Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 40 DIE3&ELT \f 1063 nicht gut veranstalten kaum, so wird mit kleinen Exzessen fürlieb genommen. Die Fälle der Mißhandlungen jüdischer Passanten auf der Straße werden immer häufiger. Zwei Juden, Abraham Ostrowsky und Student N. Liischitz, sind bereits als Opfer derartiger patriotischer Streifzüge gefallen. Sie erlagen den schweren Wunden und „die Missetäter blieben unbekannt". Weißer Terror Unter dem Namen „Die Rache des russischen Volkes'4 hat sich in J e k a t e r i n o s 1 a*v eine „rechte" Terroristenorganisation gebildet, die in ihien massenhaft verbreiteten Flugblättern die Arrangierung ron Pogromen und terroristischen Racheakten ankündigt. - Aus Kokowzows Vergangenheit Aus Petersburg sc!reibt man uns: Kokowzo w ist n i c Ii t wie sein Vorgänger ein Eniporköm mlin g. War S-1 o 1 y p i n sprungweise /.um höchsten Staatsamt gelang!, so hat der neue Premier einen recht langsamen W e g hinter sich. Er ist Fleisch vom Fleisch der russischen Bureaukratie und verfügt über einflußreiche Beziehungen bei Hofe und in den Sphären. Als Stolypin noch ein frischgebackener Provinzgouverneur war, genoß Kokowzow bereits großes Ansehen in den höchsten Regierungskreisen und galt seit vielen Jahren als Miiiistercinvvärter. So hat er auch in jenem Pelerhofer Rat, der im Sommer 1905 unter dem Vorsitz des Zaren das Bulyoinische Durriaprojekt beriet, eine aktive Rolle gespielt. Bei dieser Gelegenheit erwies er sich glicht als Anhänger möglichst weitgehender Dumarechte, und seine Abneigung gegen den Konstitutionalismus kam auch später einmal in der Duma in seinem bekannten Ausspruch zum Ausdruck: „Gort sei Dank, wir haben ja kein Parlament." Als er diesen Ausspruch tat, schien Stolypin trotz des Staatsstreichs vom Sommer 1907, den er bereits auf dem Gewissen hatte, noch immer der liberale Mann zu sein. Im Laufe 4er Zeit hat sich dies Verhältnis geändert. Stolypin ging immer mehr in das Lager der Schwarzen über und ward ein immer entschiedenerer Schöpfer reaktionärer Neuerungen, während Kokowzow für die Revolution von rechts keine Neigung besaß und seine gemäßigt konservative Gesinnung beibehielt. Eine solche zeigte er auch jedesmal, wenn es sich um Beschränkungen der Finnliinder, Polen, Juden handelte. In seiner Eigenschaft als Finanzminister sah er in allen derartigen nationalistischen Versuchen eine Gefahr für Rußland und trat ihnen entgegen, ohne allerdings große Erfolge zu erzielen. Auch schon am Schluß des Jahres 1906, nls das Kabinett Stolypin sich noch mit einer Erweiterung der judenrechte in Rußland befaßte, zeigte er sich zu den relativ stärksten Konzessionen geneigt, während seine Kollegen nebst Stolypin seine Vorschläge größtenteils zu Falle brachten, Wohl bedacht! Auch er betonte sogar seine gegenteilige Gesinnung, aber ihm schien doch die Fortdauer der gegenwärtigen Judensituation unhaltbar. Daß er vor kurzem einem amerikanischen Interviewer gegenüber die Erklärung abgab, daß der jetzige Zeitpunkt für Erweiterung der Judeurechte ungeeignet sei, widerspricht seiner früheren Haltung noch nicht; seine Worte enthielten eine grundsätzlich unverbindliche Konstatierung der Tatsache, daß für eine Milderung des Juden loses im vergangenen Sommer weder bei Hofe noch im Kabinett Stolypin auch nur die geringsten Chancen vorhanden waren. Wenn jedoch der Finanz minister eine pythische Antwort erteilen durfte, so ändert sich die Sachlage für den Premier Kokowzow, sobald der Gesetzentwurf zur Abschaffung der für die Juden bestehenden Wolmbeschränkimgen zur Sprache kommen sollte. Genau so steht es um die antifinnländischen und antipohiischen Projekte, als deren Gegner er im engeren Kreise der Minister mehrfach auftrat. Bald wird es heißen: hic Rhodus, hic Salta! Jetzt kann Kokowzow nicht mehr den reservierten Alann spielen, und da wird es sich bald zeigen, ob er seine Ansicht auch zu vertreten imstande ist. Bei Finanzfragen hat Kokowzow niemals den Kämpfer, sondern immer nur den konzilianten -Optimisten hervorgekehrt, und so wichtig auch die Finanzangelegenheiten waren, so haben sie bislang nur selten im russischen Parlament besonders scharfe Gegensätze ausgelöst. So glitt Kokowzow mit ein«r gewissen Elastizität in seiner parlamentarischen Betätigung über alle Klippen hinweg, ohne bei irgendwelcher Partei auch innerhalb der Opposition merklichen Anstoß zu erregen. Nunmehr, da Kokowzow zum Lenker der aligemeinen Politik wird, hat er erst zu zeigen, ob er nur ein geschickter Hofmann und Redner oder auch ein Charakter ist. Die Zeitungsstimmen über Kokowzow Der ergraute Publizist Fürst Mestschersky schreibt zur Ernennung Kokowzows: „Die Wahl zeigt, daß die reine und strenge Wahrheit wohl eingeschätzt wird. Die Wahl ist weise/' Die B i r s c h e w i j a W j e d o m o s t i hingegen raten, mit dem Urteil vorläufig zurückzuhalten und erst nach bestimmten Taten Kokowzows ein Urteil zu fällen. Aehnlich lautet der Rat von Purischkewitz: ,,Kokowzow ist ein unbestimmter Mann, und die Küken zählt man erst im Herbst." Die meisten „echtrussischen" Blätter äußern eine gewisse Aengstlichkeit. Sie hatten es in letzter Zeit zu gut gehabt und fürchten für sich schlimmere Tage. So warnt der S w j e t: „Eine Aenderung im inneren Kurs der Politik wäre ein gegen die teuersten Gefühle aller russischen Männer gerichteter Kurs."' Das noch mehr rechtsstehende Blatt Kolokol empfieh.lt in gleicher Stimmung allen „Fremdvölkern", sich nicht zu freuen, da die Politik „russisch" bleiben müsse. Der bekannte Publizist der N o w oje Wremja, Mensch ikow, möchte sich noch der Hoffnung hingeben, daß Kokowzow trotz seiner liberalen Erziehung schließlich in der Fremd Völkerfrage doch von nationaler Begeisterung erfaßt werden wird. In gleicher Weise fordert die Nowoje Wremja, daß die entschiedene Politik im Hochschulwesen fortdauere. Irgendwelche Konzessionen in dieser Richtung wären erbärmlich und schändlieh. Anders urteilen verschiedene Moskauer oktobristische und liberale Blätter. So meint echt oktobristisch der G o 1 o s Moskwy: „Unter den gegenwärtigen Bedingungen gibt es weder nach rechts, noch nach links einen Weg. Der Wegist direkt vorwärts — nämlich der Weg national-fortschrittlicher Arbeit!'• Die R u ß k i j a Wjedomosti schließlich, ein Organ des entschiedenen Liberalismus, meinen: „Ueber Kokowzow als Liberalen zu sprechen, liegt nicht die geringste Veranlassung vor. Gleichwohl ist seine Kandidatur als Anwärter auf den Premierposten auf heftigen Widerstand seitens der Rechten und Nationalisten gestoßen, und jetzt leugnen sie ihre ablehnende Haltung nicht. Der Grund ist der,"daß der Finanzminister mit Rücksicht auf seine Lage die Stimme der öffentlichen Meinung des Westens und selbst Rußlands nicht ganz überhören kann und den polizeilich administrativen Erwägungen die volkswirtschaftlichen und kulturellen In pressen nicht zum Opfer bringen darf." Die blamierte Kiewer Ochrana Aus P e t e r s b u r g wird uns vom 28. September geschrieben : Nach und nach erfährt man erst, welche heillosen Zustände in der Kiewer Ochrana geherrscht haben. Für den Schutz Stolypins waren offiziell 209 000 Rubel ausgesetzt, aber die Kiewer Ochrana hatte das Doppelte eingezogen und weist noch ein Defizit von einer halben Million auf. In Wirklichkeit wurde Stolypin überhaupt nicht beschützt. So «-ewährte die Ochrana wegen „Mangels an Mitteln" nicht einmal ein Automobil für Stolypin, und Kurlow weigerte sich, seihst einen Gendarm vor dem Zimmer, in dem Stolypin sich aufhielt, hinzustellen, da für die Sicherheit des Premiers hinreichend gesorgt sei. So hatte jeder freien Zutritt zu den von Stolypin bewohnten Gemächern. Gestohlen wurde in fabelhafter A^anier. Erhielt doch allein der Ochranaleiter 90 000 Rubel zur unkontrollierbaren Verwendung. Die Angaben Bagrows ließen sogar den Verdacht aufkommen, als ob ihm die Ochr..:na die Flucht garantiert hätte und als oh er Kuljabko zu Dank verpflichtet sei. Das nennt man Schutz — „Ochrana"! Schluß des redaktionellen Teiles Danksagung Für die mir aus Anlaß des Todes meines Vaters von zahlreichen Freunden und Gesinnungsgenossen zugegangenen Beileidskundgebungen spreche ich hiermit ineinen herzlichsten Dank aus. Berlin W. 15, Knesebeckstraße 4b 47. Abraham A w adio witz.