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Die Welt · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W.15, SACHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEOEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRG. BERLIN, 20. Oktober H91I vn^fr :."önn \s nsrn rvo rfia No. 42 ERWEITERUNG E Wer rückschauend die Entwicklung des Zionismus überblickt, wird erkennen, daß es gar viele und sehr verschiedenartige Quellen waren, aus denen die Gedankenreihen entsprungen sind, die sich, zahlreichen Bächen und Flüssen gleich, zu dem mächtigen Strom des modernen Zionismus vereinigt haben. Aus tausendjährigem Leid, aus dem verzehrenden Verlangen nach Heimkehr und Frieden ist jene Zionssehnsucht erblüht, die über den Abgrund der Jahrhunderte hinweg die Geschlechter des jüdischen Volkes verknüpft, die das Herz des deutschen Dichters Heinrich Heine wunderbar bewegte und es mit schwermütiger Liebe zu den Gesängen dies Jehuda Halevi erfüllte. Die messianische Hoffnung ist es, die eine stille Gemeinschaft aller Juden schafft und immer wieder jenen Willen zum Judentum, jenes zähe Festhalten erzeugt, das alle Plage überdauern muß. In dem gehetzten Liuftmenschen des osteuropäischen Ghettos wie in dem wohlhabenden jüdischen Bürger Westeuropas lebt etwas von dieser Sehnsucht, und wenn die Stunde käme, in der sie, ungehemmt durch zahlreiche Widerstände und Bedienken, in Worten und Taten Ausdruck finden könnte, so würde die Welt erfahren, daß ein großes jüdisches Volk lebt und daß seine Hoffnung nicht gestorben ist. in der traurigen Lage, in der wir uns befinden, gibt es leider allzu viele Momente, die den Bekennermiut und die Tatenfreudigkeit der Juden lähmen. Grausamste Verfolgung der Massen, Unterdrückung des Selbstbewußtseins, des eingeborenen nationalen Stolzes, halten noch immer die Mehrheit unseres Volkes von dem Bekenntnis ihres jüdischen Volkstums zurück. Noch immer sind unsere Reihen, nicht stark genug, noch immer unsere Mitte] zu gering, um in rascherem Tempo als bisher vorwärts schreiten zu können. Deshalb müssen wir alles aufbieten, um durch gewaltige Propaganda unsere Ideen zu verbreiten, die Stumpfen aufzurütteln, die Skeptiker zu überzeugen, den Mutlosen das Feuer der Begeisterung in die Seele zu gießen. Unsere Propaganda ist aber eine Kunst, die verstanden sein will. Sie muß an die ursprünglichen Ennpfindungen des Volkes, an die große Zionssehnswcht rühren, sie muß aber zugleich Mittel und Wege angeben, )ER PROPAGANDA wie das Ideal zu verwirklichen ist. In unserer iZeit, die so ganz von praktischen Interessen, von Kolonialpolitik, sozialen Forderungen, technischen Errungenschaften erfüllt ist, müssen wir ein System des praktischen Zionismus schaffen, das sich der modernen Zeit anpaßt und mit ihren Bedingungen rechnet. Aus dieser Forderung entspringt die Vielgestaltigkeit unserer Argumentation, die Mannigfaltigkeit unserer Gründungen und Institutionen, die in ihrer Gesamtheit die zionistische Weltorganisation ausmachen. Wir gehen in der Betrachtung der Judenfrage gewöhnlich von der materiellen Judennot aus. Wir folgern aus den i unerträglichen Daseinsbedingungen unseres Volkes, daß nur die Schaffung eines geschlossenen Wirtschaftssystems, die Umbildung des jüdischen Lebens in ein normales Volksleben die sozialen Schäden heilen kann. Doch haben wir erkannt, daß die philanthropische Methode nicht imstande ist, diese Umbildung zu bewirken. Und wenn wir auch viele Hilfsmaßregeln der philanthropischen Gesellschaften für nützlich, ja für unentbehrlich halten, so wissen wir doch, daß nur der nationale Gedanke imstande ist, die Kräfte und Mittel zu erzeugen, die jenen langsamen Gestindungsprozeß unseres Volkes bewirken können. So wächst unmittelbar aus dem Streben nach Verbesserung der Notlage unserer Brüder der Palästinagedanke empor, denn nur die unablässige. Arbeit in und für Palästina vermagdie nationalen Kräfte zu entfesseln, die wir für unser Werk brauchen. Aber der jüdische Nationalismus ist uns nicht nur Mittel /um Zweck. Er ist uns Selbstzweck, denn er befreit uns von den Qualen der sittlichen Judennot, unter denen wir alle in Ost und West tief leiden. Die Heimkehr zu unserem Volke ist uns seelisches Bedürfnis, wir schließen uns an die Gemeinschaft der Nation an, weil wir unserem Einzeldasein Halt und Würde verleihen wollen. Diese Gedanken, die in der zionistischen Propaganda immer wiederkehren, haben im Laufe der Zeit manche Um- und Ausdeutung* erfahren. Ihre Begründung im Einzelnen hat sich geändert, neue Gesichtspunkte sind hinzugetreten und gegenwärtig bemerken wir, wie die wissenschaftliche Forschung uns reiches Material für den Gedankenbau des Zionismus liefert. Durch Zollschans Werk über die Rassenfrage ist ein neues Moment in unsere

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