucht und entkräftet, beide Völker endlich zum nationalen Bewußtsein erwacht, in gemeinsamen Kämpfen mit gemeinsamen Gegnern zu nationaler Einheit emporgestiegen — so könnten sich Deutsche und Italiener die Hände in einer neidlosen Freundschaft reichen, wie sie selten die Geschichte verzeichnet hat. Der italienische und der deutsche Nationalverein hatten früher die innigsten Beziehungen unterhalten, als die nationale Einigung noch als revolutionärer Gedanke in beiden Ländern verfolgt wurde. Nun ist Deutschland, die größte Militärmacht Mitteleuropas, ein Hort des Friedens, und Italien, das Land der Musen, steht in Flammen einer Kriegsbegeisterung! Wer vermöchte es noch, in der politischen Welt Programme aufzustellen? Fortdauer und vorwärtsstrebende Entfaltung — das ist das einzige unverrückbare Programm. Die „ewigen Interessen". Sie wechseln nur die Form; der Inhalt bleibt derselbe. Alte und neue Kolonisation. Bevor der Gedanke, die Regierung möge überseeische Kolonien anlegen, zum erstenmal ausgesprochen wurde, gab es schon eine große Anzahl von Ansiedelungen in allen Teilen der bewohnten Erde. Der Wandertrieb, welcher den Menschen innewohnt, brachte es mit sich, daß junge Leute, welche ihr Glück begründen wollten, die Heimat verließen, in welcher ein Ueberfluß an Menschen und Konkurrenz vorhanden war, und ihre Augen auf die außereuropäische Erde wandern ließen, um einen Fleck zu entdecken, auf welchem sich Fleiß und wirtschaftliche Befähigung ungehemmt und mit Erfolg entwickeln könnten. Viele Tausende wanderten für immer aus und gingen ihrem Vaterlande verloren; andere schlugen einen anderen Weg ein. Sie errichteten ein kaufmännisches Geschäft in irgendeiner Hafenstadt der neuen Welt, spähten aus, an welchem Artikel am leichtesten Geld zu verdienen sei, waren fleißig, unterwarfen sich den Sitten und Gesetzen des Landes und kehrten, wenn ihnen das Glück günstig gewesen war, nach einem Menschenalter als reiche Leute heim. Der junge Mann, der sich in der Fremde ansiedeln wollte, hatte vor seinen Mitbewerbern gar manche Vorzüge. Er brachte einige Sprachkenntnisse mit und fügte sich leicht in die herrschenden Sitten. Er ging schlechter Gesellschaft, die ihn in Spiel oder Raufhandel verwickeln konnte, aus dem Wege, denn er wußte, daß kein Gesandter und kein Kapitän eines Kriegsschiffes hinter ihm stand, der eine eklatante Genugtuung gefordert hätte, wenn er sich durch eigene Unvorsichtigkeit in eine böse Lage gebracht hatte. Er bemühte sich, durch Fleiß und Umsicht Erfolge zu erzielen, er brachte sich "vorwärts und nützte seinem Mutterlande, mit dem er in ununterbrochener Beziehung blieb. Er knüpfte Handelsverbindungen an, die noch erhalten blieben, wenn er die Stätte seiner Wirksamkeit verlassen hatte. Er hatte nicht das Bewußtsein, daß in jedem Streitfalle, möge er Recht oder Unrecht haben, die Kanonen zu seinem Schutze dröhnen würden. Was die Kulturnationen an Großem geleistet haben, ist bis jetzt in dieser Weise geschehen. Es war ein Naturprozeß; die Regierungen kamen erst hinterher. Jetzt ist der Spieß umgedreht worden: Annexion, Okkupation, hohe Politik, um dann große wirtschaftliche Erfolge zu erreichen. Uns will es scheinen, daß das erstere System das bessere war. AI Ii a nee. U eberall, wo ein Volk zu politischer Reife erwacht ist, werden Parteien notwendig und nützlich sein. Wer Partei sagt, der sagt Bewegung, Frische, Leben. Wo kein Parteikampf mehr besteht, da ist Stillstand, Stumpfheit und Verwesung. Aber der Gedanke an/die Partei muß seine Schranke an der Idee der Gesamtheit finden. Ob Judäer oder Israelite, ob Pharisäer, Zadukkäer oder Essäer, zuerst sagte jeder Jude: „Ibri anochi!4' Ob Patrizier oder Plebejer, zuerst sagte jeder Quirite mit stolzem Haupte: civis Romanus sum! Ob Anhänger der Oligarchie oder der Demokratie, zuerst war der Athener Bürger. Als die innere Parteisucht den Volksgedanken überwucherte, «da war es um die Freiheit Judäas geschehen. Die leidenschaftliche Uebertreibung des Parteigeistes hat über unser Volk seit Jahrtausenden schweres Unglück verhängt; sie ist es noch heute, die unseren Horizont umdüstert; sie hat auch jetzt eine Höhe erreicht, daß es nottut, die Erinnerung an die Tatsache aufzufrischen, daß die Parteien, welchen Namen sie auch tragen mögen, zusammen die eine jüdische Nation darstellen.

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