Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 41 DJEia^KELT 1079 Presse'*, zum Anlaß, eine -wutschnaubende Interpellation im Abgeordneteribause gegen dteses; Blatt einzubringen, einen Amtrag, der im Deutschnationa'kera Verband mit allen Stimmen gegen die einzige dess getauften Juden Redlich angenommen wurde. Main denke sich nun die Katastrophe: Der „Neuen Freiendie saeIIb»srt das Deutschtum des seligem Teut im Vergleich zu dem ilniiigen zu bezweifeln geneigt wäre, werden deutschfeindliche Moitiv<e unterschoben, und ihr eimziger Beschützer ist ein in seiimem Deutschtum wie in seineini Liberalismus gleich zweifelliiatfter Kumpan . . . Wären nicht gleichzeitig' iie Schüsse von der Galerie des Abgeordnetenhauses g$r\l en den Justiz minister Dr. von Hochenburger gefallen, wäre nicht gleichzeitig die Rauferei in der S iii in 1 >e n h a 1 l e des Parlamentes zwischen deutschen KultuirAr-ägern und czechischen Müttenn in Anwesenheit von Schulkirodfaerm gewesen, die Sache hätte d i e Aufmerksamkeit gefunden, (Iis sie verdient. So aber war es möglich, sich um die grenzenfloose Blamage und den erbarmungslosen Fußtritt ein wenig herumzudrücken, und nur die wenigem ihrer Würde bewußten Juden;halten die Genugtuung zu sehein, daß würdeloses Kriechen selbst bei einer geistig und moralisclh nicht allzu hoch stehendem «Gesellschaft die entsprechende Würdigung findet. Ernst Schneider — Leiter des niederösterreichischen Schulwesens An die Spitze des niederösterreiclhischen Schulwesens ist Herr Ernst Sehn eticieir gestellt worden, d e r f a m o s e Erfinder des ,,S c h u!B g e 1 d e s auf Judenköpf e". Es ist dies keine Emtoe und vollkommen verbürgt durch das Protokoll des niederösterreichischen Landtages. Der Mann, den selbst der in seinen Mitteln durchaus nicht wählerische Lucger als zu niedrig sttehend für irgendeine offizielle Funktion ansah, ist heute — Landesausschuß und Verweser des niederösterreichischen Schwhvesens! Uns Juden kann die Sache nur recht sein. Weinn es noch irgendeines Beweises bedürfte, vves Geistes IG tider in Oesterreich maßgebend sind, so wäre dieser Beweis jdzjt erbracht. Diejenigen unserer verehrten „Glaubensgenossen*6 anloer, die von einem Abflauen des Antisemitismus, von einer HIoMfnung auf langsame Annäherung der Parteien faselten, wird diese Wahl Schneiders, die ein Faustschlag ins Gesicht -der (Juden eein sollte uiud zu ein ein Faustschlag ins Gesicht der K'iJtur wurde, hoffentlich überzeugen, daß die Zeit des alrteit Liiberalismus heute — glücklicherweise — ferner ist denn je. Olf □□□□□□ o o \S —O FEUILLETON =*S o □□□□DD II O O JJ o Notizbuch Tagest' rage n: Alles hat seine Zeit, sagt Koheletln, der während der gegenwärtigem Feiertage in den Synagogen gelesen wird, und er erläutert düesen Satz, der eine wichtige Grundlage aller geordneten menschlichen Tätigkeit bildet, am einer Fülle von lehrreichen Beispielen. Ganz vollständig hat seine Aufzählung nach der Natur der Sache nicht werden können, und wir ergänzen seine Beispiele durch eines, weichers aus den Bedürfnissen der h euu tigen Zeit entnommen ist. Mut den öffentlichen Angelegenheiten sich beschäftigen hat seine Zeit, und Feste feiern haü auch seine Zeit. Im Zeitalter der Eisenbahnen und Telegnappflie n hat die Teilnahme des Einzelnen arn öffentlichen Lehern, einen Umfang angenommein, von welchem man früher :sich keine Vorstellung machem konnte. Zu wissen, was in <!er Zeitung steht, hat aufgehört, ein Vorrecht der Begütertem zu sein; für wenige Pfennige dringt ein Blättchen in die entlegensten Dörfer. Es handelte sich dabei auch nicht mehr mrin die Befriedigung einer mäßigem Neugier; unser Schicksal häingt zuweilen an den Ereignissen, die sich in Nordafrika odeir an der albanischen Küste volDziehen. Die ganze Menschheit ist ein einziger Organismus, und je vollkommener derselbe v/ird, desto mehr ist das Wohflbefinden jedes einzelnen Org iuris von dem aller übrigen abhängig. Es gibt keinen Fle<± der Erde mehr, an welchem vollkommen Ruhe und Sorglosigkeit herrschen kann, wenn auf einem weit davon entlegenen IFIlecke die Kanonen dröhnen. Es ist beinahe schwer, jetzt über etwasanderes zu denken, als über Tripolis. Man lebt jetzt unter (fier Alleinherrschaft der letztem Aktualität. Vor zwei Woclhen war es Stolypin; heute ist Stolypin eine alte Geschichtt«:, fast Archäologie; Tripolis ist die Sensation des Tages. iWoqr.en ist vielleicht auch Tripoliis schon eine abgedroschene, I anujweilige Geschichte. Alles hat seine Zeit. Nur wir Juden sind unverbesserliche Idealisten, grübelnde Zwecksucher. Es scheint uns immer, daß die Dinge einem Sinn haben müssen. Was wiürcii in der Tat alle die buntem und wechselnden Ereignisse odieser Welt wert, wenn in demselben nicht ein stetiger uind unvergänglicher Kern steckte;, für weichen freilich der eine- «Liese und der andere jene Forini suchte, in betreff deren aber .alle übereingekommen sind, sie als die sittlichen Ideen zu bezeichnen, welche dte Menschengeschiehte bewegen? Einzelheiten, die von den aindleren kaum bemerkt werden, sind für uns die Hauptsachen, »während die Hauptsachen der anderen uns nebensächlich schciiinen. Die Palmenzweige, die das jubelnde Vcslk R<nms seinen Soldaten, und Matrosen entgegentrug, die nach Triifuolis zogen, wachsen in unserer Perspektive zu Symbolen aus,, 'welche das große Mißverständnis, um nicht zu sagen die grolUe Fälschung veranschaulichen, der unsere Ideen zum Opfer fLeiern.. Palmenzvveige und Hosianna! Da sind wir doch granz: zu Hause! Das ist doch unser Sukkoth, unser Hoschanah-i.'fclfrbah! Der Segen der Fluren ist in die Scheunen eingefahren die Felder sind leer und der Herbstwind streicht über die Stoppeln. Nun ruht der Landmann einen Augenblick von der Arbeit, aber er unterbricht dieselbe nur, um den Abschluß 4er glückli-h beendeten Ernte zu feiern. Da erschalltn laich frühliche Lieder, laute Freudenrufe, die sprichwörtliche Erntewonne (jes. 9, 3) gelangt zu vollem Ausdruck. Der frfalbfesttag Hoschanah-rabbah mit seinen Gebetsformeln, die odas Pflügen, das Worfeln und Sieben, die Wein- und Obstlese, die Worfschaufel („mizreh"), die Schippe („rachath"), die IHacke und Karst, dje Erdgewächse und die Fruchtkörbe, kurz: den ganzen Akzessorienkram und die ganze Arbeitstechnik p&lä.sttinensischer Juden mit einer so deutlichen Plastik beschreiben mnd zugleich Gott anflehen, den Boden „vor tauloser Dürre zti schnitzen", vor heißem Ostwind, der die Aehren versengt (1. Mos. 41, 6) zu schirmen, die Garben zu vermehren" — hiihirt uns die Palmenpoesie zu Gemüt. Hoscha-na (Hilf doch!) 'wurde von dem die grünen Zweigbüschel tragenden Volke wind bei den festlichem. Umzügen um den Altar ausgerufen — Schnitterlieder waren es, Begeisterungsrufe eines n.ationail-en Ernte- und Damkfestes, eine Kirmes — ohne frivole Ausgelassenheit, eine Kirmes eines glaubensstarken, aber auch lebenslustigen und arbeitsfreudigen gesunden bodenständigen Yo»lkes. Das sollte amch so bleiben. Im Laufe vieler Jaliirhunid.crte haben unsere Dichter und Liturgiker dieselben Motivs nicht nur aufrecht erhalten, sondern in derselben von einem Wiirklichkeitssinn erfüllten Naturrichtung weiter entwickelt, und wenn man in die zweite Benediktion des Hauptgebetes dk Foirmiel: „Der wehen laßt den Wind und Regen fallen läßt" füir (die Regentage, wie der Winter in Palästina heißt, eingeschoben hat,