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Die Welt · 1911-10-06 · 40 (6.10.1911) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1060 Olf □□□□□□ o o \> —r> DIE3$KELT - FEUILLETON No. 40 =^=27 □□□□□□ )§ 1 Notizbuch Su kkot h. Unter allen jüdischen Festen ließ das Sukkothfest den palästinensischen Charakter des Judentums am entschiedensten hervortreten. Es bildete den Abschluß des landwirtschaftlichen Jahres in Palästina und hieß daher „das Fest der E i n Sammlung"; es wurde nicht bloß als lokale Feier von den einzelnen Gemeinden, sondern auch als Nationalfeier gemeinsam begangen. Es trug das Gepräge eines überaus fröhlichen, möglichst im Freien gefeierten Volksfestes: man nahm Früchte von Zierbäumen, Palmenzweige, Büschel von dicht belaubten Bäumen und Bachweiden, trug sie fröhlich umher, schmückte mit ihnen auch die aus Baumzweigen geflochtenen Hütten, in welchen das Volk während der 7 tägigen Festfeier wohnte und von welchen das Fest seinen gewöhnlichen Namen „Laubhüttenfest** hat. Das Fest sollte auch das Volk daran erinnern, dal) es Gott im Hütten oder vielmehr Zelten hatte wohnen lassen, als er es aus Aegypten führte, also an die Zeit, wo das Volk noch ohne festen Wohnsitz auf dem Wege war, das verheißene Land einzunehmen, über dessen Ertrag es sich am Ernte- und Dankfest freute. So erhielt diese Festfeier das Bewußtsein lebendig, daß die Volksexistenz mit der Besitznahme des Landes zusammenhängt und daß das Volk dieses Landes fort und fort innehaben müsse. Mit Rücksicht hierauf war nur den geborenen Israeliten, die allein am Landbesitz teilhaben, diesen aber insgesamt, dr.-- Wohnen in Hütten vorgeschrieben. Es ist dies daher das nationalste und das palästinensischste unter den Festen, die unser Volk feiert. Von diesem Geist ist auch das Sukkothfest bis auf den heutigen Tag erfüllt. Der Gottesdienst, die Feste, die Symbolik der Laubhütte und der „vier Gattungen" sind durchwegs palästinensisch. Nur eine modern sein wollende Pseudo¬ Homiletik nahm an diesem natürlichen Charakter des Festes Anstoß und suchte ihn umzudeuten. Das Judentum sollte nicht national, sondern universal sein. Nur verkennt die Homiletik die tiefen Zusammenhänge zwischen Nationalität und Menschheit. Wir haben nichts dagegen einzuwenden, wenn man als den Kern jüdischer Anschauungen dasjenige bezeichnet, was die Frommen die allgemeine Kindschaft Gottes und die tugendhaften „Väter" der Mischna die Gleichberechtigung alles dessen nennen, was Menschenangesicht trägt. DaB alle Menschen berufen sind, zum Heile geführt zu werden, daß nicht die Frommen einer Nation mit größerer Tugend und Gerechtigkeit, mit höheren Ansprüchen auf die Seligkeit ausgestattet sind als die der anderen, sondern daß sie alle selig werden können, das ist der Grundgedanke, um deswillen das Judentum human und fortschrittlich genannt werden kann, und darauf sind wir stolz. Der Gedanke, daß die Menschheit ein einziges Ganze bildet, daß die Liebe, welche alle Menschen bindet, mächtiger ist als alle Hindernisse, die sie entzweien, ist durch das Judentum in die Welt gelangt. Die Menschheit ist ein einiges Ganze und kein Zweig des Menschengeschlechts ist so gering gewesen, daß nicht auch er zu dem ewigen Bau der menschlichen Kultur sein Sandkorn beigetragen hätte. Das ist richtig. Aber gerade diese .Menschheit macht die Existenz der Völker notwendig. . Wir sind in unserem Gewissen verpflichtet, an der Ausbildung der eigenen Nationalität zu arbeiten und zugleich in unserem Gewissen verpflichtet, die hohen Menschheitsziele nicht aus den Augen zu verlieren. Wir haben keinen Nationalismus, wie ihn die anderen Völker haben. Eine krankhafte Ueberreizung dieses an sich gesunden Gefühls sehen wir allerorten; wir fühlen uns frei davon. Wir wollen nur unsere eigene Nationalität lieben und schirmen, denn nur so können wir zu den höchsten Gipfeln der Humanität gelangen. Wenn wir diesen Gedanken betonen, so geschieht es nicht, um jemandem ein Unrecht oder eine Schmach zuzufügen, sondern um unsere bedrohte Existenz zu verteidigen. Alle Feste betonen diesen Gedanken —, am allerkräftigsten das Laubhüttenfest. Es war dies auch das Fest der Rückkehr und der Wiederbelebung der Nation. Zur Zeit Nehemias wurde auf Betrieb Esras die Feier zum erstenmal so gehalten, daß alles Volk während der Dauer derselben in Laubhütten wohnte; nicht als ob dieser Festbrauch nicht längst bestanden hätte, vielmehr geschah es nur zum erstenmal, daß das Wohnen in Hütten allgemein beobachtet wurde. So ist uns Sukkoth ein teueres eigenes Fest. Die Gesetzesfreude. Im nationalen Leben wechseln ebenso wie in allen anderen Lebensbeziehungen zwei Strömungen: in der einen überwiegt das Interesse des Tages, der Blick ist nur auf das Nächste gerichtet, die Einzelheiten, die unmittelbar drängenden praktischen Bedürfnisse des Lebens treten in den Vordergrund; in der anderen sind die großen Grundgedanken des GenieinschaftslebeiiiS, die idealen Ziele und Hoffnungen des Volkes das Bewegende. Beide Strömungen haben ihr Recht und ihre Gefahren, und darum ist jede der Regulator der anderen. So nötig es ist, für das tägliche Leben mit seinen Bedürfnissen zu sorgen, so leicht gewinnt hier die Kurzsichtigkeit, die nichts kennt als die augenblicklichen Interessen, und die keinen Sinn hat für das große Ganze, die Oberhand, und In den trüben Fluten des Volkslebens fischen dann diejenigen mit dem größten Glück, welche zwar allgemeine Gesichtspunkte haben, aber schlechte. Auf der anderen Seite, so erhebend die Zeiten eines idealen Aufschwunges sind, so nahe liegen die Gefahren eines unfruchtbaren Idealismus, der romantischen Verkennung der Gegenwart und des Pessimismus, und den Sieg gewinnen diejenigen, welche in kleiner Detailarbeit zwar für die einzelnen Bedürfnisse des Volkslebens zu sorgen verstehen, aber den Volksgeist einschnüren oder wenigstens ihn nicht zu einer höheren Entfaltung zu bringen vermögen. Die ideale Richtung unseres Volkes, weil sie den Blick zu ausschließlich auf die religiösen Ideale und auf die höchsten Probleme des Erkennens gerichtet hielt, hat der Assimilation die Tür geöffnet, welche die sogenannten Realitäten des Lebens betonte und auf organisatorischem Gebiet des Gemeindewesens, der Philanthropie, der Kultuseinrichtungen mit seinen Parteien der inneren Zersplitterung zum Siege verhalf und die großen einheitlichen Lebensprinzipien der Nation leugnete. Heute, wo wir die Wirklichkeit, auch die praktische; Wirklichkeit, nicht im Kleinen, sondern im Großen suchen, nicht in der Zersplitterung, sondern in der Vereinigung unseres Volkes den Zweck unserer historischen Existenz erblicken, stehen wir unter uns selbst mitten in der Frage der Idee und der Praxis. Und wenn wir in diesem Bewußtsein und in dieser Stimmung das Fest der Thorafreude feiern, dann haben wir allen Grund, zu wünschen, daß auch bei uns wieder mehr Geist die Herrschaft gewinne über die Macht der kleinen materiellen Interessen.

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