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Die Welt · 1911-10-13 · 41 (13.10.1911) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
41 (13.10.1911)
Date
1911-10-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No 41 DIEÄELT 1081 Kari'Oraenftit:t« r herhalten, sie werden aucli mit großen militärischen Einem bestattet — die armen „sechs Israeliten"! Zweitens ist das ganze Geschäft auch noch von einem sehr zweifcllhiiiffien Wert. Man sagt, daß Tripolis nicht bloß die Kostem sieiraer Verwaltung aufbringen, sondern einen bedeutenden Rein Überschuß abwerfen werde. Die Rechnungen, die mar im diesen* Hinsicht aufstellt, sind jedoch völlig wertlos, denn es fehlt ihnen jede sichere Unterlage. Die hiesige „Nationd-Zeitoiriig'* führt in dieser Beziehung uns, die Zionisten, als Z«ii£eni an, daß „nicht einmal die Zionisten Cyrenaica nehmen wcdI \tetiuc. Diese Kompetenz, deren Anerkennung sehr schnneichelrifflft sein mag, braucht man gar nicht erst anzurufen. iHan weiß auch sonst nicht eintruil genau, wie groß Tripolis ist und wieviel Einwohner es hat, und die Angaben, welche <laiii!ber gemacht werden, weichen in manchen Einzelheiten vorn Einfachen bis zum Doppelten voneinander ab. Mar sa^rt schließlich, Italien schulde es seiner Ehre, Tripolis zu annektieren, da es doch einmal wirtschaftliche Interessen hat und weim es Tripolis nicht erobern;, werde man ihm Wankelmut vorwerfen. Wenn man diese Anschauungsweise als berechtigt anerkennt, so gibt es keine Regierung und keime Selbstbestimmung der Völker mehr und irgendein wirtschaftliches Interesse könnte jedes Land zui einem Erobererstaalt wider Wüllen machen. Muß man eine als irrig und gefährlich erksanmte Politik weiter verfolgen, um nicht wankelmütig zu werden, so würde ein Zufall oder ein erster Fehler genügen,, im die Handelsfreiheit eines La «dies für immer in Fesseln tu. legem. Oder vielleicht ist die hohe Politik nur uns unzugänglich? Unsere Auffassung. Auch wir stehen im Zeichen des Kolo*nialg«stirnes, aber unsere Auffassung ist eine ganz andere. Niichl Machterweiterung, sondern Bodengewinnung, iiichtr Expamsion, sondern ein Zentrum für unsere Energien, nicht erotische Abenteuer und Allerwel tsprojekte, sondern Heiinatsditnisnichr, nicht ein Ansinnen gegen irgendeine Regierung, sondern ein friedliches Schaffen im. Rahmen gerechter Gesetze. Es ist ein Jammer, daß all diese halben und ganzen Annexionen die Türken in dem Vorurteil bestärken, daß jedes kolonisatorische Beginnen und jede ökonomische Entwicklung eingewanderter Elemente mit eiserner, fataler Notwendigkeit zu Gebidsverlusten führen. Ein Vorurteil? Nein, es ist ja richtig und es vergeht ja kaum ein längerer Zeitraum, ohne dal) die Richtigkeit dieser Behauptung durch neue Tatsachen erhärtet wurde. Hier liegt die Quelle der Angst und des Mißtrau eins den Fremden gegenüber und daran leiden wir, wie jene ,„sechs Israeliten" von Tripolis — das historische Sündopfer. Das ist die Tragödie der Türkei: sie hat es nicht vermocht, iluxi Provinzen zu kolonisieren und. wie jämmerlich sieht es. En diesen Provinzen aus! Küsten ohne Leuchttürme, ohne Hafen, ohne irgendeine Anstalt für den Handel, von SchnBUtz sla.rrende Städte mit verfallenen Häusern und einem Wirrwarr voora Straßen, Länder, in denen es leine Verkehrswege gibt, eine Bevölkerung, die aus Mangel an Sicherheit keinen LinterneliiBittnigsgeist hat, die Aecker — sogar in der nächsten Nähe d!er IR.esid.enz — brach liegen läßt und inmitten der reichsten Natur dn Lumpen umhergeht und hungert, schlechte Finanzen, eiine verwahrloste Verwaltung und Rechtspflege, ein Beamtentum., welches das Volk bis aufs Blut aussaugt und an dtem Staaitssackel nichts abführt — das war das allgemeine Bild der Verhalltnisse. Und nun sollte »es anders werden. Aber wie? Worte allein genügen ja nicht; Kapital, Menschen, Gewerlbcfeilfi-, Liebe für das zu bebauende Land und bürgerliche Tilgenden sind dazu notwendig. Das muß einmal begriffen werden. Wenn alles s;cin»e Ztdt hat, wird nicht auch das Verständnis für diese so ein fa die Wahrheit seine Zeit haben? Solidarität. Ein Wort zur rechten Zeit hat der Verfasser des Leitartikels im letzten H«e;itt der Monatsschrift „Ost und Westa gebracht. Der Verfasser dieses Aufsatzes betrachtet es als seine Pflicht, unter deen westeuropäischen Juden für die in Rußland lebenden Brüder Sympathien zu wecken, deren diese, in ihrer Isolierung dem tfcortschreitenden „verstaatlichten" Antisemitismus rechtlos: preiisgegeben, dringend bedürfen, um sich aufrecht und vridiers-tandsfähig zu erhalten. Die Judenheit in den slavischem Läindern ist die Grundlage unseres Volkstums, die durchaus geireetttet und erhalten werden muß, und dieses Postulat ist [keine l»eere Gefühlspolitik, sondern ein nicht ohne Gefahr zu überhörender Mahn- und Weckruf, das brennende Nachbarhaus zu löö»s*chen, damit ein Brand nicht auf das Dach des eigenen humüberfliegt. Um das irn ganzen in letzter Zeit nicht allzu lebhafte Interesse unter den westeuropäischen Juden für das Sdhücfeal der schwerbedrängten Leidensbrüder in Rußland anzuregeM, und von der richtigen Ueberzeugung ausgehend, daß solches sich nur auf der Erkenntnis der realen Verhältnisse aufltanien könne, gibt nun der Verfasser einen interessanten lUeberbBtclc der beschränkenden Gesetze und Vorschriften seit dem Beeginn der neuesten Verfolgungen bis in die letzten Tage dler schmachvollen Drangsalierung und Gefährdung der jüdischen Existenz sowohl irn Ansiedlungsrayon wie auch aufterlhajl! seiner Grenzen. Wenn die seit Ignatiew einander uinwntfffflhrochen folgenden Repressalien und die sich unter deiü verschiedenen Aeren in den gewagtesten und gewalttätigsten V-mvaltungs-Experimenten zeigende judenfeindliche Teixternz cd»cr Bureaukratie für den westeuropäischen Beobachter sich im ein unerquickliches Getümmel zusammen wirren, sogenügt d:ie Kenntnisnahme dieses vom Verfasser entworfenen, iai präignsantten Zügen dargestellten „Schlachtenbildes", um vollständige Kllarheit und Einsicht in die verzerrten Verhältnisse zu gewinnen, umd zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß dort die Jindenheit auf der ganzen Linie des physischen und geistigen, des -wirtschaftlichen und kulturellen Lebens vergewaltigt und daltt nur die Entfesselung des allgemein-jüdischen Geistes mnd dsas Bewußtsein des Einsseins mit den verfolgten Brüdern idüe stündlich wachsende Hochflut der Unterdrückung zuriiieinzudämmen vermag. Eine allgemein-jüdische Vereinigung wäreder erste Schritt zum Bessern. Wem das Pflichtgefühl aber nationalen Sittlichkeit klar ist, welches die Preisgebung dler Stammesbrüder als „Todsünde" der Völker brandmarkt, cler-eiu Ahndung die unerbittliche Geschichte nie vergißt, wein ein warmes Herz in der Brust schlägt, der wird sich foestimnint einer solchen Aktion anschließen, für den Fall, iveram es gelingen sollte, einen Mittelpunkt aller derjenigen zu schafiPen, welche triebkräftige jüdische Solidaritätsgefühle offenbarem wollen. Das war ja auch unsere, der Zionisten, Idee, in Krüssel 1906, die vielleicht jetzt einen günstiger Boden finden wird. * * * Rechtsari w alt Wassili Harkav y. Rasch und sanft ist der Tod an diesen edlem iWlenschen herangetreten, aber er hat ihn abberufen auis einerm Leben, dessen letzte Periode für ihn schmerzensvoll war. Ein Moskauer jüdischer Führer! Seine Jugend fiel in eiirae Z«eiit der idealen Auffassung des Menschentums, in welcher alile uvahrhaft Gebildeten erzogen wurden in dem Gedanken d«er brüderlichen Liebe aller Menschen zueinander. Aufklärung- und Gleichberechtigungsbestrebungen. Dieser allgemeimen Abfassung entsprach auch sein persönlicher Standpunkt: ihm waren alle guten Menschen gleich lieb, alle Bedrängt«n gleichmäßig der Hilfe wert,

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