Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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rechten Parteien eingereicht werden konnte. Ein Führer der Nationalisten, Abgeordneter Krupewsky, kritisierte sogar in der „Nowoje Wremja" die Maßlosigkeiten des Memorandums, die der guten Sache nur schaden könnten. — Demgegenüber erklärte ein anderer Führer der Nationalistenpartei, der sattsam bekannte M e n s c h i k o w , daß die Deklaration höchstens gewisser redaktioneller Aenderungen bedürfte, dem Inhalte nach entspräche sie aber den Anschauungen aller national gesinnten Russen und den vitalsten Interessen des russischen Volkes. Dieser Erkenntnis werde sich der Premier- Minister nicht verschließen können, wenn er sich nicht in Gegensatz zu dem urwüchsigen Nationalismus der vielen Millionen Russen stellen will. — Die liberale „Rjetsch" äußert die Befürchtung, daß die Majorität der Duma die Deklaration akzeptieren werde. Freisprechung Korngolds Dieser Tage fanden die Gerichtsverhandlungen in Sachen des Kiewer Studenten Korngold statt, der angeklagt worden war, ein Mitglied der revolutionären Organisation der „Poale- Zionu zu sein. Korngold wurde freigesprochen. Zur Kiewer Ritual mordhetze Vor kurzem hat sich der Zeuge, der Juschtschinsky am Tage der Ermordung um neun Uhr morgens in der Nähe der Safzewschen Ziegelfabrik gesehen haben wollte und dessen Aussage bekanntlich zur Erhebung der Mordanklage gegen Saizevvs Angestellten B e i 1 i s führte, wieder bei der Untersuchungsbehörde gemeldet und seine frühere Aussage vollständig zurückgenommen. Er erklärte, das ursprüngliche Zeugnis unter dem Einfluß ihm unbekannter Personen abgelegt zu haben, die ihn mit Branntwein bewirtet und ihm Geld gegeben hatten. Tolmatschows neueste Leistungen Wie erinnerlich, hatte Tolmatschow seinerzeit, als die Odessaer Dumaersatzwahlen mit einem Sieg des jüdischen Rechtsanwalts Brodsky endeten, den glücklichen Einfall, gegen den Vertreter des freisinnigen, fortschrittlichen Odessa einen Prozeß wegen Aneignung eines falschen Namens" anzustrengen. (Brodsky hatte nämlich, wie dies übrigens in den „intelligenten'* jüdischen Kreisen Rußlands häufig vorkommt, die Schwäche, seinen jüdischen Vornamen ein wenig zu russifizieren.) Das Stückchen gelang. Der Legitimationsausschuß der Reichsduma machte dem neuen Abgeordneten gewisse formale Schwierigkeiten, da dessen Identität in Zweifel gezogen worden sei. Brodsky wurde kleinmütig und verzichtete freiwillig auf das Mandat. Dieser Erfolg ermutigte Tolmatschow, und die wohllöbliche Behörde der Hauptstadt des Schwarzen Meeres fand ein neues, sehr ergiebiges Arbeitsfeld. Die Namen sämtlicher jüdischen Akademiker und Kaufleute wurden sorgfältig unter die Lupe genommen, und in Odessa begann eine Aera von Prozessen ,,wegen Aneignung falscher Namen", die auch für andere diensteifrige Satrapen des Ansiedelungsrayons vorbildlich wurden. Aus Anlaß der bevorstehenden Wahlen in die neue Durna verdoppelte Tolmatschow noch seine Energie. Er beschloß, ganze Arbeit zu machen. Wird ihm doch eine generelle Revision sämtlicher in Betracht kommenden jüdischen Namen die Möglichkeit bieten, die zahllosen beanstandeten Namen einfach aus der Wählerliste zu streichen. Die patriotischen Bemühungen Tolmatschows werden natürlich von den zuständigen Zentralbehörden eifrig gefördert. So befahl vor kurzem Justizminister S c h t s c h e g 1 o w i t o w dem offiziellen Rate der Rechtsanwälte des Gerichtsbezirkes Odessa, General Tolmatschow eine genaue Liste sämtlicher im betreffenden Bezirk in der Advokatur tätigen Personen zur Verfügung zu stellen. An Hand dieser Liste wird nun auf iolmatschows Antrag gegen vierzig jüdische Rechtsanwälte und Advokaturgehilfen der Prozeß „w egen Aneignung u s w." angestrengt. Ein Zeichen der Zeit Bis jetzt war es in Rußland allerorts üblich, daß nicht nur die jüdischen Soldaten, sondern auch die zu den sechswöchigen Uebungen eingezogenen Reservisten an den hohen Feiertagen vom Dienste befreit wurden. Diesmal ist es nun anders geworden. Der Odessaer Gemeinderabbiner Herr Dychno hat sich, wie in früheren Jahren, rechtzeitig an den kommandierenden General des Odessaer Militärbezirks mit dem Ersuchen gewandt, die jüdischen Reservisten des Bezirkes am Versöhnungstage vom Dienste zu befreien, wurde aber diesmal abschlägig beschieden. Auch aus W i 1 n a wird unter dem 30. September telegraphisch berichtet, daß der Chef des Wilnaer Militärbezirks ein dahingehendes Gesuch der Wilnaer jüdischen Gemeinde abgelehnt hat. Die wahren Urheber des türkisch-italienischen Krieges Der allwissende Sykophant der „Nowoje Wremja", M e n - schikow, war bereits am 2. Oktober in der Lage, der staunenden Menschheit die wahren Ursachen des jeden Kulturmenschen so tief betrübenden neuesten Krieges zu offenbaren. Nach den Informationen dieses unerschrockenen Kämpfers für Recht und Gerechtigkeit wurde der t ü r k i s c h - i t a I i enische Krieg von niemand anderemals von den Juden angezettelt, die „nach der Theorie Herzls sich auf den Trümmern der niedergeworfenen Türkei einrichten wollen." Diese verblüffende Entdeckung beruht natürlich auf zwingenden sachlichen Beweisen und kann unmöglich von bloßer Sympathie für die unglücklichen Türken eingegeben worden sein. Der beste Beweis hierfür ist die Tatsache, daß das Suworin-Menschikqwsche Blatt schon am folgenden Tage ganz entschieden für die Italiener Partei ergriffen hat. Dieses führende Organ der herrschenden Parteien Rußlands riet der Türkei, sich an ihre „deutschen Freunde" zu wenden und erklärte unverhohlen, daß eine Prellung des „kranken Mannes" für Rußland nur von Vorteil sein könne. Fortgesetzte Pogromhetzen der „Nowoje Wremja" Seitdem Stolypin als Opfer des Terrors fiel, hat diese in punkto Judenhetze erfahrene und verdienstvolle Zeitung einen auch für sie ungewöhnlich leidenschaftlichen und aufreizenden Ton gegen die jüdische Bevölkerung angeschlagen. Mit größter Beharrlichkeit wird die Idee des völligen, rücksichtslosesten Vernichtungskampfes gegen das Judentum gepredigt. Unverhohlen wird der „Volkszorn" gegen „die Blutfeinde des russischen Volkes", die Juden, angerufen und die Pogrompraxis findet die begeistertsten Panegyriker in den einflußreichen „Publizisten" des privilegierten Patriotenblattes. Eine feste Stütze in diesem heiligen Werke hat das Blatt in ihrem Kiewer Mitarbeiter, Sawenko, demselben Herrn Sawenko, den Menschikow vor einigen Monaten in derselben „Nowoje Wremja" als „Lügner und ehrlosen Menschen" stempelte. Ein dankbares Thema für diesen findigen Herrn ist natürlich der Kiewer „Ritualmord". Dieser Tage war nun wieder einmal in der „Nowoje Wremja" ein Pogrombrief aus Kiew zu lesen, wo der Kiewer „Ritualmord" mit erneuter Energie in Angriff genommen wurde. Unter anderem wird da versichert, daß der unlängst — nach Feststellung der Aerzte an Diphtherie — verstorbene Knabe T s c h e b e r j a k , ein Spielgenosse Juschtschinskys, von den Juden als gefährlicher Zeuge vergiftet worden sei. Grabschändungen In Dwinsk veranstalteten dieser Tage die Hooligans auf dem jüdischen Friedhofe einen förmlichen Hexensabbat. Zahlreiche Gräber wurden aufgewühlt und die Leichen hinausgeschleudert. 25 Grabdenkmäler wurden demoliert. Wiener Brief (Von unserem Berichterstatter.) Die Neue Freie Presse und der Deutsche Nationalverband Es ist bekannt, wie die „Neue Freie Presse", diese patentierte Inkarnation des deutschen Volkes in Oesterreich, sich einen in ganz merkwürdiger Weise entstandenen Artikel über England und seine Beziehungen zu Deutschland und die Marokkofrage geleistet hat, der in der ganzen europäischen Presse wegen seines unwahrscheinlichen Tones diskutiert wurde. Der Artikel wurde, wenn auch nicht expressis verbis, so doch in verschleiert durchsichtiger Weise dem hiesigen englischen Botschafter Cartwright zugeschrieben, der sich höchst energisch dagegen verwahrte. Dies nahm der deutsche Nationalverband, das verhätschelte Schoßkind der „Neuen Freien