Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 41 NEBELT 1077 „Assimiilatiten" Von SiegnnuBid: Katznelson. Wicht von denen soll liiie:r ulle Rede sein, die das Judentum von sich tun, wde man ein altes, abgetragenes Kleid ablegt und ein modernes, dem Zeitgeschmäcke entsprechendes anzieÖit — um nicht Anstoß zu erregen; nicht von den Parvenüs und den kriechenden Sklaven, die den Wert einer Sache nur mach ihrem Preis- und ihrer Käuflichkeit beurteilen, die Despoten sind mit! Knechte, demütig-freundlich und offen-brutal . . . wie es. der Augenblick fordert. Auch nicht von denen will ich sprechen, die Kampf und Seelennot :scheuen und den Frieeden suchen. — Nicht zu oft wirst du sie finden, die Menschen, die ich meinie, die srtillen Wesens siind, die einsam ihren schweren Weg gehen, aus deren dunkkn Augen ein reiner, starker Opfermut glüht, der sEe mit siälßer Schwermut verklärt. Sie sind Juden dhrem ganzen, »eigensten Wesen nach und sie fühlen die Tiefen un«d Abgrunde des Judentums wie nur wenigandere. Nicht in Versammlungen, wo man breit und gründlich die Problem« des modernen Judentums erörtert, kannst du einen solchen Merasdneii finden, aber gehe abends, wrenra die Sonne hinter den Bergen verglüht, über die stillen Felder, so wirst du ihn langsam kommen sehen, das Haupt gebeoEgt, — und in seinen Zügen sitzt der Schmerz. ÜJnd diese stillen Menscriheai, deren Seele ein einziges größtes Schlachtfeld ist und die sich langsam und unerbittlich Stück für Stück aus ilirem blutenden Herzen reißen müssen (mar. kommt nicht so leicht los vom Judentum!), diese Menschen mit dem Märtyrerglamze in den stillen Augen gehören vielleicht — ich wage die küLruie Behauptung — zu den heroiischesten Männern-, die das Judentum je hervorgebracht hat. Es ist das Blut ihrer Ahnen, die das leidvollste und grauenhafteste Martyrium, d,a.s die Welt gesehen, erduldet haben., das in ihren Adern rollt, so fiebrisch heiß, daß ihre Schlafen pochen und ihre Pulse fliegen. Das Verhängnis ist über ihnen: zu schauen diie Schönheit der anderen Welt und [gefesselt zu bleiben In dieser — und doch sich weiter zu sehnen und weiter zu verlangen umd weiter die Hände aus dem Dunkel dem Licht entgegenizm-trecken. Und eine Tragik ist in ihrem Schicksal, vor der, wenn sie ihrer ganz bewußt würdien, ihr Herz steheai bleiben und sie erstarren müßten: daß sie, die aus dem Dumpfen, Engen, Dunklen, Toten, Vermorschten, das sie bei den Ihren vermuten, nach dem Klaren, Weiten, Hellen, Lebendigen, Blühenden, das sie bei den andern glauben, streben, — dann, wenn sie zum Ziele gelangen sollten, nur noch Dum piferes, Morscheres, Dunkleres werden findein müssen- Das ungeheuerlichste Paradoxon der jüdischen Geschichte — 41ns d*m Tode zum Leben streben, um den Tod zu finden. Die meisten ahnen es — erst nach langen, schweren Kämpfen freilich, — daß sie ta Ziel nicht erreichen können. War ihr Ringen vergebens? Darin nun, wie sie diese Frage beantworten, offenbart sich eine märtyrerhafte Größe, wie sie nur xLem jüdischen Volke eigene ist. „Ich habe gekämpft und gestritten, bis mich meine Kraft verließ, und ich habe nichts erreicht — ich habe mich, selbsrt verloren. Ich hoffe, meine Kindier werden ans Ziel Romane n.u In dieser Antwort liegt eine Stufe von Selbstverleugnung, wie sie nur selten erreicht wird. Es ist darin die ganze Größe, doch auch die ganze Tiefe dieser Menschen. Hure: Größe, daß sie sogar so weit geheim, sich ihres Selbst, ihrer Persönlichkeit um des Zieles willera zu entäußern, und ihre Tiefe, weil sie so weit gingen und vor dem Heiligen, demn Unantastbaren nicht Halt gemacht haben. Denn die Sei bslverleugnung darf nie bis zur Selbstentäußerung, zur Auigaibe der Persönlichkeit führen. Gibst alles du, doch nicht das Leben, So wisse, du hast nichts gegeben. Doch eines kannst du nie verschenken, Dein Selbst, dein Ich, den heiPgem Dom, Du darfst nicht dämmen, nicht es lenlen, Nicht hemmen dieses Lebens Strom. '(Ibsen.) Feine, zarte Seelenfäden und tiefinnere ZlES-aiinnienhänge, die tiefer gehen als die bloße Verwandtschaft cks Blutes und der Wesensart, sind es, die uns Zionisten mit diesen Menschen verknüpfen, die man, wie die vielen anderen „,Assiniilanten" schilt. Ist unser Sehnen und Streben niclit eben dasselbe? Wollen nicht auch wir die Länder der Finsternis und der Dunkelheit verlassen und suchen auch wir niclit das Land des Lichtes mit unserer Seele? Nur das Ziel liegt in entgegengesetzter Richtung, doch dadurch ist der Eisenreif des Fatums, der die Schläfen jener Menschen umschließt, zerbrochen. Ich glaube, wir Juden sind eint Schicksalsvoik und jeder einzelne trägt das Schicksalsmal, das Zeichen seiner Bestimmung auf der Stirn; das ist es, was uns von den anderen Völkern unterscheidet. Und dies ist unser aller Schicksal, nicht in der Ebene wandeln zu dürfen, sondern in dunklen Abgrundtiefen graben zu müssen oder in sternenklaren Himmelshöhen alle Wonnen des Lebens zu Bühlen. Beide, wir Zionisten und jene Menschen, graben in dunklen Abgründen, um zum Lichte zu gelangen. Wir nach oben, sie nach unten. Jeder Spatenstich bringt uns dem Lichte näher, mit jedem Spatenstich versinken s i e tiefer in die Finsternis. Und jedesmal, wenn ein schwacher Lichtstrahl! durch eine winzige Oeffnung zu uns dringt, rufen wir ihnen zu: „Kehret um, Brüder, sehet die Zeichen, die Boten des Lichts." Doch unbeirrt und unverdrossen arbeiten sie weiter; ,,Es kann ja nicht sein. Es war sicher nur eine Täuschung. Nur hier kommen wir zum Licht/' Immer größer "wird die Entfernung, immer leiser die Schläge gegen das Gestein, Wie lange dauert es noch :und nur die kalte Felswand widerhallt von unseren Rufen zur Umkehr? Russischer Brief (Von unserem Berichterstatter.) Zionistische Freiwillige für die Türkei Die Lodzer Zionisten haben beschlossen, eine jüdische Freiwilligen-Gruppe zur Unterstützunoder Türkei im Kriege mit Italien zu bilden. Als Beitrag zu den nötigen Spesen spendeten sie 4000 Rubel. Gleich am ersten Tage hatten sich mehr als zwanzig Freiwillige gemeldet. Das Memorandum der „rechten" Parteien Die Ernennung Kokowzews zum Ministerpräsidenten veranlaßte die rechtsstehenden Parteien zu einer gemeinsamen politischen Deklaration an die Adresse des neuen Premiers, die auf eine Beeinflussung desselben nach der Richtung der nationalistischen Politik zielt. Der Verband des russischen Volkes, der Verband des „Erzengels Michaieln und die Nationalistenpartei arbeiteten gemeinsam ein Memorandum aus, das sich mit der jüdischen, finnischen und polnischen Frage befaßt. Der auf die Juden bezügliche Teil \vur<le toii Purischk e w i t s c h abgefaßt und verlangt Verschiebung sämtlicher „wohnrechtsloser" Juden nach dem Ansiedhingsrayon; Annullierung aller jüdischen Kaufakte auf Immobilien außerhalb der Städte; energische Maßnahmen gegen die „Verjudung des Handels und der Gewerbe", Zurückdrängmig der Juden vom Advokaten- und Apothekerberuf; ei n Verb o t d e r Sabbatruhe; Repressivmaßnahmen gegen die jüdische Presse; Ausschließung der Juden vom Militärdienst, u/ie auch vom Wahlrecht usw. Irn letzten Augenblick überlegten sieh die Nationalisten, die an der Ausarbeitung des Memorandums teilgenommen hatten, die Sache, und verweigerten ihre Unterschriften, so daß das Elaborat nur im Namen der extremen