Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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so war das ja augenscheinlich ein Geltendmachen des palästinensischen Zentrums, wie es kaum eklatanter gedacht werden kann. Daß der Golus-Jude mit dem Festesstrauß in der Hand, mit dem grünen Zweigbüschel, der doch ein Erntekranz ist, mit Myrte und Bachweidestengeln, Gott bittet, seine Garben zu vermehren, ihn vor dem „Chamsin" zu schützen und seine Kühe gut kalben zu lassen, dem Hörne Heil zu verleihen, die Pestluft vom Acker zu hemmen, die Saaten vor Kornbrand, Mehltau und giftigen Nebeln zu bewahren, das Wachstum der Wälder, Weinberge und Felder zu fördern, daß er von Spaten und dreizinkigen Gabeln spricht, wäre einfach komisch, wenn nicht der unerschütterliche Glaube bestände, daß diese Vergangenheit wieder zur Gegenwart gemacht werden müsse. Das ist die Sprache, die die Palmzweige zu uns reden; das ist unser Ruf: „Hoscha-na". Hilf uns doch, großer Gott, daß wir auf unserem Boden arbeiten können, gib uns Heil, daß unsere Arbeit gesegnet sei! Die anderen haben sich unsere Palrnzweige und unser Hoscha-na zu eigen gemacht, aber wie verschieden sind ihre Wege von den unserigen! . . . * * * Kolonialpolitik. Die Welt steht augenblicklich im Zeichen des Kolonialgestirnes. Die mächtigsten Reiche und die hervorragendsten Völker des europäischen Abendlandes überstürzen sich im Wettlauf nach dem Besitz außereuropäischer Gebiete, und die hochgebildetsten Vertreter der weißen Rasse fühlen plötzlich eine unbegrenzte Sehnsucht nach ihren kulturlosen farbigen Brüdern. Keine Küste ist zu versteckt und kein Hinterland zu unbekannt, kein Sand ist zu tief und kein Boden zu feucht, keine Sonne zu heiß und kein Fieber zu drohend, um die erwachte Lust zurückzudrängen, auf fremder Erde Kolonien zu gründen und dem Mutterlande umfangreiche Territorien und neue Untertanen einzuverleiben. Eine ideale Schwärmerei schrickt vor keinen Hindernissen noch Schwierigkeiten zurück, Um den Kulturbestrebungen das Wort zu reden, und alle möglichen Beweggründe werden ins Feld geführt, um den Streit gegen den besonnenen Gegner zu eigenem Vorteil auszufechten. Ueberbevölkerung in der eigenen Heimat, Erweiterung der Handelsverbindungen durch Eröffnung neuer Wege für den Absatz der Erzeugnisse der vaterländischen Industrie, Anlagen ausgedehnter Plantagen in vegetationsüppigen Gegenden, Ansiedlungen ackerbautreibender Landsleute in unbebauten Paradiesen, Goldbergwerke und Elephantenjagden, daneben die Ausbreitung des christlichen Glaubens unter heidnischen oder mohammedanischen Ureinwohnern, Humanitäts- und Kulturmissionen unter staatlicher Aegide, wissenschaftliche Studien auf den Gebieten der Geographie, Ethnographie und Naturkunde, das sind die blendenden Schlagwörter, welche in Schrift und Wort von den begeisterten Vertretern der modernsten europäischen Kolonialpolitii: der großen Menge entgegengerufen werden, um die allgemeine Teilnahme dafür zu erwecken und die notwendigen Mittel zu gewinnen, der Kolonialidee eine greifbare Gestalt zu geben, mit anderen Worten den überschüssigen Teil der Bevölkerung zu veranlassen, nach den neuerworbenen Gebieten auszuwandern und in gemeinsamem. Verbände Kolonien zu gründen. Einer nach dem andern von den halbzivilisierten Staaten des Orients wird in den Machtbereich der großen europäischen Kolonialmächte hineingezogen, um entweder nach kurzem Widerstande sofort der Einverleibung zu verfallen oder langsam als Vasallenstaat in die Annexion hinüberzugieiten. Neuere Staatskunst, die dem Wesen nach kaum anders verfährt als die ältere, sucht diesem Verfahren eine Form zu geben, welche die tatsächliche Regierungsübernahme des „Barbarenlandes" durch den zivilisierten Staat möglichst verschleiert. Oesterreich und England hatten einmal „im Auftrage des Sultans*4' die Verwaltung von Bosnien und Zypern übernommen, und Frankreich hatte den Bey von Tunis zuerst mit Waffengewalt gegen seine gefährlichen Untertanen, die Chrumirs, geschützt und dann den in altem Glänze scheinbar fortregierenden Herrscher der materiellen Regierungssorgen freundlichst enthoben. Das war der Anfang der sogenannten Marokkopolitik. ... In den Eingeborenenstaaten, welche dein indischen Kolonialreiche eingesprengt und benachbart sind, pflegt sich die englische Macht mit dem Einzüge eines Residenten festzusetzen, der an Machtfülle allmählich zunimmt, wie das bekannte Hausteufelchen, dem arglose Seelen ein Plätzchen an ihrem Herde gegönnt haben. Erst ist der Resident ein freundlicher Berater, dann entwickelt er sich zum strengen Vormund, urn schließlich als unumschränkter Herr im Hause zu walten. Asiatische Fürsten könnten über die naturgeschichtliche Entwicklung dieser Residenten manches Ergötzliche erzählen. Man darf jedoch nicht vergessen, daß England eine kulturelle Großmacht ist, deren Errungenschaften Triumphe der Zivilisation über die Willkür, die Gewalt, die Rechtlosigkeit und die Unwissenheit darstellen, daß diese Großmacht eine Pionierin der Arbeit und der wirtschaftlichen Entwicklung ist, die stets mit gewaltiger Hand die Ketten der Knechtschaft zerbricht. Dieser edlen, freiheitsliebenden und freisinnigen Nation ist es schon lange gelungen — was die deutsche Weltmacht jetzt ebenfalls mit großer Energie und großem Erfolg zu machen beginnt —, ihre Kolonisation in die Formen von Mustereinrichtungen zu bringen, welche der Menschheit der Gegenwart als ein Beispiel schöpferischen Gewerbefleißes voranleuchten werden. Aber, wie der alte Koheleth sagte, alles hat seine Zeit. Nach der Evolution — die Katastrophen. Das schöne Italien ist im Grunde doch ein Land der Erdbeben und der Vulkane. In katastrophaler Form haben also die Italiener die Konsequenzen der allgemeinen Kolonisationspolitik gezogen. Die Theorie ist ja alles weniger als originell. Bekanntlich haben die Völker Europas mit dem „Humanitätsdusel einer schwächlichen Zeit" gebrochen und ihre nationale Größe über aües gestellt. Bekanntlich nehmen alle Völker rücksichtslos ihre Interessen wahr und richten ihre Wirtschaftspolitik nicht mehr einer abstrakten Theorie zu Liebe ein, sondern fragen ausschließlich danach, was ihnen Vorteil bringt, und verhalten sich völlig gleichgültig dagegen, ob es anderen auch nützt und gefällt. Sie pflanzen ihr Banner in Afrika und in Asien auf; sie sind stets auf der Wacht, um jeden Vorteil zu erspähen, der sich ihnen bietet. So ist es einmal und da hilft kein Protestieren. Mitten unter den Waffenlärm, der die Welt ausfüllt, mitten unter den Schlachtgesängen, mit denen Franzosen ihre Siege um Fez und Spanier ihre Erfolge im Riff verherrlichen, mitten unter den Kämpfen um neue Zölle, Gebietsabtretungen, Interessensphären und dgl., mitten unter all diesen brausenden, tosenden Erscheinungen eines Realismus — was bedeuten Moralpredigten und wo ist unter den arischen, christlichen Völkern Europas das Volk, das, ohne zu erröten, die Rolle des Moralpredigers übernehmen könnte? Trotzdem hat der Gewaltstreich Italiens ein Verdammungsurteil seitens Europas erhalten, das auch mit Erstaunen erfahren hat, daß das Angebot einer Vermittlung zurückgewiesen worden sei. Nicht die Sache selbst, die Unverfrorenheit ihrer Ausführung hat Befremden hervorgerufen. Die Unverfrorenheit und die Pose. Die „Kriegsbegeisterung" ist doch wirklich etwas, worüber die alten Götter Roms lachen müßten. Man möchte sagen: das Epos eines Geschäftsreisenden. Erstens ist der Feind abwesend, „sechs türkische Soldaten und sechs Israeliten" (letzteres auch eine Waffengattung?) müssen als