Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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DlE^ELT No. 40 1062 Dr. H. Baneth, über den Verlauf der Baseler Verhandlungen. Es entwickelte sich hierauf eine recht anregende Debatte über die gegenwärtige Lage des Zionismus. Organisation zionistischer Studenten aus Osteuropa Wir erhalten folgende Zuschrift: Während des X. Zionistenkongresses ist auch der Grund zur Organisation zionistischer Studenten nach Landsmannschaften gelegt worden. Die Notwendigkeit einer solchen Organisation hat sich in akademischen Kreisen schon lange fühlbar gemacht und mehr als einmal sind Versuche in dieser Richtung getan worden. In Westeuropa existieren wohl zionistische Studentenvereine oder Verbindungen, die sich in Oesterreich, Deutschland, England, Holland und der Schweiz in befriedigender Weise entwickeln. Ihre Bedeutung im jüdischen Leben macht sich immer mehr bemerkbar und die zionistische Oeffentlichkeit hat schon lange ihre Wirkung als segensreich für die Bewegung anerkannt. Aber das Fehlen eines Bandes zwischen diesen Vereinen stört sie in ihrer Tätigkeit, da sie nicht nach einem Programm und nach einer vorher bestimmten Taktik arbeiten. Deshalb haben wir zionistische Studenten aus Osteuropa auf dem Kongreß unsere Landsmannschaft konstituiert, die natürlich auch der allstudentischen Organisation beitreten wird. Unsere Tätigkeit wird sich auf folgende Gebiete zu erstrecken haben : Die alltägliche zionistische Arbeit nimmt immer größere Dimensionen an und erfordert infolgedessen die Heranziehung unserer sämtlichen Arbeitskräfte. Wir betrachten es als Pflicht der akademischen Jugend, einen aktiven Anteil an dieser Arbeit zu nehmen. Unsere Tätigkeit in Palästina, die den ersten Platz in der zionistischen Arbeit überhaupt einnimmt, verpflichtet besonders uns Studenten, das Land, seine Bewohner, sein Klima und seine Lebensbedingungen zu studieren und diejenigen, die sieh in Palästina niederzulassen beabsichtigen, bedürfen noch einer speziellen Vorbereitung. Eine ersprießliche kulturelle Arbeit ist auch nur möglich, wenn die intellektuellen zionistischen Kräfte der Bewegung mit ihren Kenntnissen der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte usw. zu Hilfe kommen. Aber auch außerhalb der zionistischen Kreise liegt vor uns ein breites Arbeitsfeld mit unendlichen Erntehoffnungen. Wirken wir für die Entwicklung des jüdischen nationalen Selbstbewußtseins unter den Außenstehenden, so haben wir nicht nur für den Nationalismus, sondern auch für den Zionismus gewirkt, denn der erstere ist die Vorschule des letzteren. Dieser Arbeitsplan erfordert hingebende Arbeit, sowie eine starke Organisation mit straffer Disziplin. Der Anfang ist dazu gemacht. In unserer Versammlung in Basel, an der sich 52 osteuropäische Studenten aus 15 Universitätsstädten beteiligten, ist ein Verband zionistischer Studenten a u s Ö s t - europa gegründet worden. Es wurde ein fünfgliedriges Komitee zur Bearbeitung der Statuten und Einberufung einer Konferenz gewählt. Das Komitee hat seine Arbeil begonnen, aber von jedem von uns Studenten hängt es ab, ob die Gründung mehr als ein Versuch bleiben wird. Der größte Teil der osteuropäischen zionistischen Studenten konnte an dieser Versammlung selbstverständlich nicht teilnehmen; wir bitten diese daher, uns ihre Adressen mitzuteilen und, sowohl einzelne wie Vereine, die Interesse daran haben, sieh mit uns in Verbindung zu setzen. Mit Zionsgruß B. P a p e r t , med. R. Sverdloff, cand. phil. A. Grabois, cand. jur. Adresse : R. S v e r d 1 o ff, B e r n , Cäcilienstr. 53. Russland Die neueste Wendung in der Kiewer Ritualmordhetze Die Pogromhetzer von den patriotischen Organisationen und die Reaktionäre haben allen Grund zu triumphieren. Die '' *x^~" u'-u:-~1t Irr rlir von ihnen erwünschte Wendung angenommen, und der „Ritualmord" ist da. Die anfangs in Verdacht genommenen nächsten Verwandten des ermordeten Knaben wurden nach kurzer Untersuchungshaft aus Mangel an ernsthaften Indizien wieder freigelassen, und im Gefängnis schmachtet zurzeit der Jude Mendel B e i I i s , gegen den die Anklage, Juschtschinsky ermordet zu haben, in aller Form erhoben wurde. Binnen kurzem wird Beilis vor dem Geschworenengericht zu erscheinen haben. Die Grundlagen der schweren Anklage laufen auf folgendes hinaus: Beilis, ein Angestellter der Ziegelfabrik Saizews, wohnte im Monat März, zur Zeit der Ermordung Juschtschinskys, allein auf dem Fabrikhofe, da die Arbeit auf der Fabrik damals ruhte und Gebäude und Hof sich unter seiner Aufsicht befanden. Nun hat die Sezierung der Leiche ergeben, daß der Knabe drei Stunden nach dem Essen ermordet worden sei. Es wurde ferner festgestellt, daß der Knabe um sechs Uhr morgens gefrühstückt hat, gegen neun Uhr will man ihn in der Nähe des Ofens der Ziegelfabrik spielen gesehen haben. Auf dem Hemde des Knaben wurden Spuren von trockenem Lehm gefunden. Auch erschien es sehr wahrscheinlich, daß der Mörder sich einer Art Nadel, wie sie von den Sattlern gebraucht wird, als Waffe bedient hat. Und es paßt hierzu sehr gut, daß in der Nähe des Ziegelofens sich eine Sattlerei befindet. Dies sind die „schweren" Indizien,die der Staatsanwalt für hinreichend erkannt hat, um gegen Beilis die Mordanklage zu erheben. Den Herren Patrioten paßt die Sache natürlich sehr gut in ihren Kram. Der jüdische Angestellte des jüdischen Fabrikbesitzers hat die stille Lage des Fabrikhofes benutzt, um einen christlichen Knaben hinzumorden, nachdem er ihm zahlreiche Wunden beigebracht hat, die offenbar ein bequemeres Abzapfen des Blutes ermöglichen sollten. Braucht man da noch bessere Belege für die der Duma eingereichte Interpellation betreffs des Kiewer Ritualmordes? Mit anderen Worten: braucht man noch einen besseren Erfolg dieser Interpellation, als die neueste Wendung der Kiewer Affäre? . . . Bei der schwülen Kiew er Athmosphäre muß das Geschick Beilis' ernste Besorgnis erregen. — Massenhafte Ausweisungen in Tomsk Mit der Ankunft des neuen Gouverneurs haben die Ausweisungen in Tomsk einen großen Umfang angenommen. Wie aus Tomsk unter dem 25. Septemher telegraphisch berichtet wird, haben sich dieser Tage neun jüdische Familien mit zahlreichen Kindern, aus Angst, per Schub deportiert zu werden, nach dem Hafenplatz T s c h e r e m o s c h n i k i begeben, wo sie in schlechtem sibirischen Herbstwetter, in Regen und Sturm, drei Tage in Erwartung des Dampfers unter freiem Himmel zugebracht haben. - Die Polizei veranstaltet förmliche Hetzjagden auf wohnrechtslose Juden. Es geht auch nicht ohne kuriose Geschichten ab. So erhielt der Apotheker Felix Eßm a n n plötzlich die Weisung, sofort die Stadt zu verlassen, worauf er den Beweis erbrachte, daß er Lutheraner und Vollblutdeutscher sei. Die Polizei erklärte den Irrtum mit dem jüdischen Namen des Ausgewiesenen. Boykottbestrebungen der „Rechten" Die monarchistischen Organisationen beabsichtigen, im Interesse der wirtschaftlichen Boykottierung der Juden ein Handbuch der Stadt Petersburg herauszugeben, wo die Handelsfirmen, Apotheken, Rechtsanwälte, Aerzte usw. in zwei Gruppen, in eine jüdische und eine nichtjüdische, eingeteilt werden sollen. Desgleichen soll ein Index all jener Adligen veröffentlicht werden, die es nicht verschmähen, mit Juden in geschäftlich em Verkehr zu stehen. In Kiew Der Kiewer Nationalklub beschloß, eine Petition an den Zaren zu richten, daß sämtliche Juden ohne alle Ausnahme aus Kiew ausgewiesen werden. Es wird beabsichtigt, für die bezügliche Petition fünfzigtausend Unterschriften zu sammeln. ----- Die Kommission zur Errichtung eines Denkmals für Stolypin in Kiew, mit Generalgouverneur Trepow und BürgÄ"- meister D j a k o w an der Spitze, faßte den Beschluß, von Juden keine Spenden für das Denkmal anzunehmen. Die Panik in Kiew dauert fort, trotz der energischen Enunziationen des Generalgouverneurs gegen die Pogrombestrebungen der monarchistischen Organisationen. Die jüdische Bevölkerung fühlt sich wie auf einem Vulkan. Der blutrünstigen antisemitischen Agitation auf den Straßen und Märkten, von der Kirchenkanzel und in öffentlichen Versammlungen wird ,J^£iiLXiJlliaiL-gebotej3^ Da man einen groß angelegten Pogrom